„Ich war die ganze Zeit hier!“

Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Es ist ja eine Crux mit dem Kirschgarten, dieser Wirtschafts- und Gesellschaftskrisenparabel, die so wunderbar in diese unsere Zeit zu passen scheint wie die sprichwörtliche Faust aufs ebenso sprichwörtliche Auge. Landauf landab haben sich in den vergangenen Jahren Theater und Regisseure daran versucht, Tschechows melancholische Komödie als Kommentar aufs Zeitgeschehen zu lesen und ebenso oft sind sie daran gescheitert. Luk Perceval gilt eigentlich nicht als verdächtig, allzu offensichtliche Anbiederungen an den – vermeintlichen oder tatsächlichen – Zeitgeist vorzunehmen. Und siehe da: Ganz ohne sichtbare Bezüge zu Banken-, Euro- oder sonstigen Krise zelebriert Perceval eines seiner Geister- und Erinnerungsspiele, in dem Tschechows durchaus auch, aber eben nie nur wehmütiger Abgesang auf eine sterbende Gesellschaft lebendig wird – wenn sich von „lebendig“ hier überhaupt sprechen lässt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Denn Percevals Kirschgarten ist eine Art Totentanz – im Wortsinn, denn getanzt wird hier tatsächlich viel. Eine Heimorgel spielt nostalgische Siebzigerjahre-Loungemusik, dazu dreht man, meist langsam, immer kurz vorm Ersterben, seine Runden, nie schwungvoll, meist nur angedeutet, aneinander geklammert, zuweilen in der Großgruppe und oft auch allein. Es sind Erinnerungen an verflossene, vielleicht nie gelebte Leben – wie auch die Geschichten, die diese kaum mehr voneinander unterscheidbaren Figuren auf ihrer Stuhlreihe da erzählen. Sie befinden sich in einer Art Limbo, in einem düsteren und viel zu weiten Wartesaal, dem Kathrin Brack mit ihrem Bühnenbild aus zahlreichen, unterschiedlich großen Lichtkugeln ein eindrucksvolles Bild gegeben hat.

Davor sitzt man auf billigen Plastikstühlen, in einer Reihe. Hin und wieder steht einer auf und echauffiert sich, dann wieder wird getanzt, ein Geschehen im herkömmlichen Sinn gibt es nicht mehr. Zu Beginn schreitet Firs, hier nicht mehr Diener, sondern Unterhalter, Conférencier, vielleicht gar Aufseher dieser müden Truppe, hinter den Stühlen auf und ab und zählt rückwärts. Die Zeit läuft ab, aber auch das ist nur Reminiszenz, denn abgelaufen ist sie schon lange, hier gibt es keine Zeit mehr, die vergehen könnte. Und so passiert auf den Stühlen zunächst: nichts. Kein Ton, kein Wort, keine Regung. Hier kommt keiner mehr an (aus Paris), wird kein Kirschgarten verkauft, passiert kein Aufbruch. Hier wird nurmehr gesessen und – in zarten Momenten fragilen Selbstvergessens – getanzt. Als die Ranjewskaja gemäß dem Text fragt, wo denn ihr Bruder, der bei der Gutsversteigerung war, sei, antwortet Wolf-Dietrich Sprenger, der diesen Gajew als quengelnd-motzendes kindisches Ekelpaket gibt, wahrheitsgemäß: „Ich war die ganze Zeit da.“ Hier geht keiner mehr. Nirgendwohin.

Luk Perceval zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die sich längst überholt hat und das auch weiß. Die verbreitete Nostalgie der Figuren hat er aufgehängt und luftgetrocknet. Übrig geblieben ist ein trotziges Beharren, denn auch der durch den neureichen Lopachin verkörperte Fortschritt ist hier nur noch Pose und Teil des Spiels. Und so wird aus der sich vor dem Notwendigen verschließenden Ranjewskaja bei Barbara Nüsse eine ihr Recht gestrig zu sein, Fehler zu wiederholen, letztlich Mensch zu sein, einfordernde Frau. Viermal spricht sie vom Stein un ihren Hals, fordert sie, man möge sie doch mit dem Gut gleich mit verkaufen – und jedes Mal gewinnen ihre Worte an Selbstbewusstsein, an Selbstgewissheit. Die Tschechowsche Erstarrung ist hier bewusstes Festhalten am Gewohnten, ist selbstbestimmte Entscheidung, nicht bloße Unfähigkeit zur Veränderung. Einen erkennbaren Fortschritt gibt es bei Perceval ohnehin nicht, Lopachin ist kein wirklicher Gegenentwurf. Es bleibt nur der Wille weiterzumachen, in dem Wissen, dass Fehler im Wesen des Menschen liegen. Ja, die Akteure wursteln sich durch, auf Sinnsuche ist hier keiner mehr. Und doch gibt es Bewegung: Kaum merklich verschieben sich die Figurenkonstellationen, bilden sich Grüppchen, deuten sich Momente der Gemeinsamkeit an, des Glücks, das flüchtig ist, kein Zweifel, aber immerhin.

Dieser Abend verurteilt nicht, er beschreibt nur etwas, das der Natur des Menschen zumindest nicht allzu fern ist. Eine Antwort auf die Krise hat Perceval genausowenig wie Tschechow sie hatte, was er vorführt, kann aber vielleicht andeuten, wie Krisen entstehen und dass der Mensch vielleicht gar nicht anders kann, dass, was der eine „Krise“ nennt, für den anderen Selbstbehauptung ist. Vielleicht ist das nicht sehr tröstlich, ehrlich ist es allemal. Und so geht es womöglich vor allem darum hier zu sein. Immer. Und wenn auch nur im Gajewschen Sinne.

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