Die reine Leere

Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder nach Thomas Mann/Gustav Mahler, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig und Gustav Mahler – nun ja, besonders originell ist der Gedanke, beide miteinander zu verschränken, erst einmal nicht. Mahler war sicherlich eines der Vorbilder oder zumindest eine Inspirationsquelle für Manns Hauptfigur Gustav Aschenbach, eine Tatsache, aus der Lucchino Visconti für seine grandiose Verfilmung einiges Kapital schlug. So machte er aus dem Schriftsteller Aschenbach einen Komponisten und bediente sich für seinen Soundtrack ausgiebig bei Mahler. Das Adagietto aus Mahlers 5.Symphonie verdankt dem Film nicht nur ein gutes Stück seiner Bekannt- und Beliebtheit sondern auch die gängige Fehlinterpretation als trauervolle Todesmusik, wo Mahler tatsächlich eine zarte Liebeserklärung geschrieben hat. Nun gut, mag sich Thomas Ostermeier gedacht haben, was Visconti kann, kann ich schon lange. Den Abend nennt er dann Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder, damit sind Mann und Mahler genannt, der Rahmen abgesteckt, kann das Spiel beginnen.

Foto: Arno Declair

Schöner sterben (Foto: Arno Declair)

Tut es aber nicht. Gäbe es im Theater so etwas wie das aus Geschäftsmeetings bekannte Bullshit-Bingo (bei dem die Spieler beliebte geschäftliche Phrasen auf einen Bingoschein notieren und jedesmal, wenn eine von ihnen fällt, diese ausstreichen, bis eine Reihe voll ist und man lauthals „Bingo“ ruft), könnte man es bei Ostermeier spielen. Kaum ein Versatzstück des Regietheaters, das er nicht bedient, kaum ein Klischee, das der Laie mit ambitionierter Kunst assoziiert, das er auslässt. Es wird gesungen (Mahler natürlich), es gibt Videoprojektionen und Live-Video, Tanztheater, Soundeffekte mnit einem zum Schlaginstrument degradierten Flügel, es wird am Bühnenrand und in einer Art Sprecherkabine ins Mikrofon gesprochen und natürlich thematisiert sich das Theater selbst. Der Abend beginnt mit einer gespielten Probe und wird zwischendurch von Kay Bartholomäus Schulze, dessen Aufgabe es zumeist ist, Teile des Mannschen Textes sonor ins Mikrofon zu leiern, unterbrochen mit der Forderung, eine gestrichene Passage doch zu lesen.

Das klingt nicht nur so, als hätte Ostermeier eine Checkliste abgearbeitet, es hat auch exakt diese Wirkung. Kaum einmal kann der Abend überhaupt ein wenig atmen, etwa wenn Josef Bierbichler Mahler-Töne von solcher Zerbrechlichkeit und Zerrissenheit herauspresst, dass sie für einen kurzen Moment die ebenso formvollendete und oberflächliche Melancholie, mit der sich der Abend schmückt, und die nur ein fahler Abglanz , eine schlechte Kopie der atmosphärischen Dichte von Viscontis Film ist, zu durchbrechen scheinen. Doch es dauert nie lange, bis die kunstvoll verzögerten Videobilder, die in sanfte Zwielicht getauchte morbide Eleganz des angedeuteten Hotelambientes, die langen wie gemeißelt wirkenden bedeutungscoll-sehnsüchtigen Blicke der Inszenierung jegliche Luft nehmen.

Letztlich bleibt alles Behauptung, ist bloßes Bild, Symbole, die nichts bedeuten: das Begehren des alten Mannes, seine Sehnsucht nach Jugend und Liebe, der unentrinnbare Sog des Todes, das Ersterben einer todgeweihten Welt. Wenn sich die Blicke Aschenbachs und des Knaben Tadzio treffen, ist da keine Spannung, es ist nur das überdeutlich gezeichnete Abbild einer solchen. Der alternde Mann, der für eine vage Sehnsucht seinen Seelenfrieden und am Ende sein Leben opfert, der zur Marionette seines Begehrens wird, er ist hier nur noch Zitat. Am Ende stürzt der Abend dann regelrecht ab: Schwarze Fetzen, die wohl die tödliche Seuche symbolisieren, die Venedig heimsucht, fallen herab, darin tanzen drei zum Schluss kaum noch bekleidete Tänzerin einen Todestanz, bedeutungsschwanger tönt das Klanggewitter. Das ist großartig anzusehen, schafft wunderbare Bilder und ist doch so leer, so gewollt, so offensichtlich, dass es kaum zu ertragen ist.

Dieser Schluss ist – leider – symptomatisch für einen Abend, dem jegliche Ambition fehlt, der keinerlei Neugier verrät, der nichts erkunden oder entdecken will, der sich im bloßen Kunstgewerbe erschöpft und sich darin genügt, zu kopieren und zigmal Gesehenes noch ein weiteres Mal aufzugießen. Dieser Abend will nichts als blenden, will nur schöne und möglichst eindrucksvolle Oberfläche sein und kann doch seine Leere nie verbergen. Das beste an dieser ärgerlichen Theaterverweigerung ist, dass sie nach 70 Minuten schon vorbei ist. Immerhin dann doch ein Lichtblick.

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Ein Gedanke zu „Die reine Leere

  1. Heike Gehring sagt:

    I would like to know what Sascha Krieger had to say about the majority of the productions at this year’s Theatertreffen if this is what she thought of Tod in Venedig? I found this production such a relief after experiencing so much forced, alienating acting during Theatertreffen. Great to experience something closer to Impressionism. Only pity was that it was too short.

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