Hirnsuppe im braunen Sumpf

Marianna Salzmann und Deniz Utlu: Fahrräder könnten eine Rolle spielen, Ballhaus Naunynstraße, Berlin (Regie: Lukas Langhoff)

Von Sascha Krieger

Es gibt Redewendungen, die benutzt man so oft und so selbstverständlich, dass sie längst zum Synonym geworden sind, für das, wofür sie einst Metapher waren. Der „braune Sumpf“ als Beschreibung für rechtsextremistische Umtriebe ist so ein sprachliches Bild. Lukas Langhoff hat es jetzt am Ballhaus Naunynstraße wörtlich genommen und die Spielfläche mit braunem Schlamm bedeckt, in dem die Schauspieler sitzen, stehen, ausrutschen und durch den sie waten. Der Schlamm schmatzt unter den Schuhen, er bleibt an ihnen hängen, er schleicht sich in Haare und Kleidung, abschütteln lässt er sich nicht. Es ist ein nahe liegendes aber durchaus wirkungsvolles Bild und es passt zu einem Stück, das von dem andauernden Skandal um die Mordserie der Terrorgruppe NSU  und der langanhaltenden Unfähigkeit der Ermittler, einen rechtsradikalen Tathintergrund überhaupt in Erwägung zu ziehen, inspiriert ist. Dem Skandal ist auch der Titel entlehnt:  Mit „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ umschrieb 2006 ein hoher Beamter den damaligen Ermittlungsstand. Das Autoren Duo Marianna Salzmann und Deniz Utlu nehmen das als Anlass, einen Blick auf den Zustand Deutschlands im Jahr 2012 zu werfen. Herausgekommen ist eine der größten Enttäuschungen dieses Theaterjahres.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Den dünnen erzählerischen Rahmen bildet Andreas, ein Aushilfskellner, der über die besondere Begabung – oder ist es doch eine Krankheit? – verfügt, nichts vergessen zu können. Das trifft sich gut, den schließlich kellnert er im NSU-Untersuchungsausschuss und ist damit der Kanal, über den die realen Absurditäten, die dieser zu Tage fördert, zu uns, dem Theaterpublikum gelangen. Es sind die stärksten Passagen des Stückes, in denen das Autorenduo den ihm zur Verfügung gestellten Aufzeichnungen der Journalistin Mely Kiyak vertraut. Und doch zeichnet sich hier schon die Schwäche des Abends ab: Wenn Sema Poyraz einen Ermittler zitiert, der von seiner Fahndungsarbeit in der Türkei berichtet, nur um über schöne Strände und primitive Sanitäranlagen zu faseln, setzt sie ein dümmlich-selbstgerechtes Grinsen auf, während Paul Wollin den sich an nichts erinnernden Beamten als gelangweilten Zyniker gibt. Dabei sprechen gerade diese Passagen für sich und bedürfen keinerlei Illustration, die hier nur den Blick verstellt auf die monströse Selbstgerechtigkeit dieser sich selbst genügenden Vertuschungsmaschinerie.

Nun ist Lukas Langhoff ohnehin als Regisseur bekannt, der gern die etwas grobkörnigere Variante der Satire wählt, der überspitzt und überzeichnet. Bei ihm wird der (natürlich ostdeutsche) Nazi Basti (Sebastian Brandes) zur albern stammelnden und kreischenden Witzfigur mit aufgeklebtem Hitlerbärtchen und Schlamm im Haar, kommt das Untersuchungsausschlussmitglied (ebenfalls Brandes) als lächerlich-feiger, schlotternder Möchtegern-Held daher, dürfen die Darsteller immer wieder unvermittelt in hysterisches Gekreische ausbrechen. Subtilität ist seine Sache nicht und das bekommt diesem Stück alles andere als gut, haben doch Salzmann und Utlu selbst den ganz groben Pinsel ausgepackt.

Das Deutschlandbild, das sie malen, ist von erschreckender Einfachheit und beschreibt eine Gesellschaft voller Rassismus, Homophobie und aller anderen Auswüchse des Rechtsextremismus. Andreas ist dabei nicht viel mehr als ein erzählerisches Vehikel, welches das Zeichnen dieses Bildes ermöglicht und  nicht weiter interessiert. Er kellnert bei der FDP und trifft dort auf offenen Schwulenhass oder verkauft Eis im Fußballstadion, wo er nach Eis in Deutschlandfarben gefragt wird. Wenn er irgendwann Amok läuft, ist auch das völlig unerheblich- weder Regisseur noch Darsteller Simon Brusis können damit irgend etwas anfangen – es dient ohnehin nur dazu, auch die Justiz als rechts zu brandmarken, indem ein beflissener Richter das Verbrechen Islamisten in die Schuhe schiebt.

Salzmann und Utlu wuchten tonnenweise Klischees auf die Bühne und Langhoff packt noch eine dicke Schicht Satire drauf, so dass hier am Ende gar nichts mehr von der Stelle kommt. Das Ermittlungsdesaster rund um die NSU-Morde interessiert da schon lange nicht mehr, Ursachenforschung wird nicht einmal versucht, wozu auch, schließlich wurde ja schon längst beschlossen, dass alle Rassisten sind, die Deutschen ohne Migrationshintergrund sowieso , aber auch so mancher andere, natürlich aus purem Selbsthass. Die Dialoge sind von aufregender Schlichtheit, Zwischentöne radikal gestrichen und so stirbt dann auch ganz schnell jeglicher Erkenntnisgewinn. Denn wer die braune Soße über alles kippt, sorgt eben gerade nicht für mehr Durchblick.

Hinzu kommt, dass Langhoff das Kunststück gelingt, das Geschehen auf der Bühne durch extreme Überzeichnung so weit vom Zuschauer zu distanzieren, dass die Generalanklage des Stücks angenehmerweise jeden trifft – mit Ausnahme der anwesenden Zuschauer. Das gibt ein gutes Gefühl und da stört auch das etwas plumpe Aus-der-Rolle-Fallen am Schluss nicht, als Janin Stenzel beklagt, man solle doch auch mal zur Demo gehen, statt immer nur zu meckern. Klar, machen wir. Bei der FDP wird übrigens Hirnsuppe gereicht. Dabei lassen wir es dann lieber bewenden.

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Ein Gedanke zu „Hirnsuppe im braunen Sumpf

  1. Gülay sagt:

    Sehr geehrter Herr Krieger,
    ich bin auf der Suche nach dem Kritiker, der neben mir saß und das ganze Stück mit seinem Geschnaufe, Gemeckere und Gejaule kommentierte. Waren Sie das zufällig?
    Mit freundlichen Grüßen
    Gülay Polat

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