Stürmischer Jahresausklang

Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und Cecilia Bartoli

Von Sascha Krieger

Als die Drehtrommeln in Betrieb genommen werden und Sturmgeheul die Philharmonie erfüllt, ist die Botschaft dieses Silvesterkonzerts der Berliner Philharmoniker schon längst bei den Zuhörern angekommen: Es ist ein stürmischer Jahresabschluss, mit dem das Orchester unter seinem Chefdirigenten Sir Simon Rattle durch den heimischen Konzertsaal fegt. Ein tänzerischer auch, natürlich, schließlich ist Silvester immer auch eine Domäne des Tanzes und bei den Philharmonikern erst recht. Aber es diesmal eben keine Menuette oder Walzer – selbst die Zugabe von Johann Strauß ist in diesem Jahr eine Polka, die Rattle nochmal wie einen letzten musikalischen Tornado durch die Philharmonie jagt – es sind Furiants und Polkas und überhaupt musikalische Gewitterstürme, welche die Ohren freipusten von all dem, was sich da im ausklingenden (und auch das ist hier wörtlich zunemen!) Jahr so angesammelt hat. in heilsames Gewitter womöglich, das so manche Lautstärken-, Druck- und Schmerzgrenze austestet und doch vor allem musikalisches Glück hinterlässt.

Dabei steht der erste Teil des Abends ganz im Zeichen der Barockmusik, der man solch stürmische Anwandlungen in der Regel nicht nachsagt. Hier passen vor allem die ausgewählten Werke – und natürlich die „Windmaschinen“ – ins Konzept. Den Rahmen bildet Rameaus Oper Les Boréades, in der es um ein Göttergeschlecht geht, das den Nordwind symbolisiert. Rattle wählt daraus – wir sind schließlich beim Silvesterkonzert – einige Tanzsätze aus, die so etwas wie das musikalische Gerüst dieses ersten Teils darstellen. Dabei erweisen sich die Philharmoniker einmal mehr als das wohl vielseitigste Orchester der Gegenwart – fast scheint es, als würden sie nie etwas anderes spiele als Barockliteratur, so vielfarbig und temporeich bewegt es sich durch den Rameauschen Kosmos. Und schon in den ersten vier gespielten Sätzen, insbesondere den Contredanses, die den ersten musikalischen Block abschließen, zeigt sich , wohin die Reise hingeht: Mit hohem Tempo und druckvollem Spiel schlägt Rattle mal so eben den musikalischen Bogen in Richtung dessen, was nach Rameau und seinen Zeitgenossen kommen sollte. In ihrer Dramatik und  jegliches vermeintlich barockes Getändel verweigernden Kraft weist diese Interpretation musikalisch schon in Richtung Wiener Klassik und Beethoven und bleibt doch voll und ganz Rameau.

Natürlich ist der Barockschwerpunkt des ersten Teils nicht Selbstzweck, heißt doch der Gast des Abends Cecilia Bartoli. Die gefeierte Mezzosopranistin ist zweifellos die führende Barockinterpretin unserer Zeit und sie stellt dies auch hier eindrucksvoll unter Beweis. Drei Händel-Arien stehen auf dem Programm, in denen Bartoli die gesamte Bandbreite ihres Barockgesangs andeuten kann. Den Anfang macht eine dramatische Arie aus Lotario, in der sie so behende zwischen Hoffnung und Ernst, lyrischer Glut und fahler Verzweiflung wechselt, dass sofort spürbar wird, in dieser Musik sind das Lichte und das Dunkle stets Seiten der gleichen Medaille. Besonders unter die Haut geht die berühmte Arie „Lascia la Spina“ aus Il Trionfo del Tempo e del Disinganno. Inniger und weniger auf bloße Virtuosität bedacht lässt sich dieses lyrische Arie nicht interpretieren, das Orchester tut mit seiner sachten, zuweilen fast fragmetarisch zarten Begleitung ein Übriges. Dass sie auch den großen Effekt beherrscht, zeigen die eindrucksvollen Koloraturen der Arie „M’adora l’idol mio“ aus Händels Teseo. Ein Sturm gesanglicher Technik, den die Bartoli nicht ohne Augenzwinkern serviert.

Und dem nach der Pause ganz andere folgen sollen. Ein festes programmatisches Element der Silvesterkonzerte sind die Slawischen Tänze Antonín Dvořáks, von denen das Orchester diesmal drei spielt, und die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms, dessen erster das Konzert beschließt. Kraft- und schwungvoll präsentiert sich das Orchester in bester Spiellaune und beweist mal so nebenbei, dass die Berliner Philharmoniker eigentlich auch das beste Tanzorchester der Welt sind. Dabei kommen sie ganz ohne künstliche Kraftmeierei aus, vermeiden jede Überbetonung des vermeintlich Folkloristischen dieser Kunstmusik. Die Dynamik strömt hier organisch aus der musikalischen Welt der beiden Komponisten heraus, von der man fast meint, sie entstünde gerade hier und jetzt.

Zwischen den symphonischen Tänzen der beiden Romantiker steht mit Ravels zweiter Orchestersuite nach seiner Ballettmusik zu Daphnis et Chloé ein ganz anderer Brocken und ein vollkommen verschiedenen Verständnis tänzerischer Musik. Vor allem der erste Teil („Lever du jour“), in der Ravel ganz impressionistisch einen Sonnenaufgang in faszinierend funkelnde Klangwelten verwandelt, macht regelrecht sprachlos. Wie Rattle sei Orchester aus dem kaum greifbaren Flimmern des Beginns die Sonne zu vollstem Glanz aufgehen lässt und dabei eine atemberaubende Klangvielfalt enstehen lässt, die aus einer Sphäre jenseits der Körperlichkeit eines ganz und gar präsenten Orchesters zu kommen scheint, ist unübertroffen und so wohl nur von diesem Orchester zu spielen. Und da stört es auch nicht, das manches Fortissimo ei wenig übertrieben wirkt, Rattle gegen Ende ein wenig stark auf die Tube drückt. Das Silvesterkonzert 2012 ist vielmehr ein erneuter Beweis, dass dieses Orchester und ihr Chefdirigent auch aus einem vermeintlich populäreren Programm musikalisches Kapital schlagen können, das ihre Ausnahmeposition erneut bestätigt. Besser und vielfarbiger kann man ein Jahr nicht ausklingen lassen.

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