Hochamt mit schwarzem Hund

F.I.N.D. 2013: Hyperion. Briefe eines Terroristen nach Friedrich Hölderlin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Der italienische Regisseur Romeo Castellucci ist ein Meister der Anfänge. In The Four Seasons Restaurant entführte er den Zuschauer zu Beginn in ein schwarzes Loch – mit dunkler Bühne und aus einem tatsächlichen schwarzen Loch aufgenommenen Klängen. Es ist eine Geschichte vom Verschwinden der Bilder und vom Entstehen einer neuen, anderen Ästhetik, einer vollkommen neuen Art des Sehens, die ganz ohne Worte auskommt. In Hyperion. Briefe eines Terroristen, Castelluccis zweiter Hölderlin-Auseinandersetzung in Folge, sehen wir uns zunächst einem modern-gediegenen gehobenem Mittelklasse-Intérieur, wie es der erfahrene Schaubühnen-Besucher aus Thomas Ostermeiers Ibsen-Arbeiten kennt, gegenüber. Eine Person verlässt die Wohnung, dann bleibt es eine Weile still, bis urplötzlich ein SEK-Team in voller Montur hereinstürm, die Wohnung durchkämmt und nach und nach, mit wachsender Brutalität die Einrichtung zerlegt, bevor das Publikum rabiat („Es gibt hier nichts zu sehen!“) gedängt wird, den Saal zu verlassen. Eine Bilderverweigerung auch das, vor allem aber ein Moment der Verunsicherung, der über Bord geworfenen Gewissheiten, die das Publikum zur Rejustierung zu Selbstvergewisserung nötigt. Ein Akt des Terrors vielleicht sogar, der Rezeptions-, ja Konsumgewohnheiten umwirft und den Zuschauer ratlos wartend zurücklässt. Ein starker, eindrucksvoller Beginn. Knapp zwei Stunden später wird sich so mancher wünschen, er wäre jetzt gegangen.

Foto: Arno Declair

Angela Winkler (Foto: Arno Declair)

Denn als die Saaltüren wieder aufgehen, ist alles ganz anders. Die Bühne präsentiert sich in jungfräulichem Weiß als kubischer Kunstraum, in dem jetzt die ganz hohe Dichtkunst zelebriert wird. Castellucci ist ja bekanntlich bildender Künstler und so hat alles Folgende etwas Malerisches, ist jedes Bild sorgfältigst durchchoreografiert, jede Geste, jede Bewegung. Worte, einander abwechselnd, erscheinen und verschwinden auf den Wänden, ein blinder schwarzer Hund erscheint, ein Teiresias-Hund, verrät das Programmheft, angelehnt an den blinden Seher der Überlieferung. Er wird abgelöst von einem kleinen Mädchen, das anfängt Hölderlins Hyperion-Text zu rezitieren, getragen, feierlich deklamiert sie zu langsamen, ritualhaften Bewegungen. Eine junge Frau übernimmt, nach ihr eine burschenhaft Gewandete mit Schwert, schließlich Angela Winkler mit kurzen grauen Haaren. Und plötzlich hat diese feierliche Schwere so etwas wie Leben in sich, gelingt es Winkler für einen Moment, die Totenstarre dieses Abends ganz sanft anzukratzen. Das liegt an dem Text, den sie spricht, Hölfderlins Anklage an die vermeintlich die Schönheit verachtenden Deutschen, aber auch an Winkler selbst. In ihrer Stimme, ihrer feinen Mimik und Gestik, dürfen die deklamierten Zeilen ein ganz klein wenig atmen, bevor sich erneut die vorige Bleischwere auf diese Bühne legt.

Castellucci liest Hyperion wenn nicht als Terroristen, wie der Stücktitel nahelegt, so doch als Extremisten, als einen, der das Leben als Kunst begreift, der sich kompromisslos der Realität entgegenstellt, der so etwas anstrebt wie eine Diktatur der Schönheit. Auch wenn Castellucci in Hyperions Diktat der Selbstaufgabe und Weltentsagung Parallelen zu tatsächlichen Terroristen sieht – ein Text von Mohammed Atta, Anführer der Terrorgruppe, die für die Anschläge 11. September 2001 verantwortlich zeichnete, ist im Programmheft abgedruckt – ist doch klar, dass er, der Bildermaler, der Anti-Realist Hölderlin/Hyperions Diktum vom Primat der Kunst über das Leben teilt. Sein Schönheitsbegriff ist denn auch ein entrückter, weltferner, überzeitlicher, weit weg von den Niederungen modernen Regietheaters, hoch über dem schmutzigen Geschäft des Hier und Jetzt schwebend.

Ein Gegenentwurf, der sich schnell als oberflächliche Antikenanbetung entpuppt, als ästhetisch verbrämtes „Früher war alles besser“, als rein dekoratives Idealismusspiel ohne viel Substanz. Hölderlins hohe Dichtung wird leidenschaftslos heruntergebetet, die Inszenierung trägt aufreizende Langsamkeit wie ein Banner vor sich her.  Bedeutungsschwer legt sich tiefe Langeweile über den Saal, lässt den Zuschauer zuweilen grübeln, ob dieser überzogen weihevolle Ton nicht doch irgendwie ironisch gemeint sein könnte, nur um sich eingestehen zu müssen, dass das hier alles heiliger Ernst ist, dass hier ein Hochamt eines seltsam antiquiert-simplistischen Kunst- und Schönheitsbegriffs gefeiert wird, der auch Hölderlins komplex-tiefgründiger Gedankenwelt nicht im Mindesten angemessen ist. Am Ende darf Eva Meckbach, nackt und weiß geschminkt mit einem Vibrator spielen, bevor das SEK mit Schmutzwasser und Putzwerkzeug die Umrisse einer Pistole auf den Bühnenboden malt. Spätestens jetzt wünscht sich vielleicht der eine oder andere, die maskierten Herren würden zu ihrer Beschäftigung vom Vorstellungsbeginn zurückkehren. Womöglich bekämen sie jetzt sogar ein wenig Hilfe.

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