Zweifel und Jubel

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Staatskapelle spielen Beethovens Neunte zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Feierliche Rückschau und hoffnungsvoller Blick in die Zukunft, wehmütiger Abschied vom Verlorenen und freudiges Begrüßen der Zukunft: Es ist kein Zufall, dass Beethovens 9. Sinfonie, diese alle musikalischen Grenzen sprengender feierlich-revolutionäre Weltvision, gerade zum Jahreswechsel Hochkonjunktur hat. Für viele gehört die d-moll-Sinfonie untrennbar zum Übergang vom alten zum neuen Jahr. Auch in Berlin haben gleich zwei Orchester die „Neunte“ alljährlich im Programm: das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Chefdirigent Marek Janowski und die Staatskapelle unter Daniel Barenboim. Zweimal „Ode an die Freude“ und zwei durchaus unterschiedliche Lesarten des Mammutwerks.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski

Marek Janowski ist ein akribischer Dirigent, einer, der auch bekannteste Partituren immer und immer wieder hinterfragt, der nicht zum großen Pathos neigt und bei dem musikalische Disziplin das Fundament seiner Interpretationen bildet. Das ist auch bei der „Neunten“ so, der er sich jedes Jahr von Neuem nähert, die sich unter seinen Händen stets wandelt und nie nur Routine isst. Und der man vor allem in diesem Jahr anhört, womit sich Janowski musikalisch gerade beschäftigt. Orchester und Dirigent befinden sich kurz vor Abschluss ihres konzertanten Wagner-Zyklus, der in dieser Spielzeit mit dem Ring seinen Höhepunkt finden soll. Die Beschäftigung mit Wagner hört man auch der „Neunten“ an: Das dramatische Potenzial, das in dieser Musik liegt, haben Janowski und sein RSB wohl noch nie so klar hörbar gemacht wie in dieser „Neunten“. So gerät insbesondere das Finale zu einem eindrucksvollen Widerstreit einer optimistischen Menschheitsvision mit des Menschen ständigem Tanz am Abgrund, prallen die düsteren, verzweifelten, angsterfüllten Moll-Blöcke mit kaum verminderter Wucht auf die strahlende Dur-Apotheose von Schillers berühmter Ode. Am Ende bleibt ein kleines Fragezeichen, ist der Triumph kein vollständiger, zu stark war der Gegenentwurf.

Überhaupt klingt diese „Neunte“ um einiges massiver, kraftvoller, schwerer und auch pathetischer als in den Vorjahren. Die Tempi sind zuweilen sehr schnell gewählt, die Blechbläser schieben sich immer wieder in den Mittelpunkt. Doch Janowski ist ein maßvoller Dirigent und so verordnet er seinem Orchester einen kompakten Klang, der das dieser Sinfonie innewohnende Pathos stets zurück in den Dienst des Ganzen zwingt. Dabei tritt so mancher Bruch zu Tage, raut das Orchester die Kanten hörbar auf. Hier ist nicht alles schwarz und weiß, will das sagen, dieser musikalische Kosmos verbirgt soviel wie er enthüllt, unter dem Freudenchor gähnt immer auch der Abgrund. Der lyrische dritte Satz gerät zart und doch kraftvoll, der zweite druckvoll und immer kurz vor dem Zerreißen. Hier ist nichts stabil, kann die ersehnte Harmonie in jedem Moment in sich zusammenfallen. Der Rundfunkchor ist wie stets auf der Höhe seiner Kunst und bringt insbesondere die dramatischen Aspekte der Musik zum Vorschein, was auch für das Sängerkollektiv gilt, das sich nie aufdrängt und bei dem vor allem die Männerpartien von Michael König und Johan Reuter hervorstechen.

Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim

Der Kontrast zur Interpretation durch Daniel Barenboim und die Staatskapelle ist von der ersten Sekunde an deutlich. Wie aus dem Nichts schälen sich sacht die Anfangsakkorde heraus, zunächst kaum hörbar in leisestem Pianissimo. Wenn später das Freudenthema in den tiefen Streichern eingeführt wird, nutzt Barenboim dieses Mittel erneut. Bei ihm kommt die Kraft, kommt der abschließende Jubel ganz aus der Stille, entwickelt sie sich wie organisch aus dem anfänglichen Nichts heraus. Überhaupt geht Barenboims „Neunter“ diesmal jegliche Kraftmeierei ab, klingt sie überraschend leicht und bar jeder Schwere, die doch so viele Ausflüge der Staatskapelle ins Sinfonische charakterisiert. Barenboim Ansatz ist weder analytisch noch zweifelnd, er lässt die Musik erzählen und aus sich heraus ihre Kraft entfalten. Und es ist eine freudige, durch und durch optimistische Geschichte. Barenboim erlaubt den abschließenden Jubel in Chor und Solisten, von denen vor allem Anna Samuil und Johan Botha mit strahlender Brillanz überzeugen, aber auch im Orchester selbst. Da verliert sogar die Zeile „Und der Cherub steht vor Gott“ alles Erschütternde und wandelt sich ins hoffnungsvoll Affirmative. Hier ist die Beethovensche Apotheose noch gesund und munter, darf der Triumph noch ein vollkommener sein.

Vielleicht eine altmodische oder zumindest konservative Sichtweise. dazu passt auch, dass Barenboim sehr langsame Tempi wählt, was insbesondere dem dritten Satz nicht immer gut tut. Zuweilen quälen sich das Adagio und das Andante sehr schleppend dahin, verleiht das besonders langsame Spiel dem Satz eine Schwere, die dem Rest des Konzerts fremd ist. Ganz anders der schnellere zweite Satz: Im Gegensatz zu Janowski hebt Barenboim hier das Dramatische nie hervor, vielmehr gelingt er so melodiös, ja fast gesanglich, wie selten, ein spielerischer Vorgeschmack, auf den Jubel des Finales. Man muss Barenboims Sicht dieses monumentalen Satzes nicht teilen, um anerkennen zu können, wie stimmig er umgesetzt ist, auch und gerade, wenn man ihn im Kontext des gesamten Werkes sieht. Daniel Barenboim nimmt Schiller und Beethoven beim Wort, macht aus der „Ode an die Freude“ gleich eine ganze Sinfonie über die Freude. Zweimal Beethovens Neunte“, zwei ebenso unterschiedliche wie überzeugende Sichtweisen. Das Berliner Musikpublikum darf sich schon glücklich schätzen, ohne Zweifel.

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