Mit Tom Waits im Schauerkabarett

William S. Burroughs, Tom Waits, Robert Wilson: The Black Rider, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Von Sascha Krieger

Da steht er, den Intellektuellenpulli längst abgeworfen, im Unterhemd und schon wieder ganz bei sich. Franz Hartwig steht am Bühnenrand und singt, brüllt, stöhnt, schluchzt Tom Waits‘ „Lucky Day“ ins Mikrofon, nachdem er trocken William S. Burroughs äußerst pragmatische Reaktion auf den Tod seiner Frau, die er im Drogenrausch erschossen hatte beim Versuch, die Apfelschussszene aus Wilhelm Tell nachzustellen, rezitiert hat. The Show Must Go On und sie muss vernünftig zu Ende gehen. Das Spiel ist vorbei, aber das Publikum noch nicht befriedigt. Also kommt auch Tilman Strauß noch für ein Abschiedslied heraus und beim Abgang darf sich Jule Böwe nochmal kurz umdrehen und ins Publikum strahlen. Die Show ist vorbei, Hartwig muss nicht mehr den Junkie, Böwe die Schnapsdrossel geben, zum Abschluss gibt es noch ein bisschen Show. „Und? Wie war ich?“ sagt Böwes Blick. Friederike Heller hat William S. Burroughs‘, Tom Waits‘ und Robert Wilsons legendäre Freischütz-Adaption The Black Rider als schauerlich-ironisches Drogenkabarett inszeniert und siehe da: Es funktioniert erstaunlich gut.

The Black Rider Schaubuehne

Hände weg von den Drogen! (Foto: Thomas Aurin)

Die Bühne (Sabine Kohlstedt) erinnert mit ihren rotierenden Retro-Lampen, schweren roten Samtvorhängen und hohen Musiker-Podesten wie ein schummrigen leicht abgehalfterten Nachtklub irgendwo zwischen dem Berlin der 1920er und der Beatnik-Epoche der 1950er Jahre. Aus der Zeit gefallen wie diese seltsame schauerlich-rätselhaft-verängstigende Geschichte, die da aufgeführt wird. Oder besser: deren Aufführung wir beiwohnen. Denn letztlich ist die Geschichte um den Amtsschreiber und Hobby-Intellektuellen Wilhelm, der, um die angebetete Försterstochter heiraten zu dürfen, zunächst zum Jäger werden muss und sich sein Glück mit dem Erwerb magischer Kugeln erkaufen will, deren letzte sein so greifbar nahes Glück für immer zerstören wird, nur die Hauptattraktion des Abends, der „Main Act“ in diesem Kuriositätenkabinett, dieser leicht verruchten, dunklen Revue, die Heller von ihren Musikern, die vor allem der Band Kante (mit der sie nun schon zum dritten Mal zusammenarbeitet) entstammen. Schon im Original kam The Black Rider als düster-blutiger Zirkus daher, einen Aspekt den Heller aufgreift. Hier wird eine Geschichte erzählt, nicht zur Erbauung sondern der Unterhaltung wegen. Und wenn das nicht reicht, wird am Ende noch etwas gesungen. Ein Drogendrama als performatives Event – das funktioniert auch 22 Jahre nach der Uraufführung noch ganz gut.

Auch weil Hellers Interpretation der Kerngeschichte durchaus stimmig ist. Burroughs hat die Freischütz-Sage zur Drogengeschichte umgedeutet, das Verlangen nach den Zauberkugeln als Sucht gedeutet, den fremde Hilfe zu seinem Glück zu benötigen glaubenden Wilhelm zum Junkie gemacht, den Text mit eigenen Drogenepisoden und einer Hemingwayschen Waffengeschichte angereichert. Ob Heroin, Zauberkugeln oder teure Waffen: Des Menschen Sucht ist sein Untergang. Das ist nicht übermäßig originell, aber doch wirkungsvoll in Szene gesetzt. Das liegt vor allem an Hartwig, der den Wandel Wilhelms vom staunenden großäugig-naiven Bücherwurm zum abgehalfterten und gehetzten Junkie so eindrucksvoll sichtbar macht, dass man am Ende gar eingefallene Wangen in seinem Gesicht zu sehen meint. Aber natürlich ist das keine Tragödie und so benötigt  Hartwig ein verzerrtes, ins Farcenhafte gewendetes Spiegelbild in Form von Jule Böwe, die ihre Förstersgattin als melancholisch-schnoddrige Trinkerin mit Fallsucht gibt.

Heller folgt Wilson auch in der ständigen Ironisierung des Gezeigten. So mutiert Wilhelms Angebetete (Lucy Wirth) zu seinem Jagdhund, dürfen Sebastian Nakajew (ein wunderbar prolliger Förster) und Ulrich Hoppe in reichlich albernen Stofffetzen-Kostümen als Wild auftreten, gibt Tilman Strauß den diabolischen Stelzfuß als aasig-arrogante Dealer-Karikatur. Das kippt zuweilen ins Lächerliche und ist manchmal dann doch ein bisschen viel, und doch findet der Abend immer wieder zurück zu seinem Gleichgewicht. Und dann sind dann natürlich die rauhen, schaurig-schönen Songs von Tom Waits, die von den Darstellern mit wechselndem Erfolg, aber immer mit vollstem Einsatz intoniert werden. Das ist kein Musical-Schönklang, sondern echte Gesangsarbeit in diesen musikalischen Steinbrüchen, die Waits ihnen hingeworfen hat.

Es stimmt schon: Friederike Heller hat schon intellektuell an- und aufregendere Arbeiten auf die Schaubühnenbühne gebracht, zuletzt etwa ihre virtuos mit Geschlechterrollen und Machtmechanismen spielende AntigoneThe Black Rider ist sicherlich weniger ambitioniert, bleibt auch sehr viel näher am Text, aber er funktioniert trotz alldem: als düstere und doch augenzwinkernde Drogenparabel wie als ironischer Blick auf den Unterhaltungszwang des Kunstbetriebs. The Black Rider schreibt hier keine Theatergeschichte mehr – aber er macht doch gehörig Spaß. So wenig ist das nicht.

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Ein Gedanke zu „Mit Tom Waits im Schauerkabarett

  1. Maren Kumpe sagt:

    Gut beobachtet und treffend geschrieben!

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