Polternd durch die Weltgeschichte

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011, ist ein Exemplar einer wahrhaft seltenen Spezies: ein Bestseller, der gleichzeitig von der Kritik fast einstimmig gefeiert wurde wie lange kein deutschprachiges Buch mehr. Ruge erzählt darin eine Familiengeschichte, die von der eigenen mehr als nur inspiriert ist: die Großeltern überzeugte Kommunisten, welche die Nazidiktatur im mexikanischen Exil verbracht haben, der Vater erfolgreicher Historiker mit dunkler Vergangenheit in einem stalinistischen Arbeitslager, der Sohn rastlos durch sein Leben treibend, gegen die Dogmen der alten rebellierend und letztlich in den Westen ausreisend. Ruge erzählt in seinem Roman nichts weniger als die Geschichte eines Landes und er tut dies, in dem er eigentlich nur“ eine Familiengeschichte erzählt, wichtige Ereignisse wie zum Beispiel den Mauerbau lässt er ganz aus und doch sind sie gegenwärtig. In seiner Multiperspektivik, seinem ständigen Wechseln zwischen den Zeiten gelingt es Ruge, ein Gesamtbild zu malen, das aus vielen Mosaiksteinchen zusammengefügt ist eben deshalb so etwas wie Universalität vermittelt, weil es im Persönlichen, im Individuum selbst verwurzelt ist. Ruge hat seinen Roman jetzt selbst fürs Theater bearbeitet und Stephan Kimmig besorgt eine Uraufführung, die kaum erahnen lässt, warum der Roman so viele fasziniert und begeistert hat.

Das hat zunächst einmal damit zu tun, dass Kimmig so manche Entscheidung des Autors wieder rückgängig macht. So ist die grße Politik hier allgegenwärtig: Radionachrichtenfetzen sind zu hören, die Szenenauswahl konzentriert sich auf wesentliche Ereignisse der DDR-Geschichte, insbesondere ihren Untergang, auch die Weltpolitik kommt nicht zu kurz (der auf den spuren der Großeltern nach Mexiko gereiste Alexander verfolgt den 11. September im Fernsehen). Wo sich im Roman die Welt- und DDR-Geschichte aus dem persönlichen erleben herausschält, stülpt sie Kimmig diesem Familienkosmos wie eine Käseglocke über, reklamiert er für sie von Beginn an die Deutungshoheit, macht sie die familiären Irrungen, Wirrungen, Emanzipationsbestrebungen und Fluchten zu ihrem Anhängsel.

Verschlimmert wird das Ganze noch dadurch, dass Kimmig ansonsten weitgehend in den Hintergrund drängt. Die Regie ist über weite Strecken uninspirierte und beschränkt sich aufs bloße Nacherzählen. Dabei behält er wesentliche Strukturelemente des Romans – die Perspektivwechsel,die nicht-lineare Zeit – zwar bei, wirft sie aber lieblos auf die Bühne, so dass sie Frendkörper bleiben. Zeitwechsel werden einfach angesagt, dazu wechselt Bernd Stempel als Alexanders Vater altersangemessen seine Perücken, aber das war es eben auch schon. Ein eigenes Zeitempfinden, ein Zusammenhang der verbundenen Szenen jenseits der Chronologie, ein überzeitliches Ganzes entstehen nicht. Auch der Wechsel zwischen Innen- und Außensicht, zwischen Dialog und inneren Monologen, insbesondere in der zentralen Episode von Großvater Wilhelms 90. Geburtstag, misslingen vollends.

Der begnadete Theaterhandwerker Stephan Kimmig wirkt hier so manches Mal seltsam nachlässig. Etwas uninspiriert auch die Bühne von Katja Haß: Links und rechts schrankwandähnliche Wände, hinter deren makelloser Oberfläche, sich in Schubladen, Türen, Klappen alles verbirgt, was wir Leben nennen. Ein dann doch ein wenig plattes Bild. Die Figuren, die gerade nicht an der Reihe sind, lungern unter einem Lampenhimmel im halbdunklen Hintergrund, sie sind immer irgendwie da, aber nie ganz fassbar. Das ist stimmig, aber eben auch nicht mehr ganz neu (man denke an Jürgen Goschs späte Inszenierungen). Im großen und Ganzen plätschert das über drei stunden ein wenig ereignis- und spannungslos vor sich hin, seltsam lustlos erzählt, ohne einen stimmigen Ton, eine irgendwie erkennbare Haltung zu finden. Szenen einer Familie, wie Perlen auf einer Schnur, nett anzusehen, aber doch auch ein wenig überflüssig.

Dass der Abend dann doch das eine oder andere Mal in der Lage ist, zu leuchten, zu berühren, eine gewisse Dichte und Intensität zu erzeugen, liegt vor allem am namhafte Ensemble und ganz besonders an zwei Schauspielern: Margit Bendokat spielt die russische Großmutter Alexanders, ihre Lebensneugier und Traurigkeit paarende Stimme, Mimik und Gestik helfen, die kleinlichen Familienzwistigkeiten perspektivisch einzuordnen, ihre Anwesenheit erzählt vom Verlorenen und vom Kommenden und vor allem davon, was bleibt: der Mensch, strebend, nach seiner ganz eigenen Überlebensstrategie suchend, ein Rädchen im Getriebe und doch eine eigene Welt, alle Utopien, alle geplatzten Menschheitsträume überdauernd und immer noch da.

Und dann ist das Christian Grashof als 1000-Prozent-Kommunist wilhelm: dogmatisch, egozentrisch, keinen Widerspuch duldend poltert er durch Familien- und Weltgeschichte, ohne Rücksicht auf Andere, ein ewig Flüchtiger auch er, mehr wohl als alle anderen. Als er seinen Lebenstraum, seine eigene zurechtgelegte Geschichte sich auflöse sieht, sorgt Grashof für einen der wenigen wirklich nahegehenden Momente des Abends. Seiner geschichtlichen Bedeutung beraubt, ist er nur noch ein lächerlicher Greis, eine leere Hülle, fleischgewordene Ideologie, die nicht mehr gebraucht wird. Hier scheint das Grundkonzept von Ruges Roman, die „große“ Geschichte in der „kleinen“ aufblitzen, ja, lebendig werden zu lassen kurz auf. Der Abend hätte viel mehr solcher Momente verdient.

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