Viel Lärm, viel Nichts

Sklaven. Einakter von Georges Courteline aus der Hölle der bürgerlichen Freiheit, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Andreas Kriegenburgs neuer Abend am Deutschen Theater beginnt mit einem verstohlenen Blick ins Programmheft: Nein, hier gibt nicht Herbert Fritsch sein DT-Debüt. „Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg“ steht da. Nun gut, nehmen wir mal an, diese weiß, bunt und sonstig geschminkten Masken in ihren Kostümen aus Rüschen und Latex, mit ihren Gesichtsmasken und absurd hohen Schuhen, die sich da in akrobatisch anspruchsvollen Choreografien verknäueln, grimassieren und grotesk gestikulieren, entstammten tatsächlich der Fantasie des Bildermalers unter den deutschsprachigen Theaterregisseuren. Eine Party-Glitzerbühne hat sich Kriegenburg gebaut, mit Spiegelboden und goldenen Wänden samt Edel-Graffiti, Motiv: Steinewerfer. Davor tollen seltsame buntgewandete Wesen herum, irgendwo zwischen barockem Pomp und SM-Look, Rokoko-plüsch und Zirkus. Natali Selig trägt Punkte, Elias Ahrens geht als Zebra, Jörg Pose steht sein wallendes rotes Kleid ausgesprochen gut und Hans Löw muss erst den Reißverschluss seines Ganzkörperkostüms öffnen, wenn er sprechen will. Wer gerade nicht an der Reihe ist, zieht sich auf die Müllhalde hinter der Bühnentür zurück und ballert ein wenig mit dem Maschinengewehr herum. Das sieht alles sehr nach Fritsch aus und ist womöglich auch gewollt. Nur ist Kriegenburg eben nicht Herbert Fritsch und dies hier ist nicht die Volksbühne. Dass dem Zuschauer das über fast die gesamten gut zweieinhalb Stunden bewusst bleibt, ist vielleicht das Ärgerlichste an diesem Abend.

Gegeben werden fünf Einakter des Komödiendichters Georges Courteline – heute würde man sein Werk vermutlich Boulevard nennen – satirische Anordnungen bürgerlicher Absurditäten. Courtelines Einakter sind Sketche des bürgerlichen Wahnsinns: ein Angestellter, der nie im Büro ist und auch noch eine Gehaltserhöhung verlangt; ein Mann, der einer Frau nach einem Autounfall hilft und statt des in Aussicht gestellten Techtelmechtels vom Ehemann ausgenommen wird; ein Schmarotzer, der es sich bei einem Ehepaar gut gehen lassen will, nur um mitten in ihren Ehekrieg zu geraten. Courtelines Stücke sind überdreht, äußerst komisch und blicken doch in den Abgrund, der unter der Fassade bürgerlicher Oberflächlichkeit gähnt. Eine leere, von Gier und Ansehen getriebene Welt, ein Kartenhaus menschlicher Egoismen.

Kriegenburg sieht darin eine gute Beschreibung unseres gegenwärtigen Individualismusstrebens. Wenn jeder nur seinem eigenen Begehren folgt, wird er bald Sklave der vermeintlichen Freiheit, so Kriegenburg im Programmheft. Oder anders gesagt: Wer stets dem eigenen Vergnügen hinterherläuft, dreht sich im Kreis und jagt nur seinen eigenen Schwanz. Weiter ist da von den „Konformisten des Andersseins“ (Norbert Bolz) die Rede: Das Streben nach Einzigartigkeit, so die These, führt dazu, das jeder „anders“ sein will und so ist dann doch jeder gleich. Individualismus ist der neue Konsens – eine durchaus absurde Idee, aus der Kriegenburg jedoch viel zu wenig macht.

Klar, das sind alles Egoisten und Individualisten, gleichförmig bunt und trotz all ihrer Mühe, möglichst individuell zu wirken, doch in der grellen Masse verschwindend. Am Anfang wird das Konzept noch mal kurz dargelegt und dann geht es auch schon los mit dem großen Kindergeburtstag, der vor allem eines nicht ist: komisch. Es dauert gefühlte zehn Minuten (vielleicht sind es auch nur fünf), bis das Publikum zum ersten Mal müde kichert. Bei allem Slapstick, bei allem Einsatz der komödiantisch ungemein talentierten Darsteller: Hier zündet der Funke nicht. Die Gags sind zu banal, die Slapstickeinlagen nicht gerade originell und über das Niveau der ausgiebig eingesetzten Wortspiele breiten wir besser den Mantel des Schweigens. Anstatt Courtelines bissiger Schärfe Raum zu geben, kleistert Kriegenburg seine Kurzdramen so lange zu, bis ihnen die Luft ausgeht. Kostüme, Slapstick, Wortspiele, bedeutungsschwangere Einschüben: Irgendwann wird alles zu viel und ist doch viel zu wenig. Viel zu angestrengt behauptet Kriegenburg Heutigkeit, wo doch Courtelines Texte schon mehr als genug davon in sich tragen.

Heraus kommt ein Abend, der Leichtigkeit behauptet und doch bleischwer daherkommt, der die Texte mit Komplexität aufladen will und stattdessen entleert, der ästhetisch originell sein will und doch nur kopiert. Wo Herbert Fritsch seine Absurditätsschrauebe immer weiter dreht, auch wenn das Gewinde schon längst nicht mehr greift, ist Kriegenburgs Spiel eben doch nur Boulevard auf Speed. Das will viel und bleibt doch hilflos. „Ein charmanter Abend“, sagt Jörg Pose, bevor das Licht ausgeht. Das mag ironisch gemeint sein und so wirkt es auch. Nur leider wendet sich die Ironie gegen die Inszenierung selbst. Da ist, um es mit Shakespeare zu sagen, viel Lärm. es ist aber eben auch jede Menge Nichts.

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