Lust auf Musik

Gustavo Dudamel und Lang Lang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Gastdirigat bei den Berliner Philharmonikern ist derzeit so etwas wie ein Bewerbungsgespräch: Seit Sir Simon Rattle angekündigt hat, seinen bis 2018 laufenden Vertrag mit dem Orchester nicht zu verlängern, schauen Zuhörer und Kritiker noch genauer hin, schließlich wird voraussichtlich einer von denen, die her in letzter Zeit am Pult gestanden haben und dies in den kommenden Monaten noch tun werden, in fünf Jahren die Leitung eines der weltbesten Orchester übernehmen. Wäre in Deutschland die Wettkultur ähnlich ausgeprägt wie beispielsweise auf den britischen Inseln, stände ein Name bei den Buchmachern ganz oben: Gustavo Dudamel, 31 Jahre alt, Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra, Gründer des Simón Bolivar Jugendorchesters und das, was man gemeinhin als Ausnahmebegabung bezeichnet. Da hilft nur eines, um den Druck bei seinem ersten Gastspiel seit Rattles Ankündigung wenigstens etwas zu mildern: Man lädt als Solisten einfach den derzeit größten Weltstar im Klassik-Universum ein: den chinesischen Pianisten Lang Lang.

Der dann in Béla Bartóks Klavierkonzert Nr. 2 von Beginn an zeigt, wer hier den Ton angibt. Mit höchster Energie und dem Selbstbewusstsein eines, der weiß, dass er technisch derzeit das Maß aller Dinge ist, wirft er sich in dieses brutal anspruchsvolle Werk, bei dem das Klavier zuweilen fast zum Rhythmusinstrument wird. Fast wie ein Schlagzeuger arbeitet Lang den rhythmischen Kern des Konzerts hervor und treibt immer wieder das vor allem in den ersten beiden Sätzen ein wenig zu gezähmt wirkende Orchester vor sich her. Bartóks Zweites ist Rhythmus, wird aus diesem geboren und kehrt immer wieder zu ihm zurück. Lang Lang gelingt es, diesen spezifischen Charakter des Werks hörbar zu machen, ohne die ebenso vorhandene klangliche Vielfalt zu vernachlässigen. Wohin ihm im Schlusssatz dann auch das Orchester folgt, in dem es urplötzlich spriudelt und flackert und glänzt. Tosender Applaus, den sich insbesondere der Pianist redlich verdient hatte.

Ein wenig uneinheitlich und rätselhaft kommt auch das Auftaktstück daher, Samuel Barbers berühmtes Adagio for Strings. Dudamel wählt extrem langsame Tempi, was dem Werk zunächst alles andere als gut tut. Die gleichzeitig kreisenden und sich fast unmerklich linear steigernden Meldiebögen kommen so kaum zur Geltung, immer wieder wirft der Dirigent dem Stück Bremsklötze in den Weg, klingen die fantastischen Streicher der Philharmoniker seltsam fahl. Und dann geschieht ein musikalisches Wunder: urplötzlich ist das Orchester, ist auch Dudamel vollkommen präsent, schreien die Violine den Höhepunkt des Stücks heraus, schrill, gleißend, schmerzerfüllt. Ließ sich zuvor die meist so berührende Innigkeit des Werks kaum mehr als erahnen, wirkt dieser Klimax jetzt unerbittlich direkt und beinahe brutal. All die Trauer, die dieses längst zur Trauermusik Amerikas gewordene Adagio, beinhaltet, löst sich in einem mächtigen Schmerzensschrei, der erschüttert.

Voll und ganz in seinem Element ist Gustavo Dudamel dann nach der Pause, bei Richard Strauss‘ Don Juan  und Till Eulenspiegels lustigen Streichen. Es gibt derzeit wohl keinen zweiten Dirigenten, der in der Lage ist, einen solchen Klangreichtum zu erzeugen, der niemals seine Klarheit verliert, der Fülle und Kraft mit Transparenz paart, bei dem das Ganze aus den deutlich erkennbaren Teilen entsteht. Strauss‘ Don Juan ist eine Feier der Lebensfreude, die bei Dudamel zum ganz großen Lebensbogen wird. Ganz selbstverständlich nimmt Dudamel das Pathos, das diesem werk innewohnt auf, schwenkt gern auch mal ins Feierliche und scheut generell die großen Gesten nicht. Umso prägnanter schillern dann die lyrischen Momente, die bei den fabelhaften Solisten der Philhamoniker, etwa Oboist Albrecht Mayer, Hornist Stefan Dohr oder Konzertmeister Guy Braunstein, in den bestmöglichen Händen sind.

Dieser Don Juan ist so aufregend, wie man es ihm kaum mehr zugetraut hätte, ein Eindruck, der sich bei Till Eulenspiegel fortsetzt. Auch hier blitzt und glitzert und tönt und klingt alles und doch auf vollkommen andere weise. Dudamel nimmt den Eulenspiegel als Schelmenstück, lässt sein Orchester hier stürmisch lospreschen und dort lustig glucksen, ein Klangmeer, das übersprudelt und doch stets mit einem Augenzwinkern daherkommt. Dtimmungs- und Tempowechsel sind klar herausgearbeitet, Lyrisches und ungestüm Schelmischen prallen ungebremst aufeinander und kommen doch aus der gleichen Quelle, die sich vielleicht am besten und womöglich auch am unvollkommensten als Lust an der Musik bezeichnen lässt. Und die vielleicht den Diregenten Gustavo Dudamel auch am treffendsten beschreibt. Einer, der Lust auf Musik macht, weil er Lust an ihr hat. Eine schlechte Wahl wäre er sicherlich nicht. Aber das wussten wir auch schon vorher.

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