Sprich vor für Shakespeare

Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige (nach William Shakespeare), Deutsches Theater, Berlin (Regie: Dimiter Gotscheff)

Von Sascha Krieger

Ist das nun ein Best Of oder ein kollektives Vorsprechen? Dimiter Gotscheff hat im Deutschen Theater einige seiner „üblichen Verdächtigen“ versammelt (Samuel Finzi, Wolfram Koch, Almut Zilcher), sie um Mitglieder des Ensembles, vier Musiker und eine Tänzerin im Affenkostüm ergänzt und jagt diese nun gut drei Stunden lang durch Shakespeares Tragödien und Königsdramen. „Wer ist der König?“, ist die ständig wiederholte Kernfrage des Abends und die Antwort lautet stets: „Der König ist der König.“ Die Namen der Täter und Opfer sind austauschbar, es immer der gleiche Kreislauf der Gewalt, das gleiche Spiel der Macht. Die Menschheitsgeschichte als Schauermärchen, als nie endendes Schlachten – man merkt Gotscheff an, dass er nicht nur der vielleicht letzte Heiner-Müller-Adept ist, sondern auch seinen Shakespeare gelesen zu haben. Die Rechnung ist also eigentlich recht einfach, nur leider geht sie nicht auf.

Das liegt vor allem daran, dass Gotscheff aus deiner Reise durch Skakespeare und ins Herz der menschlichen Finsternis eine Nummernrevue macht, in der wir schnell von Richard III. zu Othello, von Julius Caesar zu Hamlet springen. Am Anfang platzieren sich die Darsteller im Publikum, nur um schnell zum auf der Bühne aufgebauten Podium zu sprinten und die dort liegende Krone zu ergreifen – ein Ritual, das gegen Ende wiederholt wird. Ein doch eher schlichtes Bild, das leider das Niveau der Auseinandersetzung mit den Shakespeareschen Texten recht gut verdeutlicht. Szenen werden angespielt, Monologe rezitiert, ein blutrünstiges Gemetzel an das nächste gereiht. Zu Beginn lädt uns Margit Bendokat als eine Mischung aus weisem Geschichtenerzähler und hintergründisch-spöttischem Narr ans Lagerfeuer ein, um Geschichten zu hören von Königen und ihrem (unvermeidlich unnatürlichem) Tod. Es wird geklagt und geschrien, monologisiert und chorisch gesprochen, mal ist der Ton tragisch und ernst oft spöttisch, ironisch, lächerlich, es wir deklamiert und karikiert, es gibt das eine oder andere Tableau zu sehen und dazwischen turnt ein Affe (sehr realistisch: die Tänzerin Bettina Tornau) herum. Wie sie auf der zunächst auf der leeren, in Weiß eingefassten und mit zahlbaren, zuweilen sehr tief hängenden Scheinwerfern ausgestatteten Bühne von Katrin Brack neugierig die Scheinwerfer betrachtet, erinnert sicher nicht ohne Absicht an Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey. Später wird der Affe immer wieder verständnislos zwischen den Akteuren herumspringen und -rollen. Vielleicht soll das die Primitivität dieses Menschheitskreislaufs entlarven, der nicht einmal eines Affen würdig erscheint. In seiner wachsenden Ungeduld steht er möglicherweise aber eher, wenngleich ungewollt, für den Zuschauer.

Denn was sich ihm bietet, ist dann doch sehr einfallslos in seinen ständigen Wiederholungen. Und so drängt sich der Gedanke auf, Gotscheff wolle seine Spieler den Theatermachern dieser Republik für Shakespere-Rollen empfehlen. Und natürlich hat Gotscheff viel Talent um sich versammelt: Da ist Wolfram Koch, der mit subtilsten Mitteln zwischen Othello und Jago hin- und herspringt, Peter Jordan, der Richard III. als mörderischen Beamten gibt, bevor Anita Vulesica das Dämonische aus der Rolle herauskitzelt, Ole Lagerpusch als jugendlich-genervter Hardrock-Hamlet und Samuel Finzi, der seinen Caesar als ängstlichen Jammerlappen gibt und dessen Tod  durchaus amüsant in fast Fritschscher Farcenmanier persifliert. Natürlich würde man Almut Zilcher gern einmal abendfüllend als Lady Macbeth oder als Margaret (in Richard III.) sehen, aber als reine Schauspielerwerbeveranstaltung ist das dann doch gehörig dünn.

Nur steckt leider nicht viel mehr in diesem sehr enttäuschenden Abend, bleibt alles Stückwerk, kann auch Margit Bendokat als Beobachterin und vielleicht auch Strippenzieherin ihn nicht vor der weitgehenden Belanglosigkeit retten. Er ist letztlich nur eine Aneinanderreihung des ewig Gleichen, ohne Spannungsbogen oder wenigstens irgendeiner Art der Interaktion zwischen den Puzzlestücken. Am Ende versucht Bendokat mit Müller-Texten (vor allem aus Anatomie Titus Fall of Rome) zugleich die Allgemeingültigkeit wie auch Gegenwärtigkeit des Shakespeareschen Weltbilds, das hier wohl eher ein Müllersches in der Interpretation Gotscheffs ist, zu postulieren. Nur ist in diesem zweidimensionalen Shakespeare-Abglanz eben gar nichts gegenwärtig.

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