Die im Dunkeln sieht man doch

Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Glitzernd rieselt das bunte Konfetti herab und legt sich wie eine Wand zwischen uns und diese verlorene Gestalt, die dort mit klarer, dünner Stimme „Dort drunten in der Wachau“ singt. Barbusig steht sie da, mit einem Blick, der irgendwo zwischen Staunen und Resignation verweilt. Die Konfettimauer ein letzter, schwacher Schutz vor den Blicken der anderen und zugleich ein so starker Kontrast zur Verzweiflung dieses geschlagenen, getretenen, vielfach ausgestoßenen Wesens, dass die Bestürzung ob dieses Anblicks eher noch intensiviert wird. Sie ist ganz unten, diese Marianne, die nur dem folgte, was sie für den Ruf ihres Herzens hielt und die doch gleich noch tiefer fallen wird. Es ist eine bodenlose Welt, die Ödon von Horváth in seinem bekanntesten Stück beschreibt und die Michael Thalheimer mit seiner leeren Bühne visualisiert. Deren Ende ist nur zu erahnen, irgendwo dort, wo die Figuren im Halbdunkel herumlungern, um kurz zeitig ins Licht zu treten, für einen Moment nur, bevor sie wieder verschwinden. Es sind vergessene Gestalten, Einzelkämpfer auf der Suche nach dem eigenen Glück, eine Suche, die sie ohne Rücksicht bestreiten, die anderen aus dem Weg räumend, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass sie sich so ihren Weg zum Glück selbst verbaut haben.

Thalheimer tut gut darin, sich einer eindeutigen Vergegenwärtigung zu verweigern und vielleicht sehen wir gerade dadurch in diesen Dunkelmännern und Dunkelfrauen auch die Teile unserer Gesellschaft, oder wenn wir wollen, unserer Welt, auf die nur selten ein Licht fällt, weil wir es nicht auf sie richten. Und ist diese Dunkelheit nicht ohnehin auch in denen von uns, die sich auf der Sonnenseite wähnen? Mit dem Hell-Dunkel-Kontrast hat Thalheimer gleich zu Beginn angefangen: Da erklingt Johann Strauß‘ wunderbarer Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die Bühne mit einigen im Hintergrund mehr erahn- als sichtbaren Gestalten bleibt dunkel, während das Saallicht langsam wieder angeht. Und doch sieht man die im Dunkeln umso schärfer, je mehr man seinen Blick auf sie konzentrieren muss. So wie diese Figuren in der Folge zwischen Licht und Schatten wechseln ebenso wie zwischen gut und böse, manchmal innerhalb eines Augenblicks, so wie sie ihre Pappmasken auf- und absetzen, so erblicken wir in ihnen vielleicht auch unsere dunkle Seite, ob diese nun in uns ist oder wir sie komfortabel ausgeschlossen haben.

Auch ohne Masken begegnen wir zunächst Pappkameraden, albernen Karikaturen, lächerlichen Tröpfen, über die zu lachen nicht schwerfällt. Doch wie leicht kippt das: Als Oskar (Peter Moltzen) seiner Verlobten eine Schachtel Pralinen überreichen will, verheddert er sich minutenlang, in der Sakkotasche, die ganze Aktion endet mit einer vollkommen zerknüllten Packung. Das ist wunderbarer Slapstick, hochkomisch und zugleich todtraurig: Wie sich Oskars Körper verkrampft, sein Gesicht erstarrt und er zu guter Letzt verloren, geschlagen von der Bühne schleicht, kann niemanden gänzlich kalt lassen. Es ist diese Fallhöhe aus dem Komischen, der Ironie, der Karikatur, die Thalheimers Ausgrabungen menschlicher Untiefen so bewegend, so verunsichernd macht. Am meisten gilt das wohl für Almuth Zilcher als alternde Trafikantin Valerie: Sie zetert und lacht und heult und  trauert, immer eine Spur zu laut, immer bemüht, ihre abgrundtiefe Verzweiflung zu verbergen. Wie sie in einer Sekunde von Mitleid in unbarmherzige Verachtung wechseln kann, brennt sich geradezu ein. Ebenso Michael Gerbers traurig-komischer und erschrecken hartherziger Zauberkönig oder Simone von Zglinickis mörderische Großmutter, deren Pragmatismus wahrhaft teuflisch wirkt und die doch so gut ín diese Aufreihung der Ausstoßer und Folterer und Ego-Tyrannen hineinpasst – als einzige, die ihre brutale Ich-Zentrierung nicht bemäntelt. So wie Oskar: So gewalttätig war sein erschütterndes Diktum „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen!“ selten zu hören, eine Liebeserklärung, die auch und in erster Linier Drohung ist.

Und dann ist da  die Musik: Kathrin Wichmann, die hier auf tief berührende Weise eine naiv-staunende Marianne spielt, hat „Dort drunten in der Wachau“ zuvor schon einmal gesungen: schief und peinlich und voller Lebensfreude. Jetzt ist die Melodie rein, die Töne fahl, der Ausdruck abgestorben. Auch Strauß‘ Walzer, der den ganzen Abend über eine Art gespenstische Hintergrundmusik bleibt, erklingt am Ende noch mal. Die Aufnahme ist die gleiche und doch klingt die Musik nach dem Vorangegangenen so gänzlich anders klingt – fahl und geisterhaft, eine Todesmusik.

Michael Thalheimer ist nach längerer Zeit auch an seiner ehemaligen Hauptwirkungsstätte mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Wo Komik und Tragik ineinandergreifen, Licht und Schatten einander folgen, gut und böse das Gleiche sind, da gelten vermeintliche Gewissheiten nicht mehr. Da ist auch Marianne schuldig und Alfred unschuldig, da steht ein jeder verloren auf seiner eigenen Straße ins Glück, die doch nur eine Sackgasse ist. Das verursacht Unwohlsein, Verunsicherung, das geht nahe und berührt, ohne je kitschig zu werden. Es wird viel gelacht an diesem Abend und doch mischt sich immer öfter Trauer, ja entsetzen in das Gelächter. Wenn am Ende alle Schultern und Haare mit Konfetti bedeckt sind, ist daran nichts mehr lustig. Ganz im Gegenteil.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Die im Dunkeln sieht man doch

  1. […] schwebt eine gewisse Leichtigkeit, ein Witz über all dem Tragischen, was hier gezeigt wird. Wie der Oskar sich minutenlang an einer Bonbonverpackung abarbeitet, hat […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: