Die Stille vor dem Vorhang

Fritz Kater: demenz depression revolution. studie zu 3 mythen der gegenwart, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Vielleicht wollte Armin Petras dem Berliner Publikum noch mal zeigen, was es verliert, wenn er im Sommer das Maxim Gorki Theater in Richtung Stuttgart verlassen wird. Mit ihm geht ja nicht nur ein Intendant und Regisseur, sondern auch einer der bedeutenderen deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Fritz Kater ist ja bekanntlich nichts anderes als ein Pseudonym Petras‘ und so ist demenz depression revolution vielleicht die letzte Kater/Petras-Uraufführung in Berlin für einige Zeit. Aber was heißt hier eine? Gleich drei Stück hat Kater geschrieben und Petras auf die Bühne gebracht, lose verbunden zu einer Trilogie, in der es um drei angebliche Gegenwartsmythen geht. Herausgekommen ist ein Abend, der sein Versprechen nie einlöst, weil er sich nicht den Mut hat, sich seinen Themen zu stellen. Wo er es tut, gibt er überraschende Antworten, die vielleicht nicht der ursprünglichen Intention entsprechen, aber diese Dreifach-Premiere vor dem totalen Absturz bewahren.

Foto: Bettina Stöß

Tanz den Schmetterling (Foto: Bettina Stöß)

Die Themen, um die es gehen soll, verrät bereits der Titel: Kater/Petras interpretiert die Krankheitsbilder Demenz und Depression als Mythen, auch als Folgen der modernen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Revolution erscheinen sie, so sagt uns zumindest das Programmheft, als Sand im Getriebe der Gesellschaft, als Barrieren, die das normale Funktionieren des Menschen und des gesellschaftlichen Ganzen behindern. Die das vielleicht auch sollen: Gerade die Demenz könne ja auch als Fluchtbewegung interpretiert werden, eine Idee, die der erste Text „im schmetterlingsgrund“ mit seinem Bild der Menschen mit Demenz als Schmetterlinge auf der Wiese des Lebens aufzugreifen scheint. Der Abend kann damit aber nur recht wenig anfangen und verliert sich schnell in der Beliebigkeit.

Das liegt vor allem im ersten Teil, der sich dem Thema Demenz widmet vor allem daran, dass ner so viele Untiefen zu umschiffen versucht, dass er letztlich gar nicht mehr von der stelle kommt. Keinesfalls soll dieses Drittelstück, das vor allem aus Berichten Betroffener, Angehöriger, Wissenschaftler und Ärzte besteht, Betroffenheitstheater sein. Und so ist der Druck auf die Tränendrüse Tabu, werden alberne Verkleidungen und Perücken en masse aufgeboten, um ja keine Rührseligkeit aufkommen zu lassen. Aber auch des gesellschaftlichen Erklärungsmusters traut Petras nicht so recht, Demenz als Fluchtbewegung vor dem modernen Kapitalismus erscheint dann vielleicht selbst ihm ein bisschen weit hergeholt. Und so wuselt man farcenhaft hin und her, wird auch Peter Kurths Jammergesang über den Stress, der an allem schuld sei, ironisiert, und tanzt man behende am Schluss den Schmetterling. Das plätschert im von einem altmodisch grünen Samtvorhang umgebenen Bühne ganz angenehm dahin, bezieht aber keinerlei Position und ist wenig mehr als eine komödiantische Leistungsschau der Großtalente Kurth, Cristin König oder Michael Klammer.

Der dritte Teil, jener über die Revolution, hat leider nicht einmal mehr das zu bieten. Abgesehen von einer ständig hin- und herspringenden Zeit- und Datumsangabe und einer knallbunten runden Sitzbank ist die ständig rotierende Drehbühne leer. Alte Filmschnipsel, später Dokumentaraufnahmen und Originalvideo der Schauspieler in schwarz-weiß deuten an, dass wir in der Vergangenheit sind, genaugenommen im Prag des Jahres 1968. Der Filmemacher Pawel kämpft um die Einheit von Kunst und Leben, Privatem und Politischem und wird natürlich scheitern. Die Tragik des Prager Frühlings und die damit verbundenen Schicksale interessieren genauso wenig wie jene der Menschen mit Demenz, nur findet Petras eben auch hier keinen Ersatz. Da werden ständig die Rollen gewechselt, darf Pawel immer und immer wieder die gleichen bleischweren Statements abgeben und wird das Ganze dadurch konterkariert, dass das zunehmend in eine Art Kindergeburtstag mit lustigen Kostümen abgleitet. Wieder wird viel getanzt und gehampelt und wieder sagt das nicht viel. Für uns Heutige ohnehin nicht, zu sehr gefällt sich der Abend im nostalgisch ironischen Rückblick. Früher war eben alles besser, selbst die Revolutionen.

Und doch ist dieser Abend nicht vollkommen zu vernachlässigen und das liegt einzig und allein an seinem mittleren Teil „der schwarze hund“. Erzählt wir die Geschichte eines Fußballtorwarts, gemeint ist natürlich der ehemalige Nationaltorwart Robert Enke, welcher der Depression verfällt, die er nicht öffentlich zugeben kann und die ihn letztlich i den Selbstmord treibt. Armin Petras tut gut daran, die im Programmheft reichlich ausgeweidete Dimension der Depression als Zivilisationskrankheit, ja, gar als gesellschaftlicher Mythos, weitgehend außen vor zu lassen. Ja, der öffentliche Druck, die eigene Erwartung und die der Anderen, die Notwendigkeit, keine Schwäche zu zeigen, tragen zum fortschreitenden Verfall bei. Und doch gelingt es den grandiosen Darsteller Michael Klammer und Aenne Schwarz als Torwart und seine Frau, hier ein Einzelschicksal zu zeigen, das gerade dadurch so viel weiter reicht, als alle Allgemeinplätze der anderen Teile.

Wie unmerklich aus dem Selbstzweifel viel mehr wird, schleichend die Angst nicht mehr gut genug zu sein, übergeht in den „schwarzen Hund“ der Depression, der tonnenschwer auf einem Menschen lastet, das berührt, erschüttert, brennt sich ein. Aenne Schwarz laviert zwischen Ungeduld und Angst, Liebe und Verzweiflung, Unterstützung und Unverständnis – stets an der fragilen Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem. Und Michael Klammer nimmt sich ganz zurück, wie er da versinkt im eigenen Morast, mit ratlosem Blick, ohne Ausweg. Liebe, so sagt man, könne ales überwinden. Diese kann es nicht, obwohl sie stärker kaum sein könnte. s gibt hier keinen Alleinschuldigen, auch nicht die „Gesellschaft“, die aber natürlich ihren Teil beiträgt. Wie groß der ist, bleibt auch unklar, wenn der durchnässte Papiervorhang, auf dem ein übergroßes Fußballtor angedeutet war, am Ende eingerissen wird.Was bleibt? Vielleicht nur der Rat mal genauer hinzusehen, hinter die Fassade, die wir alle tagtäglich aufbauen, im Privaten wie im Beruflichen. Und eben doch stärker auf den Einzelnen zu achten, das Einzelschicksal höherer zu gewichten. Das passt nicht ganz in die vermeintliche Intention des Stückes und doch ist der Abend nie mehr bei sich als in der Stille, die der Dunkelheit des Vorhangs vorhergeht. Eine Dunkelheit, die eben vielleicht doch keine Flucht ist, zumindest keine erwünschenswerte.

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Ein Gedanke zu „Die Stille vor dem Vorhang

  1. […] der Folge der Uraufführung des Stücks demenz depression und revolution von Frttz Kater am 5. Januar 2013, in  dem unter anderem das Schicksal des ehemaligen […]

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