Helmut Kohl meets Spongebob

Angst essen Deutschland auf. Ein Blick zurück nach vorn aus der Sicht und mit den Worten von Rainer Werner Fassbinder, Schaubühne am Lehniner Platz/Studio, Berlin (Realisation: Patrick Wengenroth)

Von Sascha Krieger

Da steht dann also Patrick Wengenroth, verkleidet als Patrick Star, der etwas begriffsstutzige Seestern aus der Kinderserie Spongebob und trägt Passagen aus Helmut Kohls erster Regierungserklärung aus dem Jahr 1982 vor. Am Ende dreht Wengenroth sich um, lässt das Kostüm aufplatzen und präsentiert dem Publikum seinen nackten Hintern. Viel war in den vorangegangenen knapp zwei Stunden von der Gewalt als sozio-ökonomischer Kategorie, vom der Gewalt als Grundprinzip staatlicher Ordnung die Rede – und was fällt Patrick Wengenroth dazu ein? Ein blanker Hintern und eine einfältige Figur aus dem Kinderfernsehen. Die Schlussszene von Wengenroths angeblichem Fassbinder-Abend im Studio der Schaubühne ist symptomatisch für das, was an diesem Abend alles schiefläuft und was aufzuzählen den Rahmen einer Kritik sprengen würde. Schöne Kostüme gibt es zu sehen, Filmszenen werden nachgespielt, es wird viel gesungen und noch viel, viel mehr Fassbinder (re)zitiert. Nur einer fehlt unentschuldigt: Rainer Werner Fassbinder.

Foto: Heiko Schäfer

Original und Fälschung (Foto: Heiko Schäfer)

Dabei scheint er zu Beginn leibhaftig da zu sitzen: Wengenroth selbst gibt den Fassbinder, lässig Zeitung lesend, mit charakteristischen dunklen Haaren (Perücke) und Schnauzbart (echt). Natürlich ist es ein Zitat, die dazugehörige Filmszene wird bald auf die Rückwand projiziert und auf der Bühne nachgespielt. Was im Sinne eines Abends, der einen „Blick zurück nach vorn“ (Untertitel) gewähren und „die emotionale Verfasstheit Deutschlands – heute, gestern und übermorgen“ (Ankündigungstext) verhandeln soll, eine schöne Verschränkung von gestern und heute, Kunst und Realität, Wirklichkeit und deren Spiegelung sein könnte, entpuppt sich als nicht mehr als alberne Parodie, plumpes Nachspielen auf dem Niveau eines dahingeschluderten Fernsehsketches. Und leider ist das auch noch einer der stärkeren Momente dieses sich wie Kaugummi ziehenden Abends.

Sieben Schauspieler und der Musiker Matze Kloppe dürfen sich a Fassbinder-Texten versuchen, schwadronieren über Gewalt und Anarchie, über die Abschaffung der Ehe oder, natürlich, gern und viel über das Theater. Der Abend beginnt mit dem Verlesen eines programmatischen Texts über das Antitheater, Fassbinders Versuch eines basisdemokratischen, antiautoritären, systemfernen Gegenentwurfs zum etablierten Theater, er streift Fassbinders Stück Anarchie in Bayern und hat doch zu alldem nicht viel zu sagen. Ungehört verpuffe die Worte, ist es doch viel spannender, Jule Böwe dabei zu beobachten, wie sie über die Bühne torkelt und dabei ihre Brüste entblößt oder sich auf den nächsten hochkomischen Auftritt Niels Bormanns zu freuen.

Das Fassbinder-Universum wird hier zur Ansammlung lächerlicher Karikaturen: Bormann tritt mal in Uniform und Hakenkreuz-Ohring, mal im Witwenkostüm auf, Sebastian Nakajew kombiniert Unterhemd und Matrosenmütze, Ulrich Hoppe gibt in feinem Zwirn eine Mischung aus Buchhalter und Zuhälter. Ständig wird gesungen, Erbauliches, Schlager, Pop, das Spektrum reicht von „Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong“ bis zu The Cures „Boys Don’t Cry“. Sinnhaft ist das alles nicht, aber so bekommt man wenigstens die zeit herum. Wenn Bormann im Witwenoutfit von der Trauer und Ratlosigkeit Fassbinders ob des Selbstmords seines Lebensgefährten spricht, ist der Tiefpunkt dieses an Tiefpunkten nicht gerade armen Abends erreicht. Über Fassbinder hat man wenig bis nichts erfahren, die „emotionale Verfasstheit Deutschlands“ bleibt unbeleuchtet und die scharfe Kälte des winterlichen Nachtwinds erscheint danach fast angenehm. Na bitte, das ist ja dann auch schon einmal etwas.

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2 Gedanken zu „Helmut Kohl meets Spongebob

  1. Stefan Bock sagt:

    Na so schlecht war das nun aber auch wieder nicht, wie sich das hier liest. Da war ich wohl gestern Abend auf einer ganz anderen Veranstaltung. Ich hatte jetzt natürlich auch kein komplettes Fassbinder-Biopic erwartet. Wengenroth hat wieder sehr akribisch Zitate gesammelt und diese dann zu einem doch sehr unterhaltsamen Abend zusammengeschraubt. Auch wenn nicht alles Funken sprüht, der Meister hält sich ja auffallend wohltuend zurück, sind die Schauspieler doch ziemlich gut und jedes Kostüm ist natürlich auch ein Zitat. Inhaltlich hält sich Wengenroth eben nur an Interviewausschnitte, die aber sehr gut das Wesen von Fassbinder wiederspiegeln. Die Spielszenen passen ebenfalls gut dazu, wenn dabei natürlich im Rückblick auch kein wirklicher Blick nach vorn entsteht. Wengenroth spielt mit den Phrasen und dem Schaum den Fassbinder geschlagen hat, und vergleicht ironisch die hohen Ziele mit den Ergebnissen. Fassbinder ist wie jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und die war in den 70ern noch etwas anders als in den ernüchternden 80ern. Das Wengenroth dann Kohl als Patrick Star auftreten lässt ist eben sein typischer Humor. Kohl ist ja nicht nur das Ergebnis des Scheiterns der Sozial-Liberalen Koalition, sein Antritt geht fast symptomatisch mit dem Tod Fassbinders einher. Dazu muss man wissen, dass nun für engagierte Filmemacher wie beispielsweise auch Herbert Achternbusch oder Thomas Brasch plötzlich ein anderer Wind wehte. Ein wenig klingt das in der Rede auch an. Beide haben dann ein warmes Plätzchen im subventionierten Theaterbetrieb gefunden. Wie es mit Fassbinder weitergegangen wäre, bleibt dabei Spekulation. Alles in allem stülpt Wengenroth die Figur Fassbinder nicht komplett um, aber man bekommt einen guten Einblick. Für manchen ist das nur albernes Kabarett, für mich war es zumindest keine verschenkte Zeit. Parallelen zum heutigen Kunstbetrieb, und gerade darum geht es dem Künstler Wengenroth ja auch, lassen sich schon ziehen.

  2. Wenn man so unterschiedlicher Meinung sein kann, hat Wengenroth wohl doch etwas richtig gemacht. Irgendein Kritiker hat Wengenroths Arbeitsweise mal mit Karaoke verglichen. ich denke, das trifft es durchaus. Das, was Sie als Zitate bezeichnen, war in meiner Wahrenehmung wenig mehr als mehr oder minder gelungenes Nachsingen. Zitieren bedeutet für mich immer auch das Stellen in einen wie auch immer gearteten Kontext. Hier stehen sie im luftleeren Raum, wird zitiert und des Zitierens willen. Wenn daraus für Sie ein Bild entsteht, freut mich das, in meinem Erleben passierte genau das eben nicht. Da fügte sich nichts zusammen und Fassbinder war da schon längst verschwunden.

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