Würfelspiel mit fünf Damen

William Shakespeare: Coriolanus, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Rafael Sanchez)

Von Sascha Krieger

Das muss doch eigentlich passen: „Macht Gewalt Demokratie“ lautet das Spielzeitmotto des Deutschen Theaters, da drängt isch ein Stück wie Shakespeares Coriolanus geradezu auf. Die Geschichte vom Helden und charismatischen Anführer, der sich zwischen Idealismus und Pragmatismus, kompromisslosem Kampfeswillen und den Niederungen der Realpolitik aufreibt, der sich weigert, dem Volk nach dem Mund zu reden und dafür von diesem gestürzt wird, ist vielleicht Shakespeare auf den ersten Blick gegenwärtigste seiner zahlreichen dramatischen Auseinandersetzungen mit Macht und den Deformierungen, die so oft mit ihr einherzugehen scheinen. Die würdige und verdienstvolle Führerfigur, die am – so leicht manipulierbaren Volkswillen scheitert, der Aufrichtige, dem der demokratische Prozess zum Verhängnis wird – ließen sich daraus nicht so zahlreiche und grelle Funken schlagen, dass sie in der Lage wären, all unsere Leiden am politischen Prozess – jene der Bevölkerung an der Politikerschicht wie deren am Wahlvolk – zu erhellen? Gewiss, nur nutzt Rafael Sanchez mit seiner lieblos und weitgehend jeglicher Interpretation sich verweigernden Inszenierung keine dieser Chancen.

Auffällig ist zunächst, wie wenig sich Sanchez um das Politische des Textes schert. Zwar nutzt er die stark zu vergegenwärtigen suchende Übersetzung Andreas Marbers und bezeichnet sich Judith Hofmanns Coriolanus einmal als „Kanzlerkandidatin“ und doch bleibt Shakespeares Machtdiskurs Nebensache. Dazu trägt auch bei, dass Coriolanus auf dieser Ebene keinerlei Gegengewicht hat. Susanne Wolff und Natalia Belitski statten ihre Volkstribunen mit falschen Bärten und soviel intriganter mit Dummheit gepaarter Boshaftigkeit aus, dass Coriolanus Volksverachtung und sein mehr als latenter Wunsch nach autokratischer oder zumindest aristokratischer Herrschaft über den „Pöbel“ vollkommen nachvollziehbar wirkt. Eine Auseinandersetzung mit realen politischen Widersprüchen lässt sich so nicht führen, zumal die Art, wie hier einseitig für die das Volk verachtende Führerfigur Partei ergriffen wird, zumindest Bauchschmerzen beim Zuschauer verursacht.

Vielleicht geht es hier ohnehin um anderes, wie auch das Programmheft vermuten lässt, in dem sich Marber ausführlich über die erotisierende Sprache, in der hier Krieg und Feindschaft zuweilen beinahe orgasmisch aufgeladen werden und die zu einem Verschwimmen und Verrutschen von Geschlechterrollen und -bildern führen, auslässt. Marber konstruiert gar ein ödipales Drama um Coriolanus, die letztlich zu seinem Ruin maßgeblich beitragende Mutter und der Erzfeind Aufidius, den Marber als Vaterersatz interpretiert.  So weit so gut, nur spielt Sanchez diesen Ansatz eben genauso wenig aus wie das Polit-, Macht- und Demokratiedrama. Vielleicht soll die große Kampfszene zwischen Coriolanus und Aufidius, bei der die Protagonisten sich beinahe innig umarmend reglos auf der Bühne stehen, während sich hinter ihnen riesenhaft per Videoprojektion die Schwerter kreuzen, ein orgiastisches Element andeuten, nur zündet das eben nicht. Überhaupt erzeugt die Video und Musik ausgiebig einsetzende multimediale Materialschlacht eher das Gefühl, hier solle versucht werden, die Ideenarmut des Abends zu kaschieren.

Dies gelingt in keinster Weise, die konzeptionelle Leere füllt unübersehbar Simeon Meiers Bühne, die auch keinen Beitrag dazu leistet, den Abend mit irgendeiner Art von Sinn anzureichern. Eine Wand aus Quadraten hat Meier aufgebaut, die sich als aus- und einfahrbare Quader entpuppen, die Treppen bilden, auf denen die Darsteller auf- und absteigen können, die den Weg von einem zum anderen bahnen oder eben verhindern, die Figuren einschließen wie in einem Gefängnis, die Räume eng machen oder öffnen. Das ist eine Zeitlang ganz nett anzusehen, verliert aber schnell seinen Reiz, vor allem, weil es lediglich illustriert, was ohnehin zu sehen und zu hören ist: die sich ständig verschiebenden Machtpositionen und Rangsortierungen. Da diesem bei Shakespeare durchaus faszinierenden Wechselspiel an diesem Abend sowieso keine gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil wird, verpufft die Wirkung dieser Bilder ebenso wie jeden von Video und Musik.

Und so bleiben letztlich nur die großartigen Darstellerinnen, denn Sanchez hat alle Rollen auf fünf – ausnahmslos weibliche – Akteure verteilt. Nachdem Mutter und Frau Coriolanus erfolgreich vom Sturm auf Rom abgehalten haben, kommentiert ein Bürger: „Die Frauen haben gesiegt“. Bei Rafael Sanchez haben sie es von Beginn an. Doch auch hier gilt: Die interpretatorischen Möglichkeiten dieser Besetzungsentscheidung werden ebenso leichtfertig wie vollständig vergeben. Ein wirkliches Spiel mit Geschlechterrollen findet nicht statt, jenseits vielleicht der Beobachtung, hier seien die Frauen die besseren Männer, denn männliches Spiel beherrschen sowohl Hofmann als auch Susanne Wolff als Mutter und Jutta Wachowiak als Aufidius. Egal ob sie Frauen oder Männer spielen: Maskulinität scheint das A und O zu sein. Und so kehren sich die Geschlechterrollen eben nie um wie in Shakespeares Text, sondern gleichen sich bestenfalls an.

Und doch ist der Besuch dieses Abends nicht ganz umsonst: Wie Judith Hofmann sich unter de Blicken des Volkes, das Coriolanus‘ Wunden als Bedingung für die Ernennung zum Konsul zu sehen fordert, windet, wie Ekel, Verachtung, Würde und Scham nicht nur in ihrem Gesicht kämpfen, sondern sich zuckend durch den ganzen Körper jagen, sollte man gesehen haben. Gleiches gilt für Susanne Wolffs mit unerbittlicher Härte vorgetragenen Kriegs- und Maskulinitätskult und Jutta Wachowiaks subtiles schwanken zwischen Hass und Bewunderung. Das ist sehenswert und deutet ein wenig an, was dieses Ensemble mit einem solchen Stoff unter einer konsequenten Regie hätte anfangen können. Vielleicht war Rafael Sanchez aber auch der Ansicht, das würde ausreichen. Tut es leider nicht.

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