Freude und Leidenschaft

Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim mit Lisa Batiashvili (Violine)

Von Sascha Krieger

Die Symphonische Dichtung Les Préludes ist eines der politisch am stärksten belasteten Werke der Musikgeschichte. Kein anderes Motiv wird wohl so sehr mit der Diktatur des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wie das Fanfarenmotiv aus Liszts Werk, das während des 2. Weltkriegs den Wehrmachtsberichten im deutschen Rundfunk vorangestellt war. Lange Zeit traute sich kaum ein Orchester an dieses im kollektiven Gedächtnis so kontaminierte Stück heran, erst recht nicht in Deutschland. Erst in letzter Zeit taucht es verstärkt wieder auf den Spielplänen auf. Nach den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Christian Thielemann führte es mit der Staatskapelle unter der Leitung Daniel Barenboims jetzt schon das zweite Berliner Spitzenorchester binnen weniger Monate auf. Wie schon Thielemann erachtete es auch Barenboim für nötig, seine Entscheidung im Programmheft zu erklären und der Musik ihre Unabhängigkeit zurückzufordern. Das wäre gar nicht nötig gewesen, die Interpretation durch sein Orchester zu hören, hätte voll und ganz gereicht.

Zweimal erklingt das berühmte Signalmotiv in Les Préludes und beide Male bürstet Barenboim es konsequent gegen den Strich. Beim ersten Auftreten betont Barenboim den rhythmischen Charakter des Motivs, lässt es fast ins Tänzerische gleiten, weitab jeglichen martialischen Gestus. Und auch im triumphalen Finale fehlt jenes Pathos, das ihm Thielemann trotzig wiedergegeben hatte. Glänzend kommt es daher, ganz freudige Apotheose statt heroischer Feierlichkeit. Unter Barenboims Dirigat wird Les Préludes zur musikalischen Freudenfeier. Seine Staatskapelle folgt den melodischen Bögen und Wendungen, wirft sich voller Enthusiasmus auf die rhythmische Dimension des Werks, lotet den Klangreichtum des Stückes aus. Dabei geht die Stringenz zuweilen etwas verloren, gerät der Klang teilweise ein wenig zu streicherlastig und doch ist dies ein Les Préludes, das einlädt, das Werk neu zu entdecken, das ungeahnte Dimensionen eröffnet und sich vom Ballast der kollektiven Hörerinnerung zumindest ein Stück weit befreit.

Ein Ballast, der auch Brahms‘ Violinkonzert nicht ganz fremd ist, wenn auch auf vollkommen andere Weise. Es ist eines der meistgespielten Werke der Violinliteratur, bei dessen Aufführung es sich stets gegen unzählige bereits gehörte Interpretationen behaupten muss. Dass dies dieser Version durchaus gelingt, liegt vor allem an der Solistin Lisa Batiashvili, der vielleicht brillantesten Geigerin ihrer Generation. Ihre Interpretation verbindet innige Leidenschaft mit makelloser Eleganz, die lyrischen Passagen insbesondere der ersten beiden Sätze sind mitunter von so atemberaubender Schönheit, das selbst dem abgebrühtesten Kenner des Werks zuweilen der Atem stockt. Und doch gelingen ihr auch die kraftvollen Teile, vor allem im Finalsatz, der bei ihr in Schwung und Dynamik keiner Referenzeinspielung nachsteht. Gewiss, so manches gerät ihr glatter als anderen Interpreten, doch ist ihr Spiel von der ersten bis zur letzten Sekunde stimmig.

Das gilt für das Orchester leider nicht in gleichem Maße. Der dialogische Charakter des Konzerts kommt hier nie so ganz zur Geltung. So beschränkt sich die Staatskapelle mal auf das bloße Begleiten, nur um an anderer Stelle, am auffälligsten zu Beginn des Schlusssatzes. in Konkurrenz zum Soloinstrument zu treten. Auch wirkt die bereits angesprochene Streicherlastigkeit streckenweise etwas störend, während an anderen Stellen der äußerst kompakte Orchesterklang einen wirksamen Kontrast zum glasklaren Spiel der Solistin bildet.

Uneinheitlich ist auch der Eindruck, den die abschließenden Drei Orchesterstücke op. 6 von Alban Berg hinterlassen. Die kurzen ersten beiden Stücke verpuffen weitgehend, ohne Wirkung zu zeigen. Dem ersten fehlen dabei die Kontraste, aus denen es seine Dynamik entwickelt. Zu auftrumpfend der Beginn, der sich doch eigentlich Mahler-haft aus dem Nichts schälen sollte, zu abrupt das Ende, ein umgekehrter Spiegel des Beginns. Barenboims Interpretation fehlen etwas die Nuancen, die Entwicklung. Beim zweiten scheint er sch nicht entscheiden zu können, ob ihn das Spiel der Klangfarben oder die zwischen gerader und ungerader Taktung wechselnde Rhythmik mehr interessieren. In seiner Unentschiedenheit bleiben leider beide ein wenig auf der Strecke.

Beim Schlussstück ist dann die Spannung plötzlich wieder da, werfen sich Orchester und Dirigent mit Verve in die hochkomplexen Klangwelten und musikalischen Strukturen, arbeiten sie die selbst für Berg ungewöhnlich reiche musikalische Architektur ebenso heraus wie das faszinierende Spiel seiner Klangfarben. Da ist zu erahnen,warum die Drei Orchesterstücke als das Komplexeste gelten, was Berg geschrieben hat – und warum jene Besucher, die einen verfrühten Heimweg angetreten haben, vielleicht doch etwas verpassen.

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