Sehen lernen

Die gelbe Tapete nach Charlotte Perkins Gilman, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Katie Mitchell ist so etwas wie ein Solitär in der heutigen Theaterwelt: Sie hat eine ganz eigene theatrale Sprache, eine eigene Erzählweise entwickelt, die das Theatermachen als Prozess wie als Ergebnis gleichermaßen vergegenwärtigt, sein Gemachtsein ebenso vorführt wie sein Gemachtwerden und gerade durch diesen multiperspektivischen Ansatz, dieses Sezieren des Theatermomentes, durch sein Zerlegen und Wiederzusammensetzen den Zuschauer in seinen Bann zieht, zur Auseinandersetzung mitder so erzählten Geschichte wenn nicht zwingt, so doch auf einringliche Weise ermuntert. In ihrer neuen Arbeit hat sich Mitchell eines frühen Schlüsseltextes der feministischen Literatur, Charlotte Perkins Gilmans Die gelbe Tapete, angenommen und etwas Unerhörtes getan: Wo Perkins Gilman von einer entrechteten und aus dem Leben abgeschobenen Frau erzählt, die ihren letzten Ausweg im Verrücktwerden findet, erzählt Mitchell die Geschichte einer unter einer postnatalen Depression leidenden Frau, auf welche die Umwelt mit Verständnis, aber auch Hilflosigkeit reagiert und die den Weg zurück in das, was wir als Gesellschaft Leben nennen, nicht mehr findet. Keine Frage: Dieser Vergegenwärtigung fehlt die politische Brisanz des Originals, angesichts einer immer lauter werdenden Debatte darüber, was die High-Speed-Welt, in der wir leben, mit uns macht, ist dieser Ansatz aber auch alles andere als irrelevant.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Dabei ist es ebenso wohltuend wie irritierend, dass Mitchell keine Antworten geben will. Von Giles Cadie hat sie sich eine Bühne bauen lassen, die ihr Verfahren sichtbar macht: Links ein Glaskasten, in dem Cathleen Gawlich live Geräusche macht, daneben ein realistisches Zimmer mit scheußlicher gelber Tapete, rechts eine zweite Version davon in fortgeschrittenem Zerstörungszustand, dazwischen eine Sprecherkabine, in der Ursula Lardi die inneren Monologe der sich auflösenden Frau spricht. Denn diese gibt es zweimal: Ihre Stimme ist Lardi, ihr Gesicht Judith Engel, die den Verfall- und Transformationsprozess dieser Frau ausschließlich mit ihrem Gesicht erzählt – aber welch ein Gesicht ist das: jede Faser erzählt eine Geschichte, die steinerne Maske des Beginns ebenso wie das weit entrückte verzerrte Lächeln gegen Ende.

Und auch die Aufspaltung von Gesicht und Stimme erzählt eine Geschichte: von etwas, das nicht mehr passt und das doch irgendwie stimmig ist, so man sich auf die ganz eigene Logik dieser Frau einlassen will, die glaubt, hinter der schrecklichen Tapete eine eingesperrte Frau wahrzunehmen, die sie befreien will. Eine Ersatzhandlung für die nicht möglich erscheinende Selbstbefreiung, die hier aber eben nicht gegen eine feindliche, sondern im besten Fall eine nicht verstehen könnende Außenwelt steht.

Dazwischen herum wuseln ständig Kamerateams, denn der wichtigste Bühnenort ist die große Proektionsfläche über der Bühne. Da wird virtuos mit filmischen Mitteln gearbeitet, die vermeintlich Eingeschlossene durch Überlagerungen zweier Bilder sichtbar, die ermüdende Gleichförmigkeit des Daseins, mit wunderbar choregrafierten Sequenzen der Wiederholung visualisiert. Gleichzeitig sieht der Zuschauer, wie das entsteht, wie zuweilen an zwei Orten gefilmt wird, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen, sieht die Mittel, die eingesetzt werden.

Das führt erstaunlicherweise aber nicht zu einer Distanzierung, sondern holt das Geschehen auf seltsame Weise näher heran. Es zwingt zur Reflexion des Gesehenen, statt es einfach konsumieren zu können, muss es immer wieder hinterfragt werden. Wie nahe das kommen darf, entscheidet letztlich der Zuschauer, der aber immer wieder aus dem gerade vermeintlich entstandenen Gleichgewicht herausgezerrt wird. So gehen zuweilen Trennwände herunter, so dass kurzzeitig nur das Gefilmte zu sehen ist, bevor kurz darauf wieder die Perspektive des Entstehungsprozesses hinzukommt. Der Abend wechselt ständig zwischen Mono- und Multiperspektivik und verschiebt immer wieder die Blickwinkel, in dem mal ein, mal zwei Räume bespielt werden und am Ende das Zentrum aus der Mitte an den rechten Bühnenrand wandert.

Ständig muss sich der Zuschauer entscheiden, wohin er blickt – es gibt ja auch noch die „Optionen“ Gawlich und Lardi – welche Ebene er wählt und damit auch welche Sicht, welche Perspektive, welchen Standpunkt. So formt jeder sein eigenes Erleben, ja sein eigenes Stück, basierend auf diesen Entscheidungen, die vielleicht bewusst, oft genug eher zufällig sind und doch bestimmen, was man da sieht und erlebt. Und so ist Die gelbe Tapete zum einen eine beklemmende Studie einer Frau, die nicht mehr „funktioniert“, ihre Rolle nicht mehr spielen kann und der Hilflosigkeit ihrer Umgebung, damit umzugehen. Auf einer zweiten Ebene ist der Abend aber eben auch eine Übung im Sehen, im Auswählen, im Suchen und Finden einer Perspektive. Der Zuschauer macht sich, wie es so schön heißt, sein eigenes Bild, bildet seine Meinung, findet seinen Standpunkt – ablehnend oder wohlwollend, kühl distanziert oder aufgewühlt mitgenommen. Das ist nicht beliebig, sondern so intensiv und augenöffnend wie Theater nur sein kann.

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