Zu Gast bei „Miss Lungen“

Verbrecher aus verlorener Ehre (nach Friedrich Schiller), Deutsches Theater /Kammerspiele, Berlin (Regie: Simon Solberg)

Von Sascha Krieger

Friedich Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre ist ein bemerkenswerter Text, schildert er doch die Verbrecherkarriere des wohl auf einem realen Vorbild basierenden Christian Wolf, der vom Wilddieb zum Mörder wird, als Bericht über einen Menschen, den Umstände, Illusionen und letztlich die Gesellschaft in die Kriminalität treiben und vor allem auch darin festhalten. Es ist das Porträt eines Menschen, der anders gekonnt hätte, aber ab seiner ersten Verfehlung nicht mehr darf, dem alles Wohlverhalten nichts nützt weil er längst abgestempelt ist – drinnen wie draußen – und der letztlich die Rolle, die ihm zugewiesen wurde, die des Verbrechers, spielen muss,weil es keine andere für ihn gibt. Dieser Christian Wolf ist ein Mensch wie du und ich – eine empörende und für viele unerträgliche Vorstellung. Dass sich das kaum geändert hat, zeigt ein Blick in die Boulevardpresse oder Kommentare einschlägiger Online-Artikel. Die Entmenschlichung des Kriminellen, seine Stigmatisierung als abartig, als böse und nicht änderbar wirkt bis heute fort.

Und so schwadronieren in Simon Solbergs Adaption von Schillers Erzählung zunächst einige Wissenschaftler in Jelena Nagornis zweistöckiger muffig-verkramter Laborbühne über determination und freien Willen, über genetische Bestimmung und Therapierbarkeit. Schillers Text dient ihnen als Fallstudie, anhand derer sie ihre Thesen und Gegenthesen überprüfen können. Was dann geschieht, verdankt sich einer Regieentscheidung, die ratlos macht: Solberg inszeniert die Geschichte von Schillers Erzählung als kalauernde Slapstick-Komödie mit überzeichneter Mimik, alberner Kostümierung und noch lächerlicher Requisiten. Das sieht dann beispielsweise wie folgt aus: Helmut Mooshammer spricht mit Schiller vom Herz,während er auf einer Art OP-Tisch ein Stoffherz zu Tage fördert und der Rest des Ensembles ein aufgeblasenes Riesenherz hereinschiebt. Eine Erörterung des Auseinanderklaffens von Lohn- und Preisanstieg in der Weimarer Republik wird von zwei Darstellern illustriert, die mit Schildern, auf denen „Preis“ und „Lohn“ steht, um den Hals eine Leiter heraufsteigen. Das geht hinunter bis auf Wortebene: Fällz das Wort „hervorspringen“, springt man hervor, ist von „erkalten“ die Rede, macht man Fröstelbewegungen. Und wird von einer Missernte gesprochen, erscheint sofort eine Schärpe der „Miss Ernte“. Auch der Name des Protagonisten bietet ausreichend Stoff: Der „Problemwolf“ darf im letzten Teil des Abends mit Wolfsmaske herumlaufen.

Irgendwann kippt das Ganze in etwas, das Solberg womöglich für Ernsthaftigkeit hält, was dem Abend aber auch nicht viel besser bekommt. Da darf Christoph Franken dem geschundenen Seelenaffen kräftig Zucker geben, werden die Mechanismen der den Menschen erst zum Verbrecher ausbildenden Entmenschlichung der Haft durchgespielt. Aber das reicht natürlich alles nicht: Solberg springt von Schiller in die 1920er Jahre, verquickt die Geschichte mit der Wirtschaftskrise, die ansatzlos zur Finanzkrise von 2008 wird, lässt Gutachterkarikaturen über Rückfallwahrscheinlichkeiten streiten (wobei Kathleen Morgeneyer stets die liberale Position einnehmen darf – Geschlechterklischees sind hier nicht sehr weit), während Wolf in seiner Zelle vor die Hunde geht. Das will wohl aufrütteln, vielleicht auch berühren, und changiert doch nur zwischen Anstrengung und Lächerlichkeit. Das liegt daran, dass Solberg viel zu viel durcheinanderwirft und die Auseinandersetzung mit Strafe und Resozialisierung nurmehr an der Oberfläche bleibt. Das Kalauerfeuerwerk des Anfangs hat bereits viel zerstört – da hilft es nicht, dass auch hier der Effekt zuweilen wichtiger erscheint als der Inhalt. Schiller hat im Verbrecher den Menschen gefunden – Solberg holt zwar nicht das Monster zurück, aber ersetzt es durch einen Clown.

Glücklicherweise hat der Abend noch eine weitere Ebene, die ihn zumindest vor dem Totalabsturz bewahrt. Auf einer Leinwand werden immer wieder Interviewpassagen mit zwei jungen ehemaligen Strafgefangenen eingespielt, die über ihre Geschichte, ihre Erfahrungen in und nach der Haft sprechen. Und sie tun das so klar, reflektiert, unsentimental und ehrlich, dass zwischendurch dann doch so etwas wie eine Reflektion, eine Auseinandersetzung gar mit unserem kollektiven Bild des Verbrechers, dem Wegsehen der Gesellschaft, dem Scheitern des Resozialisierungsversprechens möglich erscheint. Es sind Geschichten zweier Menschen, die sich gefunden haben und aus dieser Perspektive beleuchten, wie diese Gesellschaft im Umgang mit Straftätern versagt, wie dieses System auch heute noch kriminelle Karrieren produziert. Nur leider geht das weitgehend unter im hektischen Einfallswirrwarr dieses etwas konfusen Abends, der nie seinen Ton findet.

Als die beiden, Norman Bürger und Markus Pohle, gegen Ende auf die Bühne kommen – um zum Schluss die Utopie der norwegischen Vorzeigegefängnisinsel Bastøy als wünschenswerte Alternative nachzuspielen und eine doch etwas klischeebeladene Geschichte vom Weihnachten im Gefängnis zu erzählen – fragen sie die Darsteller, was sie da tun. „Schiller haben wir versucht“, sagt Helmut Moshammer. versucht ja. Aber das ist dann wohl ein Fall für – ja, auch dieser Kalauer kommt tatsächlich vor – „Miss Lungen“.

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