Wahnsinn!

Sean O’Casey: Juno und der Pfau, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Milan Peschel)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit etwas Positivem: Es ist schon eine gute Nachricht, den Namen Sean O’Casey einmal auf dem Spielplan eines deutschsprachigen Theatrers zu finden. Zu den häufig gespielten Autoren zählt der Ire nicht gerade – was leider auch für sämtliche seiner Landsleute gilt – mit Ausnahme einiger irischer Exilanten wie Oscar Wilde, George Bernard Shaw oder später Samuel Beckett. Die große Tradition des irischen Theaters, die mit der Gründung des Dubliner Abbey Theatre kurz nach der Jahrhundertwende begonnen hatte, kommt auf deutschen Bühnen praktisch nicht vor. J. M. Synge, W. B. Yeats, Brendan Behan, Brian Friel? Fehlanzeige. Selbst zeitgenössische Bestsellerautoren wie Martin Mc Donough oder Frank McGuinness kommen nicht vor. Dabei war das irische Theater einmal beispielhaft: für die Schaffung eines eigenständigen nationalen Theaters und für die Rolle, welche dieses für die Entstehung einer nationalen Identität und sogar der Erschaffung eines Nationalstaates spielen kann. Sean O’Casey, der seine wichtigsten Werke in den Jahren unmittelbar nach der irischen Unabhängigkeit und dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1922 schrieb, gehört sicherlich zu den zentralen Figuren dieser Tradition. O’Casey war ein echter Erneuerer: Als erster brachte O’Casey die irische Wirklichkeit auf die Bühne. Er war der Dramatiker des urbanen Irlands, in dem schon damals die Mehrheit der Bevölkerung lebte, ein Poet dessen, was man heute Unterschicht nennen würde. Aber auch einer, der es verstand, naturalistische Milieuzeichnung mit Komik zu verbinden, dessen turbulente Komödien aber oft am Ende ins Tragische kippte, das umso brutaler zuschlug, je wilder die vorhergehende Komik war.

So auch bei Juno und der Pfau, O’Caseys großem Durchbruch als Dramatiker. Das Stück erzählt die Geschichte von Jack Boyle, einem Tunichtgut, der sehr vital ist, wenn es darum geht, durch die Dubliner Pubs zu ziehen, der jedoch plötzliche Scherzen entwickelt, wenn ihm jemand einen Job anbietet. Seine Frau Juno schimpft und leidet und versucht, die Familie zu ernähren. Dann ist da noch eine sozial ambitionierte Tochter, ein kriegsversehrter Sohn und Joxer, Jacks Saufkumpan, eine Art schmieriger Mephisto des Stücks, an dessen Ende Jack allein zurück bleibt, die Tocher schwanger ist und der Sohn tot. Und das alles vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs 1921/22. Es geht um Elend, um eine zerfallende Gesellschaft, Krieg, Fanatismus und Bigotterie. Themen also, aus denen sich auch heute noch einige Relevanz holen lassen müsste. Sehr schade, dass Regisseur Milan Peschel dso gar nichts einfallen will. Seine Inszenierung ist um so enttäuschender, als man ja weiß, dass er durchaus in der Lage ist, farcenhaften Slapstick mit ernster Thematik wirkungsvoll zu verknüpfen. Bei Juno und der Pfau bleibt dagegen nur der Slapstick und selbst der wirkt, wie in der Anfangsszene, in der Kathrin Wichmann mit einer Zeitung kämpft, seltsam träge. Es ist ein Abend der Versatzstücke und Klischees und das fängt schon beim Bühnenbild an: Pappkartons und Sperrholzplatten, die später, nach der Ankündigung einer vermeintlichen Erbschaft, langwierig zu einer Hütte verschraubt werden, dahinter ein Vorhang aus grünen Streifen – wir sind schließlich in Irland. Musikalisch reicht das Spektrum von U2 bis zu den Pogues, zu denen dann auch mal irisch getanzt werden darf. Ironisch, versteht sich. Ansonsten wird gern mal „Wahnsinn!“ gerufen, sind alle Figuren „Wahnsinnstypen“, alle Gegenstände „Wahnsinns-„Irgendwas, ein Running Gag, dessen komisches Potenzial sich schnell erschöpft.

Ansonsten gehört der Abend Jack und Joxer, gespielt von Michael Schweighöfer, der seine leicht sächsische Tonfärbung gekonnt einsetzt und seinen „Captain“ als coolen Hallodri gibt, und Moritz Grove, der seinen Joxer mit seiner solch bravourösen Mischung aus aasiger Hinterfotzigkeit und vulgärem Charme gibt, dass man ihm stundenlang dabei zuschauen könnte. Sie geben einen furiosen Double Act, bei dem Schweighöfer eher mit Understatement überzeugt, während Grove seinem Slapstick-Affen ordentlich Zucker geben darf. Nur ist das eben wenig mehr als eine zuweilen hochkomische Nummernrevue ohne weitere Substanz. Dazu passt auch, dass das hochklassige Ensemble weit unter seinen Fähigkeiten bleibt: Anita Vulesicas Juno gerät ebenso ernsthaft wie dröge, Kathrin Wichmann als Tochter Mary wirkt zuweilen wie sediert, nur um kurz darauf wieauf Speed zu poltern und zu grimassieren und Ole Lagerpusch beschränkt sich als Sohn Johnny auf einen verzerrten Gesichtsausdruck und nuancenfreies Herumbrüllen. Das schwankt irgendwo zwischen Volksbühne und Holzschnitt und wirkt vor allem wie das, was es wahrscheinlich auch ist: hilf- und ratlos. Warum Milan Peschel das Stück inszeniert hat, erschließt sich an keiner Stelle, ebensowenig, wo er damit hin will. Am Ende bleiben einige amüsante Momente und viel Kopfschütteln. Und eine auf ganzer Linie versemmelte seltene Chance.

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