Erschütternd

Orchester und Chor des Teatro alla Scala spielen Verdis Requiem

Von Sascha Krieger

Der Hauptkritikpunkt, der Giuseppe Verdis Messa da Requiem seit ihrer Uraufführung im Jahre immer wieder entgegengebracht wurde, lautet, das sei eigentlich keine Totenmesse, sondern eine Oper. Fast schon lustvoll werden die dramatischen Effekte, denen sich Verdi bedient, an die Oberfläche geholt, werden – tatsächliche oder vermeintliche – Referenzen zu Verdi-Opern wie AidaLa forza del destino oder Otello als Beweis aufgezeigt, dass der italienische Komponist hier sein Ziel verfehlt habe. Mit Erfolg: In Deutschland beispielsweise war das Werk lange verpönt und durfte nicht in Kirchen aufgeführt werden. Wenn heute eines der führenden Opernorchester der Welt, das der berühmten Mailänder Scala, das Werk unter Leitung ihres Musikalischen Direktors Daniel Barenboim aufführt und bei seinem Berliner Gastspiel – völlig zu Recht – bejubelt wird, zeigt das vielleicht, wie viel sich seitdem geändert hat: Die dramatische Qualität des Werks wird heute nicht mehr bloß verteidigt – sie wird selbstbewusst als Stärke dieses ganz besonderen Requiems herausgekehrt. Doch nur selten gelingt es so exemplarisch und beeindruckend wie hier.

Auch wenn sich Verdi – anders als beispielsweise Brahms in seinem Deutschen Requiem – streng an die überlieferte Liturgie hält, ist sein Requiem doch meilenweit entfernt von der liturgischen Strenge und ritualhaften Bedeutung, die traditionell einer Totenmesse zukam. Seine Messa da Requiem ist eine persönliche und emotionale Auseinandersetzung mit dem ebenso unausweichlichen wie unbegreiflichen Ende allen Lebens und Verdi „inszeniert“ sie als Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Selbstbehauptung des Menschen und dessen Ohnmacht angesichts seines unausweichlichen Schicksals.

Nirgends wird das greifbarer als in dem erschütternden „Dies irae“, dem Kernstück des Werkes. Wie eine Naturkatastrophe lässt Barenboim die geballte Kraft von Orchester und Chor auf die Zuhörer niederfahren. Mit hoher Präszision und Klarheit und größtmöglicher Härte setzt er Verdis Überwältigungsstrategie um und hat mit diesem Orchester und diesem Chor (Einstudierung: Bruno Casoni) die perfekten „Instrumente“ zur Verfügung. Von dramatischer Schärfe gerät in der Folge das Spiel zwischen Laut und Leise, Dramatik und Lyrik, Unerbittlichkeit des Jüngsten Gerichts und Hoffnung auf Gnade. Das ist zweifellos opernhaft, wobei sich dieser Kampf nicht zwischen „Figuren“ abspielt, sondern einzig und allein in der Musik stattfindet. Während sich die fabelhaften Solisten eher auf der Seite des Lyrischen, Hoffnungsvollen wiederfinden, sind es vor allem Orchester und Chor, die auf faszinierende Weise diesen Widerstreit in sich tragen. Wie beide – und insbesondere der Chor – diese Wechsel bestreiten, welchen Nuancenreichtum sie entwickeln und dabei doch immer bei einer gläsernen Transparenz bleiben, ist atemberaubend.

Kein Zweifel: Nicht alle Passagen des Werks geraten so tiefschürfend und erschütternd wie das „Dies irae“. Der flüsternde Beginn des „Requiem“ etwa, diese sich aus der Stille herausschälenden Laute der Erschütterung ob der Realität des Todes etwa lässt Barenboim ein wenig zu kraftvoll spielen, der Kontrast zur sich anschließenden Gottespreisung bleibt dabei ein wenig auf der Strecke. Auch das „Agnus dei“ und das sich anschließende „Lux aeterna“ bleiben ein wenig blass. Beide Passagen sind stark durch die (kirchen)musikalische Tradition beeinflusst und wollen nicht so recht in das opernhafte Schema des Werks, so wie Daniel Barenboim es interpretiert, passen. Stark gelingt dagegen das „Offertorium“, das sich an das „Dies irae“ anschließt und oftmal ein wenig hinter diesem verschwindet. Das gehört vor allem dem Solistenquartett, aus dem hier Tenor Fabio Sartori heraussticht. Während er in den dramatischen Passagen zuweilen ein wenig blass wirkt, kann er hier mit einer lyrischen Ausdruckskraft glänzen, die tief berührt.

An seiner Seite überzeugen insbesondere Bassist René Pape mit seinem meditativ-rezitativen Ausdruck und Mezzosopranistin Daniela Barcellona, die Kraft und ausdruck auf für dieses Werk geradezu ideale weise vereint. Auch Sopranistin Maria Agresta, die kurzfristig für die erkrankte Anja Harteros einspranh, erledigt ihre Aufgabe gut, auch wenn ihr mitunter die Kraft fehlt, gegen das gewaltige Orchester anzusingen. Lediglich im finalen „Libera me“, das die Sopranstimme führen muss, fehlt Agresta dann doch die dramatische Führungsqualität,so dass gerade dieser antiklimaktische, in stille Akzeptanz des Unausweichlichen führende Schluss um einiges weniger eindrucksvoll gelingt wie ein großer Teil des Vorangegangenen. Alles in allem bleibt jedoch der Eindruck einer Aufführung, die Verdis dramatischen Ansatz voll und ganz bejaht und seine Erschütterung, seine hilflose Verzweiflung angesichts dessen, was sich nicht menschlich begreifen lassen will, ja, kann, fast physisch spürbar werden lässt. Die bewegende Kraft der Musik, hier wird sie offenbar.

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Ein Gedanke zu „Erschütternd

  1. […] keinem geringerem als dem der Mailänder Scala, das Überwältigungsgewitter von Giuseppe Verdis Messa da Requiem, da widmete sich der Dirigent mit seiner Berliner Staatskapelle einer Totenmesse der ganz anderen […]

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