Mit größter Klarheit

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo Chailly mit Symphonien von Mendelssohn Bartholdy und Bruckner

Von Sascha Krieger

Natürlich ist es etwas Besonderes, wenn Riccardo Chailly Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert. Nicht nur, weil der Italiener einer der renommiertesten Dirigenten der Gegenwart ist, sondern weil beide Teil der gleichen Traditionsline sind, schlißelich gehört Mendelssohn zu den Vorgängern Chaillys als Leipziger Gewandhauskapellmeister. Da interessiert die Sicht auf den viel zu oft als musikalisches Leichtgewicht eingeordneten Komponisten besonders. Oft wurde Menedelssohn mit Beethoven verglichen – meist mit der  ihn in diesem Vergleich den Kürzeren ziehen zu lassen. Riccardo Chailly ficht das nicht an: Er sieht Mendelssohn klar in der Tradition Beethovens und in seiner Interpretation der „Italienischen“ Symphonie kann der einzige der großen Romantiker, der sich mit Fug und recht noch als Zeitgenosse Beethovens bezeichnen durfte, diesem Vergleich durchaus standhalten. Bei Chailly wird Mendelssohn zum Klassiker und die Philharmoniker folgen dieser Sichtweise mit höchster Präzision und großer Neugier.

 Gerade der erste Satz ist Zeugnis dieser durchaus stimmigen Sichtweise: Da stellt Chailly den durchgängig kantablen Melodien, denen er nichts von ihrer Schönheit und ihrer Wirkung nimmt und die er die fabelhaften Streicher mit brillianter Klarheit spielen lässt, die in der Komposition vorhandenen Brüche und Kontraste gegenüber. Da kommt der Satz zuweilen mit solch fast militärischer Strenge und harter Rhythmik daher, das sich plötzlich ein wahres musikalisches Drama entfaltet, ein Widerstreit des Angenehmen und Schönen mit der stets gegenwärtigen Bedrohung. Auch das Andante offenbart einige kaum vermutete Brüche. Chailly und sein Orchester nehmen dem Werk alles romantisierend Schwelgende, der Klang der Streicher ist glaskar, hat aber nicht Glänzendes oder Samtiges, sondern offenbart eine gewisse Härte, die zuweilen das Schrille streift. Vollends an den Rand des Abgrunds rückt das Werk im schnellen Finale. Nichts da von romantischer Lebensfreude, dieser wilde Tanz entbehrt nicht eines gewissen verzweifelten Wahnsinns, es ist ein wissender Tanz am und über dem Abgrund. Womöglich kommt der romantische Charakter, den Mendelssohns Symphonie Nr. 4 natürlich auch besitzt, hier ein wenig zu kurz, doch die Interpretation ist so konsequent wie stimmig und offenbart eine Seite des Komponisten, die meist viel zu gern übersehen wird.

Von der Früh- zur Spätromantik: Natürlich ist der Kontrast zu Anton Bruckners wuchtiger sechster Symphonie von Beginn an spürbar, auch wenn beide in der gleichen Tonart (A-Dur) verfasst sind. Zumal Riccardo Chailly den symphonischen Brocken durchaus kraftvoll angeht, den in diesem Werk zahlreich vertretenen Extreme im Lauten wie im Leisen nicht aus dem Weg geht. Bruckners Sechste ist ein Werk voller Kontraste, bei dem (wie im Kopfsatz) orientalische Harmonik neben barocker Melodieführung steht oder, wie im Finale, dynamisches Vorwärtsdrängen neben fast zum Stillstand geratender Reduktion steht. Chailly lässt die so unterschiedlichen Klangmassive präszise herausarbeiten und scharf von einander abgegrenzt nebeneinander stehen. Vor allem die Bläser dürfen brillieren, ohne jemals in vordergründige Brillanz zu verfallen. Zumal Chailly das Werk sehr zügig nehmen lässt und so fehlt gerade dem Adagio alles Schleppende, kommt es ungewohnt frisch und zuweilen fast ein wenig leichtfüßig daher. Dies ist kein musealer Bruckner und auch keiner, der überwältigen will. Stattdessen konzentrieren sich Riccardo Chailly und die Philharmoniker auf die musikalische Substanz und Vielfalt des Werks, die sie mit höchster Transparenz und Klarheit ausstellen.

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