Die Krawatten so weiß

Armin Petras: Gladow-Bande, Maxim Gorki Theater (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Unter den Gründungsmythen des Nachkriegsberlins ist jener der Gladow-Bande vielleicht einer der aufschlussreichsten – aber auch der, den die kollektive Erinnerung gern ausspart. Gerade siebzehn Jahre alt war Werner Gladow, als er mit seiner Bande Berlin verunsicherte, die Ruhe, die man gerade geschaffen zu haben glaubte, störte, die Aufbauarbeit sabotierte, so dass es kaum überrascht, dass die Jagd auf ihn so unerbittlich war, dass die Ostberliner Staatszeitung „Neues Deutschland“ 1950 schrieb, man müsse „das Grundübel bei der Wurzel packen, ausrotten und vernichten“. Gladow war ein Angriff auf jegliche staatliche Ordnung, auf das Gewaltmonopol des Staates, auf Ordnung und Sicherheit, auf das Sich-Einrichten im „Weiter so“, egal ob unter vermeintlich kommunistischen oder kapitalistischen Vorzeichen. Er repräsentierte eine Anarchie, eine Grenz- und Regelüberschreitung, ein Nicht-Anerkennung jeder Ordnung, wie sie keine der beiden Seiten im beginnenden Kalten Krieg zulassen wollte oder auch konnte. Und so regte sich auch kein merklicher Widerstand, als der Neunzehnjährige 1950 unter Anwendung eines von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Wenn er weg sei, sagt Armin Petras’Bühnen-Gladow gegen Ende, sei alles wieder in Ordnung, „dann können endlich alle ins büro“. Die Ordnung war wieder hergestellt, die Jugend der neuen Deutschlands sollte „keine Gladow-Bande mehr kennen“ („Neues Deutschland“).

Foto: Bettina Stöß

Foto: Bettina Stöß

Die Erinnerung an diese verdrängte Gründungsgeschichte ist so etwas wie ein Abschiedsgeschenk des scheidenden Gorki-Intendanten Armin Petras an seine zeitweilige künstlerische Heimatstadt. Eines jedoch, das unangenehme Fragen aufwirft, und einen Schatten auf die Gründung der beiden Nachkriegsberlins, auf die viel gepriesene Aufbauarbeit der Trümmerfrauen-Generation wirft. Es erzählt von einer Generation von Kindern und Jugendlichen, die ohne jegliches Wertesystem aufgewachsen sind, für die es keine Grenzen gab, weil sie nie welche kennen gelernt hatten, die jegliche Form menschlicher Verwahrlosung, jede denk- und undenkbare Brutalität und Grausamkeit als Normalität erfahren haben. Es ist kein politischer Widerstand, den sie gegen das Wiederentstehen staatlicher Ordnung leisten, aber ein umso radikalerer, weil sie das Primat staatlicher Kontrolle in all ihren Formen rundweg ablehnen. Es ist eine Generation, die gezähmt werden muss – oder eben vernichtet. Thomas Brasch hat die Geschichte von Gladow und seinen Kumpanen bereits vor über dreißig Jahren so interpretiert und Petras schließt sich dieser Deutung an. Am Ende geht der verurteilte Gladow ab und im Hintergrund feiern die Übriggebliebenen geschichtsvergessenen den neuen Wohlstand. Es ist also alles wieder in bester Ordnung.

In Petras‘ Text gibt es eine Szene, in welcher der vierzehnjährige Gladow gegen Ende des Krieges in den Kriegseinsatz geworfen wird und fast darin umkommt. Jan Bosse hat sie für seine Uraufführung getrichen – eine durchaus symptomatische Entscheidung für diese Erstinszenierung. Das Stück ist eine Mischung aus Erzähltheater und gespielten Erinnerungsszenen, die Erzählerstimme gehört „Sohni“ Papke, Mitgründer und Überlebender der Bande. Milan Peschel gibt ihn in seiner unvergleichbar schnoddrig nuschelnden Art, proletenhaft grob und doch von einem eigentümlich zwingenden Charme. Er gibt den Conférencier, der durch die gutgelaunte Gangsteranekdotensammlung führt, auf die Bosse Petras‘ Stück reduziert hat. Dirk Thieles Bühne bietet ranzige Tapeten, ein paar Kinostuhlreihen und ein paar Nachkriegsversatzstücke (die Popcorn-Maschine ist in kyrillischen Botschaften beschriftet!, bezieht ansonsten aber ebenso wenig Haltung wie die Inszenierung. Ronald Kukulies spielt seinen Kommissar als Altnazi-Comic mit Hitlerfrisur und Dr.-Setsam-Anleihen, Herbert Fritschs Lieblingsschauspieler Bastian Reiber darf seinem Slapstick-Talent als dümmlich-dickliches Bandemitglied freien Lauf lassen, während Peschel nuancenreich brilliert, aber eben nie den klamaukig-launischen Grundton verlassen darf.

Mittendrin gibt Johann Jürgens mit vollem Körpereinsatz (im Wortsinn) einen jungenhaften, rotzig-rebellischen Gladow, der zuweilen die eine oder andere weiterführende Bedeutungsebene anzudeuten vermag. Etwa in der vielleicht gelungensten Szene des Abends, in der Gladow vor dem Hintergrund zusammengeschnittener Massakerszenen aus alten amerikanischen Gangsterfilmen – in die der echte Gladow seine Bandenmitglider zu Schulungszwecken geschickt haben soll – zur Bluesgitarrenbegleitung Peschels seinen Gesellschaftsekel und Lebenswillen herausrappt, hart, roh, wütend. Es ist eines der wenigen wirklich starken Bilder des Abends und das vielleicht einzige, das dem Geschehen so etwas wie einen Grund, ein Fundament zu geben vermag. Ansonsten wird die Bühne zum Abenteuerspielplatz großer Jungs, werden ihre Verbrechen zu Jux und Dollerei verharmlost, interessiert der Kleidungsstil dieser Möchtergern-Al-Capones mit ihren weißen Krawatten mehr als der gesellschaftliche Nährboden, der diese hier weitgehend in Slapstick aufgelöste Gewalt hervorbrachte.

Keine Frage: Das ist über weite Strecken durchaus unterhaltsam, das großartige Ensemble, zu dem auch Robert Kuchenbuch, Sabine Waibel, Thomas Lawinky und Svenja Liesau gehören, überzeugt und tröstet über so manche Oberflächlichkeit der Inszenierung hinweg. Und doch hinterlässt der starke Schluss, der stille Abgang, das zunächst verbale und dann physische Verschwinden des jugendlichen Staatsfeindes, und die bittere Ironie des Aufblühens der ebenso bunten wie geschichtsvergessenen Wirtschaftswundergesellschaft, den Wunsch, Bosse hätte ein wenig mehr gewagt und dem Publikum gezeigt, worauf seine Gegenwart eigentlich fußt. So jedoch liefert er lediglich ein wenig Spaßtheater, das angesichts von Vorlage und Spielort auf ärgerliche Weise harmlos bleibt.

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