Nuancen von Toastbrot

F.I.N.D. 2013: Rodrigo García: Notizen aus der Küche, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Realisation: Patrick Wengenroth)

Von Sascha Krieger

Noch ist „F.I.N.D.“, was für Festival Internationale und Neue Dramatik steht, ein Theaterfestival. Wenn das so weitergeht, könnte es sich in naher Zukunft jedoch durchaus in ein Kochfestival verwandeln. Im vergangenen Jahr ließ Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier in seinem Moskauer Fräulein Julie ein Hühnchen zubereiten, dieses Jahr kochen Niels Bormann und Urs Jucker Leber. Dem Duft, der am Ende des Abends durch den Saal zieht, nach zu urteilen, gelingt ihnen das auch ganz gut. Mit Notizen aus der Küche hat die Schaubühne ein Frühwerk des spanischen Theaterextremisten Rodrigo García ausgegraben, der zuletzt im Rahmen des Festivals Foreign Affairs 2012 mit Gólgota Picnic das Publikum zumindest spaltete. Provokationen gibt es in Notizen aus der Küche keine, es sei denn, man beklage den Umstand, das Bormann und Jucker das Gekochte am Ende genüsslich verschlingen, während das Publikum leer ausgeht. Ansonsten geht der Abend kurz, zügig und mit einigen Unterhaltungswert dahin, obwohl – oder weil? – das Team um Patrick Wengenroth keinen wirklichen Zugang zu diesem mosaikhaften Text findet. Damit steht er nicht allein, hat doch der Isländer Egill Heiðar Anton Pálsson die Regie des Abends nur wenige Tage vor der Premiere an Wengenroth abgegeben, „aus künstlerischen Gründen“, wie es heißt. Und so hat Notizen aus der Küche etwas Unfertiges, Improvisiertes, was zu Patrick Wengenroths anekdotischem Regiestil aber durchaus passt.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Bormann und Jucker spielen zwei Männer, die offenbar um die gleiche Frau (Lucy Wirth) buhlen und dieses Duell im Kochen austragen. Zunächst jedoch ist auch das egal: Nacheinander buhlen die drei Figuren erst einmal um das Publikum: Wirth präsentiert ihr Gesangstalent, Jucker erzählt in Standup-Manier – samt Gelächter aus der Konserve – von einer verunglückten Preisverleihung, Bormann gibt des weltverachtenden Zyniker, der jeden Morgen seinen Sohn mit Alkohol abfüllt, um ihm den Schultag erträglicher zu gestalten. Irgendwann zieht sich Wirth in den holzvertäfelten Container zurück, der später die Küche preisgeben wird, schneidet Karotten und Leber und lässt sich – in Unterwäsche und Überlebensgröße auf die Containerwand projiziert, von den Männern anhimmeln. Diese liefern sich zunächst ein Wissensduell über Lebensmittel und Wein (bis hin zu Beschreibungen wie jener, einer der edlen Tropfen wiese „Nuancen von Toastbrot“ auf), bevor sie über das Kochen das Ziel ihrer Begierde ganz vergessen, das sich, zunehmend verzweifelt und letztlich vergebens, zunächst als Sexualobjekt und am Schluss als Lebensmittel anpreist.

Das ist überaus unterhaltsam, was nicht zuletzt an den drei Schauspielern, insbesondere dem charmant-passiv-aggressiven Jucker und der verführerisch-herausfordenden Wirth, liegt, denen Wengenroth jedem denkbaren Freiraum gibt. Den Text hat er drastisch zusammengestrichen, was den ohnehin fragmentarischen Charakter des Stücken noch zusätzlich unterstreicht. Und so erlebt der Zuschauer Notizen aus der Küche nicht viel anders als einen Standup Comedy Act, gewürzt mit einer Prise Fernseh-Kochshow. Anekdote reiht sich an Anekdote, Gag folgt auf Gag, ein Zugang zum Stück findet sich nicht, ein roter Faden ebenso wenig. Da hilft es auch wenig, das Wengenroth eine Art Meta-Ebene einführt und Lucy Wirth zu Beginn und am Schluss in die Rolle des Autors schlüpfen lässt. Auch dies ist zwar ein netter Gag, wird aber eben auch nicht weiter verfolgt. So ist das Theatermenü, das hier serviert wird, zwar leicht verdaulich und recht wohlschmeckend aber auch nicht so richtig sättigend. Nicht nur der Magen bleibt hungrig, auch der Kopf.

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