Flüchtige Begegnung

Murray Perahia zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Oft kommt es nicht vor, dass ein Solist bei den Berliner Philharmonikern in Personalunion das Orchester leiten darf. András Schiff war 2010 der bisher letzte, jetzt folgte ihm Murray Perahia. 2011/2012 Pianist in Residence der Philharmoniker und dem Orchester als Solist seit 1977 verbunden, darf er jetzt sein Debüt am Philharmoniker-Pult geben. Mozarts letztes Klavierkonzert KV 595 steht auf dem Programm, ein Werk, das die Philharmoniker zuletzt 2006 gespielt haben, der Solist hieß Alfred Brendel und ist heute im Ruhestand. Dass Murray Perahia dort noch lange nicht hingehört, beweist er ausgiebig: Kein anderer Pianist kann derzeit seinem Instrument einen so glockenhellen und gleichzeitig glasklaren Klang entlocken wie der 65-jährige Amerikaner. Jede Note zählt, kein Ton ist unwichtig, nichts wird nur im Vorübergehen angespielt. Höchste Präzision gepaart mit einzigartiger Klangkultur: Dass Perahia dieser Spagat gelingt wie derzeit keinem zweiten, zeigt sich in allen drei Sätzen. Leichtfüßig perlend das Allegro, faszinierend innig und zugleich atemberaubend sachlich das Larghetto, energisch schwungvoll und ungemein melodiös das Finale. Perahia nimmt das Werk mit großer Leichtigkeit und das Orchester folgt ihm dabei. Kompakt und doch ohne jede Schwere ist sein Klang, getragen von Streichern und Holzbläsern verwandeln sich die Philharmoniker fast in ein Kammerorchester. Zugegeben: Die musikalische Komplexität des Konzerts bleibt unter der Oberfläche, die Untiefen werden elegant umschifft. In Perahias Händen wird KV 595 zur Unterhaltungsmusik im besten, das heißt Mozartschen Sinn.

Dass das gar nicht so wenig ist, zeigt der Kontrast zum zweiten Teil des Abends. Das Klavier ist weggeräumt, endlich darf Perahia aufs Podest steigen. Gegeben wird Joseph Joachims Orchesterfassung von Franz  Schuberts vierhändiger Klaviersonate D 812, auch als „Grand Dup“ bekannt. Für Robert Schumann war sie eine „auf das Clavier übertragene Symphonie“ und so ist kein Zufall, dass Joseph Joachims Orchestrierung drei Jahre vor der Orginalfassung uraufgeführt wurde. Bei den Philharmonikern ist seit 1885 keine weitere Aufführung belegt, Gelegenheit also zu einer seltenen Begegnung. Sie fällt zwiespältig aus. Zwar vermag der Gegensatz zwischen Schubertscher Frühromantik und dem opulenten Orchestereinsatz, der in seinen Klangwelten schon deutlich in Richtung von Joachims zukünftigem Weggefährten Brahms weist, durchaus faszinieren. Zuweilen meint man Brahms zu hören, in einigen Passagen des ersten Satzes tun sich gar musikalische Abgründe auf, wie man sie später im Werk Anton Bruckners finden wird. Nur leider gelingt es Perahia kaum, diesem musikalischen Zwitterwesen Leben einzuhauchen. Zu sehr plätschert das Werk einigermaßen haltungslos dahin, lässt der Dirigent lyrische Passagen ebenso wie Kraftausbrüche mit angezogener Handbremse spielen. Zuweilen zerfasert selbst das Spiel der Philharmoniker, verliert es sich im Vagen. Erst im Finale ist die Energie zu spüren, die man dem ganzen Werk gewünscht hätte. Eine Wiederentdeckung ohne Zweifel, aber eine, bei der an diesem Abend noch nicht ganz klar wird,worum es sich da eigentlich handelt. Es ist, als hätte man einer neuen Bekanntschaft nur von Weitem zugewinkt und wünscht sich, sie näher kennen zu lernen.

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