Under dem Teppich

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Volker Lösch)

Von Sascha Krieger

Plötzlich ist da ganz viel Wirklichkeit. Unspektakulär, nüchtern, unaufgeregt. Kein Chor „echter“ Menschen wie man ihn sonst von Volker Lösch kennt, nur ein einzelner, fast unscheinbarer Mann, kontrolliert, sachlich, still bestimmt. Andreas Timmermann-Levanas heißt er, 24 Jahre lang war er Berufsoffizier der Bundeswehr, im Einsatz in Bosnien und Afghanistan, Gründer und Vorsitzender des Bund Deutscher Veteranen e.V. Nein, sagt er, er sei kein Nazi, habe für kein Regime Krieg geführt, sei nicht von Adolf Hitler in den Einsatz geschickt worden sondern vom Deutschen Bundestag. Und berichtet doch von Traumatisierungen, von den eigenen, vor allem einem erlebten und überlebten Selbstmordattentat entstammenden, und denen vieler ehemaliger Kameraden. Und er berichtet vom Gefühl des Weggeworfenseins – aus der Armee, in der er nicht mehr zu funktionieren vermochte, aber auch aus der Gesellschaft, die nichts von ihm und seinesgleichen wissen will. Wie real dies ist, zeigten denn auch Zwischenrufe aus dem Publikum der Marke „Mir kommen gleich die Tränen“. Das Problem einer Gesellschaft, die Menschen, ja, Freiwillige, aber eben doch Diener unseres Gemeinwesens, in Kampfeinsätze schickt, sich aber nicht weiter damit befassen will, sie und vor allem die Heimkehrer aus dem kollektiven Bewusstsein ausschließt – hier wird sie schmerzhaft spürbar. Ganz ohne inszenatorischen Aufwand, Lichteffekte oder Theaterzauber. Schlicht, real und nicht wegzudiskutierend. Es ist das Ende eines Abends, der zuvor jegliche Dringlichkeit vermissen lässt und sie erst dann gewinnt, wenn das Theater schweigt.

Foto: Schaubühne

Foto: Schaubühne

Denn eigentlich geht es in Wolfgang Borcherts 1947 erschienenen Draußen vor der Tür eben genau um das, was Timmermann-Levinas beschreibt: das kollektive Unter-den-Teppich-Kehren, das Reinwaschen von jeder Verantwortung. Natürlich sind die Vorzeichen gänzlich andere und ist ein Einsatz wie jener in Afghanistan nicht zu vergleichen mit dem Vernichtungsfeldzug Hitlers. Lösch, aber auch Timmermann-Levinas liegt eine solche Gleichsetzung auch fern. Was sie beschreiben, sind gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen, das Ausgrenzen dessen, was nicht ins Weltbild passt und vor allem dessen, was bei der gesellschaftlichen Wohlstandsjagd stören könnte. All das, was daran erinnern könnte,woran man nicht erinnert werden will, lässt man nicht herein, es bleibt eben draußen vor der Tür. Oder unter dem Teppich. Schwarz-rot-gold ist er bei Lösch, flauschig einladend bedeckt er die ganze Bühne. Viele Wellen hat er, immer wieder offenbaren sich Untiefen, in welche die Darsteller einsinken. Da liegt schon einiges drunter und immer ist Platz für mehr.

Ein schönes Bild eigentlich, aus dem Volker Lösch viel zu wenig macht. Viel zu schnell verfällt er in den üblichen Lösch-Ton, lässt zunächst den „Anderen“, später auch Kriegsheimkehrer Beckmann, jenen verlorenen, traumatisierten, Wurzel-, Frau-, Kind- und Elternlosen, chorisch sprechen, choreografiert das Hin und Her seiner Geschichte der Abweisung so sorgfältig, vereinheitlicht den Ton seines Ensembles so vollständig, dass er dem Stück, das er doch eigentlich inszenieren will, jeden Raum zum Atmen nimmt. Und so hat uns diese Borchert-Variante erschreckend wenig zu sagen, so wie sie hier einfache Erklärungsmuster, ermüdende Rituale und blasse Satireversuche – der Oberst mit dem Plexiglasbauch voller Gummi-Hähnchen, der sich in eine riesige Theatermaske zwängende Theaterdirektor – routiniert aneinandergereiht werden.

Vielleicht hat Volker Lösch das geahnt, vielleicht ist ihm die reine Soldatenebene aber auch einfach nicht genug, vielleicht fehlen ihm auch die eigentlichen Opfer dieses barbarischsten aller Kriege. Auf jeden Fall kombiniert er Borcherts Text mit Passagen aus dem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“, für das Sönke Neitzel und Harald Welzer Abhörprotokolle aus amerikanischen Kriegsgefangenenlagern zusammengetragen haben. Es sind Geschichten von Soldaten, die für Extrasold Massenerschießungen durchführen, die aus purer Lust Menschen jagen, die sachlich von Judenerschießungen berichten als währen es Sportereignisse. Besonders beklemmend der Moment, in dem sich die Darsteller, unter der Teppich-Decke liegend von der schönen Jüdin auf dem Weg zu ihrer Erschießung erzählen wie in einer Gute-Nacht-Geschichte. Hannah Ahrends Diktum von der „Banalität des Bösen“ – hier wird es greifbar. Zumeist aber führt Lösch viel zu viel Begleitmusik auf, so dass die in ihrer Nüchternheit so schrecklichen Texte immer wieder verpuffen.

Die Kombination des Heimkehrerschicksals mit der Täterperspektive tut aber noch etwas: Letztere relativiert erstere. Dieser Beckmann ist doch auch Täter, sagt das, sein Schicksal ist doch nicht zu vergleichen mit dem der „wahren Opfer“. Es ist, als dürfe die Traumatisierung des von der Gesellschaft zum Töten Geschickten und dann Ausgestoßenen nicht unwidersprochen, nicht ohne in einen relativierenden Kontext eingebettet zu werden bleiben. Und so sind die finalen Zwischenrufe nicht nur Zeichen einer Gesellschaft, der eine Debatte, wie sie der Bundeswehrveteran anregt, gut tun würde, sie sind in der Unentschiedenheit der Inszenierung angelegt, in der sich die beiläufig erzählten Gräuel und die Geschichte eines vom Krieg ausgespieenen und von der Gesellschaft verjagten Menschen gegenseitig neutralisieren. Das ist weder im Sinne des einen noch des anderen hier angesprochenen Diskurses. Und das wiederum ist vor allem eines: äußerst bedauerlich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: