In homöopathischen Dosen

Lars von Trier: Idioten, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Michael Schweighöfer)

Von Sascha Krieger

Eine Gruppe junger, meist gut situierter, sozial nicht gerade unterprivilegierter Menschen, die in einer Art Kommune zusammenleben und in der Öffentlichkeit als körperlich und geistig Behinderte auftreten, die ihren „inneren Idioten“ suchen, sich offensiv und provokativ gegen tradierte gesellschaftliche Konventionen stellen und damit ihren Mitmenschen bewusst einiges abverlangen: Lars von Trier hat vor einigen Jahren aus diesem Stoff einen ebenso komischen wie verstörenden Film gemacht, der von seiner ästhetischen Radikalität (es war der zweite im Rahmen der Dogma-95-Bewegung entstandene Film) ebenso lebte wie von der kompromisslos jegliche Schmerzgrenzen missachtenden Konsequenz, mit der er das Thema durchspielte, so lange, bis aus dem Spiel schon lange bitterer Ernst geworden war. Michael Schweighöfer hat daraus jetzt mit Leipziger Schauspielstudenten einen gut zweistündigen Theaterabend geformt, der über weite Strecken unterhält, aber doch vergleichsweise harmlos daherkommt, in jeder Beziehung weit hinter der filmischen Vorbild zurückbleibt und dieser nichts hinzuzufügen vermag.

Auf der Suche nach dem "inneren Idioten" (Foto: Thomas Aurin)

Auf der Suche nach dem „inneren Idioten“ (Foto: Thomas Aurin)

Dabei gibt man sich alle Mühe, den Stoff theatralisch und die Vorteile der Kunstform Theater nutzend zu übersetzen. Schon vor dem Einlass mischen sich Darsteller in ihren verdoppelten Rollen unter die Wartenden. Schnell wird klar: Die Gesellschaft, der hier der Spiegel vorgehalten wird, die man mit ihren latenten Vorurteilen konfrontiert, deren dünne Fassade der Toleranz und Menschenliebe eingerissen werden soll – das sind wir. Besonders deutlich wird das in der vielleicht intensivsten Szene des Abends: Da begeben sich die falschen Behinderten auf einen Ausflug und kommen den Zuschauern ganz nah, berühren sie, dringen bis zu den Sitzen der ersten Reihe vor. So mancher Zuschauer dreht sich da weg, versucht auszuweichen, Verunsicherung zeigt sich auf den Gesichtern. Die Gesellschaft, deren Reaktionen wir im Film nur beobachten konnten – hier werden wir zu ihr, ist ihre Hilflosigkeit die unsere.

Leider bleibt dieser Moment einer von sehr wenigen an diesem Abend, in denen die Distanz zwischen Akteuren und Publikum unangenehm oder zumindest herausfordernd reduziert wird. Zumeist wird ein komfortabler Abstand gewahrt, bleibt die vierte Wand – von einigen eher routiniert eingestreuten Elementen des Mitmachtheaters, die aber nicht wirklich wehtun, abgesehen – solide stehen. Überhaupt scheint es, als wäre das zentrale Thema des Films – die Entlarvung einer als falsch und heuchlerisch empfundenen Gesellschaft, zu der letztlich auch die diese vermeintlich Konfrontierenden zählen – nicht viel mehr als thematischer Rahmen. Gerade das Auseinanderbrechen der Gruppe gerät hier zur Nummernrevue, zur theatralen Reise nach Jerusalem, das Umschlagen des Spiels findet hier nicht statt.

Der Widerstreit zwischen Authentizitätsbehauptung und Selbstverleugnung, die Unentschiedenheit, wer hier die wirklich Konsequenten und Mutigen sind – jene, die das Experiment bis zum Ende durchziehen oder die anderen, die es vorzeitig beenden, um sich dem wirklichen Leben da draußen zu stellen: All das wird bestenfalls angedeutet. Das Ensemble ist viel zu beschäftigt, aus den darstellerischen Möglichkeiten, die das Spielen dieser falschen „Idioten“ bietet, so viel Kapital wie möglich zu schlagen. Zu oft fällt selbst die Ebene der verdoppelten Darstellung weg, vergisst der Zuschauer, dass hier Menschen gespielt werden, die wiederum Behinderte spielen, wird dieses jetzt direkte Spiel zum Selbstzweck, wird der Kontext, in dem das geschieht, zur Nebensache.

Dabei gelingt es den überaus engagierten und zweifellos talentierten Darstellern durchaus, so manchen komödiantischen Funken aus diesem an Situationskomik nicht gerade armen Abend zu schlagen. So trifft das eine oder andere satirisch-absurde Gesellschaftsporträt ins Schwarze, funktionieren vor allem jene Passagen, in denen der Spielcharakter dieses „Experiments“ deutlich wird, schließlich sind das nicht in erster Linie ernsthafte „Revoluzzer“, sondern eben auch große, egoistische, selbstverliebte, von der eigenen Wichtigkeit überzeugte Kinder. Das sorgt für manchen Lacher, vertreibt die lange Weile, kann aber nicht davon ablenken, dass von Triers provokanter filmischer Angriff hier auf äußerst homöopathische Dosen eingedampft wird und dann doch wenig mehr bleibt als eine Bonsai-Variante von Idioten. Hübsch anzusehen ist das allemal, aber eben auch nicht so recht abendfüllend, hirn- und herzfüllend noch viel weniger.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: