Blick zurück – nach vorn?

Die Einladungen für das diesjährige Theatertreffen stehen fest

Von Sascha Krieger

Nach der Berlinale ist vor dem Theatertreffen: Noch tobte das weltgrößte Publikumsfestival auch im Domizil der Berliner Festspiele, da wagte man nebenan auf der Seitenbühne bereits den Blick auf das wichtigste jährliche Ereignis des deutschsprachigen Theaters, das Theatertreffen, das in diesem Jahr fünfzigstes Jubiläum feiern wird. Ein Buch wird es geben, eine Sonderausgabe des Stückemarkts mit Texten ehemaliger Teilnehmer und noch einiges, das noch nicht verraten wurde. Thomas Oberender wagte  einen eher statistisch geprägten Blick zurück: 514 Inszenierungen seien eingeladen bzw. nominiert worden, Rekordhalter bei den Autoren Shakespeare (38 mal), bei den Regisseuren Peter Zadek (21), bei den Stücken Woyzeck  und Onkel Wanja (je sechs). Viele Zahlen gibt es auch zur diesjährigen Ausgabe: Etwa 420 Inszenierungen wurden gesichtet, zwischen 85 und 117 waren es pro Juror. Und das Ergebnis? Eine Auswahl mit einigen Aha-Effekten, Abschiedsgeschenken und so manchem Fragezeichen. Und eine, die das Stadttheater feiert wie lange keine mehr: Neun von zehn Inszenierungen kamen von städtischen Häusern, nachdem die Freie Szene in den vergangenen Jahren sich einen festen Platz in dieser Auswahl der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Theaterjahres erkämpft hatte.

Theatertreffen 2012

Im Mai ist Berlin Schauplatz des 50. Theatertreffens (Foto: Sascha Krieger)

Davon ist 2013 nur noch der Belgier Jérôme Bel übrig geblieben: Mit seinem Disabled Theatre, in dem Menschen mit Down-Syndrom ihre eigene Behinderung spielerisch aufarbeiten, ist jedoch eine Arbeit dabei, die so kontrovers war wie kaum eine zweite, die eine Debatte darüber entfacht hat, was das Theater darf und was es vielleicht nicht sollte. „Wer bestimmt eigentlich, was professionelles Theater ist,“ fasste Jurorin Anke Dürr eine der zentralen Fragen des Stückes zusammen.

Ansonsten ist das Theatertreffen 2013 ein Triumph des in den vergangenen Jahren schon öfters totgesagten Regietheaters. So sind viele alte Bekannte dabei, sowohl bei den Theatern, als auch unter den Regisseuren. Neulinge sind neben Bel lediglich die beiden Sebastians, Baumgarten und Hartmann, dem scheidenden und stets umstrittenen Leipziger Intendanten, dem mit seiner ersten Einladung für Krieg und Frieden die Jury ebenso ein – zweifellos wohlverdientes – Abschiedsgeschenk bereitet wie der nach Hamburg wechselnden Kölner Intendantin Karin Beier, die für ihr Haus nochmals zwei Einladungen verbuchen kann, wenngleich sie als Regisseurin diesmal leer ausging. Das gilt übrigens auch für den Rekordhalter unter den eingeladenen Theatern: Nach 45 Einladungen fehlt das Wiener Burgtheater in diesem Jahr erstmals wieder seit 2008.

Mit der vierten Inszenierung in drei Jahren ist Herbert Fritsch wieder dabei: Seine Aufführung des nur aus einem Wort bestehenden Stück Murmel Murmel des Schweizer Künstlers Dieter Roth lobte Jurorin Christine Wahl als die bislang konsequenteste Regiearbeit des ehemaligen Schauspielers. Ebenfalls das dritte Jahr in Folge ist Karin Henkel dabei, deren Inszenierung von Die Ratten viele eher skeptisch entgegensehen – sowohl ihr Kirschgarten vor zwei Jahren als auch der Macbeth im vergangenen Jahr zählten eher zu den Enttäuschen des Festivals. Zweimal vertreten sind die Münchner Kammerspiele, wobei sowohl Sebastian Nüblings Tennesse-Williams-Inszenierung Orpheus steigt herab als auch Johan Simons‘ Jelinek-Abend nicht nur auf Begeisterung stießen. Mehr Vorfreude gibt es bei Michael Thalheimers Frankfurter Medea mit Constanze Becker in der Hauptrolle:  Nur zu gut erinnert man sich noch an Thalheimers furiose Antikenverdichtung Die Orestie vor einigen Jahren am Deutschen Theater – auch damals war Becker mit dabei.

Was uns zu einem der Trends dieses Theatertreffen-Jahrgangs bringt: Es sind starke Schauspielerinnenleistungen zu sehen – die Frauen prägen das Geschehen, ähnlich wie es auch bei der gerade zu Ende gegangenen Berlinale zu beobachten war. Constanze Becker, Sandra Hüller, Lina Beckmann: Der Besucher kann sich sich auf einige bemerkenswerte Darbietungen freuen. Doch es sind nicht nur die Frauen, die überzeugen. Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer, hat starke Ensembleleistungen als einen zentralen Trend ausgemacht: „Überragende Ensembleleistungen zeigen die Bühne als Ort, an dem existentielle Fragen gestellt werden“, so Büdenhölzer. Ein weiterer Trend: „Besonders bemerkenswert an der diesjährigen Auswahl ist die Rückbesinnung auf große Stoffe und Geschichten, auf Klassiker und Klassiker der Moderne – flankiert von Stückentwicklungen und neuen Texten. Im Zentrum der Inszenierungen steht oft eine Neubefragung sozialer Themen oder gesellschaftlicher Werte.“ Für Büdenhölzer „spiegelt das Festival die Vitalität und Vielgestaltigkeit der deutschsprachigen Theaterlandschaft.“

Das lässt sich aus der diesjährigen Auswahl nur bedingt ableiten, zu dominant ist das Stadttheater, zu klar ist die Rückbesinnung nicht nur auf klassische Stoffe, sondern auch eine Art des Regietheaters, das in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten die deutschsprachige Theaterlandschaft prägte. Neue Ansätze, ästhetische Experimente, alternative Ausdrucks- oder Produktionsformen sucht man in diesem Jahr vergebens. Der Blick zurück ist bei eine solchen Jubiläum durchaus verständlich, ein wenig mehr Mut zum Risiko, etwas mehr von der vielbeschworenen Vielfalt hätten der Auswahl aber zumindest nicht geschadet.

Die eingeladenen Inszenierungen im Überblick

Jérôme Bel: Disabled Theatre / Festival d’Avignon, HAU etc., Regie: Jérôme Bel

Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe / Schauspielhaus Zürich, Regie: Sebastian Baumgarten

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein / Thalia Theater Hamburg, Regie: Luk Perceval

Nach Leo Tolstoi: Krieg und Frieden / Ruhrfestspiele, Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian Hartmann

Euripides: Medea / Schauspiel Frankfurt, Regie: Michael Thalheimer

Dieter Roth: Murmel Murmel / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, Regie: Herbert Fritsch

Tennessee Williams: Orpheus steigt herab / Münchner Kammerspiele, Regie: Sebastian Nübling

Gerhart Hauptmann: Die Ratten / Schauspiel Köln, Regie: Karin Henkel

Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht / Schauspiel Köln, Regie: Katie Mitchell

Elfriede Jelinek: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall / Münchner Kammerspiele, Regie: Johan Simons

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Ein Gedanke zu „Blick zurück – nach vorn?

  1. […] an der sich alle anderen Inszenierungen werden messen lassen müssen. Dass er es damit erneut zum Theatertreffen geschafft hat, ist mehr als […]

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