Untergehen im Wohnmobil

Anton Tschechow: Platonow, Thalia Theater Hamburg (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja schon alles da in Tschechows dramatischem Erstling: eine dem eigenen Untergang entgegen taumelnde Gesellschaft, die Nichtstuer, Schwadroneure und Möchtegern-Weltverbesser, die allgemeine Erstarrung und natürlich die Langeweile. Alvis Hermanis hat diesen Platonow  am Burgtheater als Titanic-hafte Untergangsphantasie in magischer Traumwelt und ersterbendem Licht mit einem sagenhaften Martin Wuttke als Heilsbringer und satanischem Höllenboten zugleich inszeniert und wurde völlig zurecht zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Jan Bosse versucht es in Hamburg eine Nummer kleiner (sein Platonow ist mit vier Stunden zwar nicht gerade kurz, liegt aber zumindest noch eine Stunde unter Hermanis‘) und vielleicht auch ein wenig heutiger. Aus dem Anwesen der Generalswitwe Anna Petrowna ist in Stéphane Laimés Bühne ein Wohnwagen geworden – mit Ornamenttapete und Jagdtrophäen an den Wänden – der am Ende vom neureichen Kaufmann Bugrow von der Bühne gerollt wird. Hier ist nichts von Dauer, will uns das wohl sagen, und natürlich symbolisiert das Entsorgen des Camping-Mobils das Ende einer Epoche. Ein einfaches Bild, aber ein durchaus treffendes.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

So weit so gut, jedoch stellt sich mit zunehmender Dauer die Frage, wo Bosse mit diesem Platonow eigentlich hin will. Für einen Abgesang – worauf auch immer – ist das zu fröhlich, zu slapstickhaft, zu überdreht, für einen ins Heute zielenden Kommentar zu unbestimmt, zu sehr vom Blatt gespielt und für eine Satire, eine Farce gar dann doch mit zu viel Ernst, auch der einen oder anderen Prise Pathos aufgeladen. Wie Bosse die Geschichte linear von A bis Z durchspielen lässt, ist fast schon ein wenig konservativ, andere mögen von Werktreue sprechen und hätten damit gar nicht unrecht. denn diese Mischung aus bitterer Anklage und komischem Lächerlichmachen ist doch recht nah bei Tschechow. Und trotzdem bleibt die Haltung des Abends unentschieden, was auch ein wenig an der Reduktion der Figur des Platonow liegt. War er bei Wuttke so sehr Projektionsfläche, Sehnsuchtspunkt und Spielball einer verzweifelnden Gesellschaft, ist er hier, verkörpert von Jens Harzer, viel mehr selbst Akteur, Strippenzieher und damit aber eben auch einer von vielen. Die Mitte, die Platonow im Text, aber eben auch bei Hermanis, dem Stück gibt, fehlt diesem Abend.

Das liegt nicht an Harzer, der sich durch diesen Platonow knarzt und windet und taumelt und verzweifelt und leidet, dass es eine Lust ist. Sein Spiel ist von faszinierender Vielfalt und, ja, auch Subtilität, und steht damit exemplarisch für ein grandioses Ensemble, das diesen Abend ganz und gar auf seinen Schultern trägt. Da ist der ebenso kompromisslos spottende wie trinkende Nikolaj des Jörg Pohl, der mit höchster Virtuosität und Komik als eine Art von den Seilen geschnittene Marionette über die Bühne stolziert und rollt und fällt. Wenn nur eines in Erinnerung bliebe von diesem Abend, wäre es wohl Pohls überwältigend akrobatische Trinkerpantomime. Oder Bruno Cathomas als gutmütiges, aber viel zu leicht kränkbares Riesenbaby Glagojew. Oder die bis zur Selbstverleugnung auf ihrer Stellung beharrende und doch von Sehnsucht, ohne zu wissen wonach, zerfressene Generalin (Victoria Trauttmansdorff). Das ist Schauspielertheater im besten Sinne: nuancenreich, ironisch, und immer diese Grenzen antestend, hinter denen es kippen könnte, ins Pathos, in den leeren Slapstick. Doch das kippt nicht, zu gut, einzeln und im Zusammenspiel, ist dieses Ensemble.

Inszenatorisch ist Jan Bosses Platonow in erster Linie  eine durchaus gelungene Choreografie des Zerfalls. Behauptet man zunächst noch die Illusion einer existierenden Gemeinschaft, auch wenn dieses Beisammensitzen im engen Wohnmobil schon zu Beginn eher widerwillig von Statten geht, wobei Platonow hier nur einer von vielen Katalysatoren ist, zerfällt diese Gruppe immer stärker. Zunächst verlassen Kleingruppen den nur hermetischen Wohnwagen später, verbringt man den Abend vor allem damit, jemandem hinterher- und vor anderen wegzulaufen. Immer hektischer die Auf- und Abgänge, immer verzweifelter die Versuche, Nähe zu finden. Harzer gibt nun seinen Platonow als Schmerzensmann am Ende seiner Kräfte, auch und gerade der geistigen. Zerrüttung überall, auch in den einzelnen Figuren selbst.

Zu oft aber verfällt der Abend ins Spiel um des Spielens willen, hat der Zuschauer den Eindruck, hier würde einigermaßen mechanisch, wenn auch auf technisch höchstem Niveau, Tschechow herunterrezitiert. Das ist besonders ärgerlich in der Schlussszene, in der die sitzengelassenen Geliebte Platonow erschießt. Das gerät so hölzern, dass man meint, sich in ein von einer Amateurtheatergruppe aufgeführtes Kriminalstück verlaufen zu haben. Bosse findet keinen Zugang zu diesem Ende, wie er über weite Strecken das Stück einfach laufen ließ. Das ist dankbar für die Schauspieler, die den sich ihnen bietenden Raum eindrucksvoll nutzen, hinterlässt aber einen etwas schalen Beigeschmack und die Vermutung, dass dieses Stück doch ein bisschen mehr bereithält als Jan Bosse in ihm findet.

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