In Bewegung

Fluchtpunkt Berlin, Junges DT, Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele (Regie: Tobias Rausch)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einem Moment der Verunsicherung. Eine Reihe junger Zuschauer stehen an den Rändern, sitzen auf den Stufen, haben keine Plätze. Offenbar gab es Doppelbuchungen, trotzdem müsse die Vorstellung pünktlich beginnen, daher solle man erst einmal mit hinauskommen. Das gefällt den Angesprochenen nicht, der Ton wird rauer, irgendwann kommt es zu Handgreiflichkeiten mit dem Abenddienst. Es dauert eine Weile, bis den Zuschauern dämmert, dass das hier bereits Teil der Inszenierung ist, dass die, die da die Bühne besetzen und anschließend durch das Haus gejagt werden, Darsteller dieses neuen, im Rahmen des Jungen DT entstandenen Abends sind. Um Heimat soll es gehen und um ihre Abwesenheit, ihre Unmöglichkeit vielleicht, um das Sich-Treiben und Getrieben-Werden, die Hoffnung darauf anzukommen und den Wunsch, nie weggegangen zu sein. Und um das Dazwischen, das vielleicht nicht die Ausnahme sondern die Regel ist. Und während wir unruhig auf unseren Stühlen sitzen und doch nicht aufstehen, während jene ohne Platz hinausgejagt werden, sind wir plötzlich mittendrin im Unbehaustsein, in der Entwurzelung, als Beobachter zwar, aber doch verdammt nah.

Für Fluchtpunkt Berlin haben Regisseur Tobias Rausch und sein junges Ensemble Menschen befragt, die ihre Heimat verlassen mussten – Flüchtlinge aus Afrika, Kosovo, dem Iran, Vertriebene aus Schlesien, Menschen, deren Dorf einem Tagebau weichen musste, Immigranten nicht nur der ersten Generation. Daraus hätte plakatives Betroffenheits- und Dokumentartheater werden können und ist doch meilenweit davon entfernt. Stattdessen ist Fluchtpunkt Berlin ein  hochkomplexer, äußerst vielschichtiger Theaterabend, der Heimat, Flucht, Fremdsein thematisiert aber nie referiert, der seine Themen und Thesen hinterfragt, dekonstruiert, ironisch aufbricht, so wie auch die Bühne Michael Böhlers eine aufgebrochene, aus den Fugen geratene Behausung ist.

Natürlich werden Flüchtlingsgeschichten erzählt, geht es um die Trostlosigkeit von Wohnheimen, das Verzweifeln an der Kälte der Bürokratie, die Hoffnungslosigkeit des ewigen Wartens. Und doch ist da immer eine Leichtigkeit, die das Erzählte nicht aufhebt, aber eben aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, sodass mehr sichtbar wird als das übliche Schwarz-Weiß und die „Opfer“ aufhören Opfer zu sein und wieder zu Menschen werden. da bekommt auch der gute hilfreiche Deutsche sein Fett weg, der den Flüchtling als politische Mnövriermasse sieht, ihm aber nie die Augenhöhe zubilligt. In einer wunderbaren Szene berichten zwei Jugendliche über ihr Interview mit einem Nigerianer und können sich nicht einigen, was er denn eigentlich gesagt habe. Es ist seine Geschichte, doch wir maßen uns an, sie zu interpretieren, zu erzählen, zu verstehen. Der Flüchtling ist eben nie nur Flüchtling, er ist in erster Linie Mensch. Und Menschen passen halt nicht in Schubladen.

Und vielleicht ist der Migrant, der Flüchtling, der Vertriebene eben auch der Normalfall des Menschen, ist, wie wir zu Beginn erfahren, die Menschheitsgeschichte keine der Sesshaftigkeit, sondern eine der ständigen Ortsveränderungen, Veränderungen, die schließlich andere ebenfalls zum Ortswechsel zwang, bis hin zum heutigen Kreislauf aus Waffenhandel, Krieg und Flucht, dicht selten in die Länder, vor deren Waffen man geflohen war. Jede Bewegung führe zu einer weiteren Bewegung, heißt es zu Beginn. Und so ist ein Weglaufen immer auch ein Auf-etwas-Zurennen, sind Ankommen und Weggehen Teil der gleichen Bewegung. Es wird viel gerannt an diesem Abend, weg und wieder zurück, im Kreis, ziellos hin- und her, immer ist Bewegung.

Szenen verschieben sich, was eben eines  war, ist jetzt schon etwas ganz anderes. Gewissheiten werden hinterfragt und ad absurdum geführt, Weltbilder verwandeln sich in ihr Gegenteil, so manches ist nicht, was es scheint und zuweilen mehreres gleichzeitig. Aus dem Flüchtling, der sich erhängt hat, wird das Mädchen auf der Schaukel, zwei Jugendliche erzählen von schlesischen trachten und kleiden sich gleichzeitig afrikanisch ein. Szenen werden abgebrochen, Geschichten auf unterschiedliche Weisen zu erzählen versucht, nichts ist sicher, die eine, allgemeingültige Interpretation gibt es nicht. Es wird viel gespielt an diesem Abend, probiert und verworfen, kaleidoskopisch aufgefächert und lustvoll unterspült.

Was bleibt, ist ein ungemein anregender, vielschichtiger Diskurs über Heimat – als Ort, als Gefühl, als Mythos. Es ist ein Diskurs, der kein Ende hat, der nicht die eine große Antwort bietet, nur viele kleine, die sogleich wieder zu Fragen werden. Wer ist eigentlich das „Opfer“? Der „Flüchtling“, der gegen alle Widrigkeiten und unter Lebensgefahr sein Schicksal in die Hand nimmt – oder doch wir, die wir passiv da sitzen, uns nicht bewegen, alles mit uns geschehen lassen? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, aber vielleicht ist auch de Frage falsch. Dieser Abend bringt einiges in Bewegung – es könnte sich lohnen, diese Bewegung zuzulassen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: