Aufgestoßene Türen

Das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Iván Fischer mit Werken von Brahms und Mendelssohn-Bartholdy

Von Sascha Krieger

Bekannt geworden ist der kroatische Pianist Dejan Lazić vor allem durch ein Werk, das Johannes Brahms nie in dieser Form geschrieben hat: Selbstbewusst nannte Lazić seine Bearbeitung von Brahms‘ berühmtem Violinkonzert „Klavierkonzert Nr. 3“ und stellte seine Version damit in die Reihe von Brahms‘ eigenen zwei Gattungsbeiträgen. Bei seinem Gastspiel mit dem Konzerthausorchester unter seinem Chefdirigenten Iván Fischer setzt er diesmal auf eines, das Brahms tatsächlich als Klavierkonzert verfasst hat: sein erstes, 1859 uraufgeführt. Und doch gibt es eine Verbindung, war das Werk doch zunächst als Sonate für zwei Klaviere und später als Sinfonie konzipiert. Ein Grenzgänger zwischen den Gattungen also auch dieses – ebenso wie sein Interpret.

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Durchaus eigenwillig geht Lazić auch dieses Werk an, dem man die sinfonische Herkunft vor allem im ersten Satz immer anmerkt. Das Klavier wird hier wie im finalen Rondo immer wieder Teil des Orchesters und Lazić lässt sich gern „verschlucken“, taucht im Orchesterklang unter, nur um gleich wieder eigene Akzente zu setzen, die das Orchester dann aufnimmt oder denen es auch mal widerspricht. Gerade im Kopfsatz, den Fischer höchst energisch angeht, entsteht ein gewisses Spannungselement, das Orchester und Solist zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit diesem nie in romantischen Schönklang verfallenden Week nutzen. Dabei hält das Orchester den anfänglich aufgebauten Druck nicht durchgängig durch, klingt streckenweise ein wenig fahl und lässt sich dann doch immer wieder vom Solisten inspirieren.
Diesem liegt hier wenig an Präzision, auf die einzelne Note kommt es ihm nicht an. Ganz im Gegenteil: Lazićs Spiel ist betont unscharf, er lässt die Musik dahin- und zuweilen zerfließen, sein Klang ist immer ein wenig verschwommen, nie so recht fassbar, nicht von dieser Welt, möchte man sagen. Er spürt den Tönen und Melodiebögen nach, insbesondere im düsteren ersten Satz und im versonnenen, dahin träumenden Adagio, er folgt ihnen dorthin, wo sie einst hinführen werden, an die Grenzen der Romantik und die Tore zur Moderne. Sein Brahms bleibt rätselhaft, seine Wahrheiten liegen zwischen den Noten, einen Raum, den Lazić auf faszinierende Weise durchschreitet und in den ihm Fischer voller Neugierde folgt. Dieser Brahms weist in die Zukunft, er ist kein Bewahrer, sondern ein Brückenbauer, ein Tüfrenaufstoßer, ein den musikalischen Konsens seiner Zeit hinter sich lassender, einer, der den Samen sät für zukünftige Blüten. Es ist eine eigenwillige, durchaus radikale Sichtweise auf dieses früheste von Brahms großen Orchesterwerken, aber in ihrer Konsequenz auch eine äußerst stringente und einleuchtende.
Etwas „leichtere Kost“ dann nach der Pause, als Fischer Auszüge aus Felix Mendelssohn- Bartholdys Schauspielmusik zu Shakespeares Ein Sommernachtstraum erklingen lässt. Die Höhepunkte liegen hier im Detail: im silbrig schimmernden, hauchzarten Klangteppich der Streicher in der Ouvertüre, im Traumklang der Hörner im Notturno, im Tanz der Holzbläser am Ende des Intermezzos, in den Barock-Reminiszenzen des berühmten und hier doch so gar nicht abgestanden klingenden Hochzeitsmarschs. Der RIAS Kammerchor ist vielleicht eine Spur zu zaghaft, der Orchesterklang kippt zuweilen ins Dumpfe, Ouvertüre und Hochzeitsmarsch geraten streckenweise ein wenig zu kraftvoll und schwer. Keine Frage: Das Konzerthausorchester im Jahr eins der Ära Fischer ist ein „Work in Progress“, ein Projekt, das mindestens noch einmal so viel verspricht wie es jetzt schon hält. Und doch sind die Fortschritte in Sachen Klangkultur, Präzision und Vielseitigkeit schon jetzt nicht zu überhören. Das ist noch so einiges zu erwarten und bekanntlich ist die Vorfreude ja die schönste.
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