Langeweile mit Retriever

Maxim Gorki: Sommergäste, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Alvis Hermanis)

Von Sascha Krieger

Gut, sprechen wir zunächst über diese Bühne. Kristīne Jurjāne hat Alvis Hermanis das Innere einer verfallenen Villa gebaut, von der sich ahnen lässt, dass sie einst glanzvoll, prächtig, eindrucksvoll und einladend gewesen sein muss. Ein riesiger, ausladender (Ball?)Saal, mit großen Glasfronten, einer vollverglasten Galerie und einem den Saal mit Sone flutenden Oberlicht. Allerdings: Das ist lange her. Jetzt bedecken Efeu und Moos die Wände, blättert der Putz, sind die Scheiben milchig-verdreckt oder gar herausgebrochen, dringt durch die das Glasdach bedeckenden Blätter und Moos nur noch wenig Licht hinein. Der Boden wurde schon lange nicht mehr gesäubert, in der Mitte steht ein ranziges Sofa, in einer Ecke ein Bettengerippe, in einer anderen eine alte Badewanne, überall sind Bücher verstreut. Irgendwann hat mal jemand einen Sicherungskasten angebracht, von dem die Kabel herunterhängen. Jurjāne und Hermanis sind Spezialisten für Bühnenbilder, die Hyperrealismus und Symbolik auf kongeniale Weise verbinden und sie haben für Sommergäste vielleicht ihr Meisterwerk geschaffen. Das Porträt einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und intellektuuellen Elite, die schon längst jede Form von Ziel, Sinn und Verantwortung verloren und aufgegeben hat und nur noch mechanisch dahinvegetiert – besser, prägnanter, eindrucksvoller lässt es nicht visualisieren.

Foto: Thomas Aurin

„Ganz schön langweilig, unser Picknick!“ (Foto: Thomas Aurin)

In Alvis Hermanis‘ besten Inszenierungen, etwa seinem Wiener Platonow, beobachtet der Zuschauer Menschen beim Herumirren, Sinnsuchen, Verzweifeln und Hoffen, in einem Aquarium, hinter Milchglas. Es ist meist ein beobachtender, fast wissenschaftlicher Blick auf diese Menschenlaboratorien, in denen wir diesen seltsamen Wesen bei dem zuschauen, was sie tun oder, was die Regel ist, nicht tun, so lange, bis wir mit Schrecken feststellen, dass wir das sind, die wir da beobachten. Die Versuchsumgebung ist auch bei seinen Sommergästen vorhanden, nur will Hermanis‘ Observationstheater diesmal nicht so recht funktionieren. Das liegt vor allem daran, dass die Inszenierung über weite Strecken ähnlich ziel- und ratlos herumirrt wie seine Figuren, er keinen durchgehenden Ton findet, sondern sich inszenatorisch verhält wie der Golden Retriever, der fast den ganzen Abend auf der Bühne anwesend ist: Er läuft herum, schnüffelt an dem einen oder anderen, nur um gleich wieder weiterzulaufen und sein Interesse auf etwas anderes zu lenken. Zuweilen setzt oder legt er sich irgendwohin und beobachtet das Ganze ein bisschen und bricht dann auf zu seinen Wassernapf. Die Inszenierung funktioniert so ähnlich und es tut ihr nicht besonders gut.

Auffällig ist, dass Hermanis den distanzierenden Blick von Beginn an aufgibt. Hyperrealistisch ist hier einzig das Bühnenbild, während die Inszenierung zwischen Karikatur, Farce sowie choreografierten wie statischen Bildern wechselt und schon bald sehr ins Schwanken gerät. Gorkis post-tschechowsche „überflüssige Menschen“ sind hier bestenfalls noch lächerlich, Hermanis erlaubt ihnen kaum noch einen Rest Menschlichkeit. Es sind Untote, die, je länger der Abend dauert, mehr und mehr Zeit auf dem Boden liebend verbringen, allein oder sich aneinander klammernd, Untote, die kaum mehr Lust verspüren, ihr Unwesen zu treiben. Ursina Lardis Warwara Michailowna schafft es gar, die eineinhalb Stunden bis zur Pause ihr Sofa nicht ein einziges Mal zu verlassen. Erstarrung, klar aber wer oder was erstarrt hier eigentlich und weswegen?

Ohne Zweifel: Hermanis und seinem Ensemble gelingen einige starke Bilder und Szenen: Etwa Ingo Hülsmanns lächerlich hilfloser Versuch, sich (oder besser seinen Bassow) an den Kabeln zu erhängen, was nur dazu führt, dass das Licht angeht und die Aufziehpuppen dreieinhalb Stunde lang durch ihre Routinen gehen müssen. Oder der tieftraurige Blick Ernst Stötzners, wenn er als reicher Onkel Doppelpunkt es einen Einkaufwagen voller Geld herumschiebt. Und dann ist da noch berührende Versuch des Ehepaars Dudakow, einander nahe zu kommen. Mit Stühlen „bewaffnet“ versuchen sie die auf diese Weise sehr sichtbare Distanz zu durchbrechen und kommen doch nur zu einem sehr mechanischen Sex-Akt mit Stuhlbeinen. Die Sehnsucht nach Liebe, die doch alle Figuren umzutreiben scheint, hier ist sie ganz kurz nur mehr als bloße Behauptung.

Die Crux dieses zu viele unterschiedliche Elemente zusammenbringen wollenden Abends ist, dass er mit der Qualität der einzelnen Szenen steht und fällt – und leider hat er viel zu wenige wirklich starke Momente. Vieles wirkt aufgesetzt und oft auch wenig banal. Insbesondere die karikierende Gesellschaftssatire bietet wenig überraschendes und langweilt schon bald. Zu schnell sind die Figuren mit ihren zwei, drei Charakterpunkten abgesteckt, wird das alles Routine. Und auch viele Bilder funktionieren nicht: Während die versammelte Damenrunde nach der Pause die Sinnlosigkeit ihrer Existenz beklagt, befummelt und untersucht man einander ausgiebig, eines von vielen sexuell aufgeladenen Bildern des Abends. Immer wieder verknäuelt man sich in einander, wird Nähe zum Zwang, springt der kollektive Fluchtreflex an. Das geht ein, zwei Mal gut, führt aber auf die Dauer auch nicht weiter.

Und so bleibt am Ende wenig mehr als eine Reihe mehr oder weniger gelungener Bilder, die allesamt das Gleiche ausdrücken: Hier ist eine paralysierte und sich selbst paralysierende Gesellschaft, die nicht von der Stelle kommt, vielleicht weil keiner den willen aufbringt, vielleicht auch weil sie es nicht kann. Das analytische Element, das noch Hermanis‘ Eugen Onegin ausgezeichnet hatte, fehlt. Erstarrung auszudrücken ohne zu erstarren, Langweile zu zeigen ohne zu langweilen: An diesem Problem ist Alvis Hermanis für dieses Mal weitgehend gescheitert. Aber wenigstens ist das diese Bühne, in der sich der Blick verlieren kann und die eine ganz eigene Welt eröffnet, welche Hermanis‘ Personal leider nie wirklich bevölkert.

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Ein Gedanke zu „Langeweile mit Retriever

  1. Marén sagt:

    Auch wenn das Stück offenbar nicht so funktionierte wie es sollte: Ich bin vom Foto (sprich: dem Bühnenbild) ganz schwer beeindruckt.

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