Revolution in der Badewanne

Peter Weiss: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Willkommen bei der Arbeit! Während das Publikum seine Plätze sucht, füllt sich langsam auch die Bühne. Einzeln und in kleinen Grüppchen kommen die Darsteller herein, begrüßen einander, ziehen sich um und das Publikum und räumen die Requisiten an die richtige Stelle. Alles klar, wir wohnen also einer Probe bei, einer öffentlichen, wie es scheint. Und einer doppelten noch  dazu. Denn Felix, Andine, Sebastian oder Max sprechen sich nicht nur mit echtem Namen an, sie sind hier Darsteller wie Figuren. Und stellen gleichzeitig andere Spieler dar, namenlose Insassen einer Nervenheilanstalt der napoleonischen Zeit, die wiederum im Bad ihrer Einrichtung ein Stück aufführen oder dies zumindest versuchen. Peter Weiss‘ zumeist als Marat/Sade abgekürztes Stück von 1964 spielt mit den Zeit- und Realitätsebenen, behandelt im schnellen Galopp durch die Zeiten Thesen von der Möglichkeit und Sinnhaftigkeit gesellschaftlicher Rebellion und thematisiert gleich noch die Rolle des Theaters, indem es Theater in seiner Entstehung vorführt und das Spiel als solches entlarvt. Peter Kleinert hat dieses seltsame Konglomerat, in dem Weiss zu allem Überfluss auch noch in Versen sprechen lässt, mit zwei Ensemblemitgliedern (in den Titelrollen) und Studenten der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ an der Schaubühne inszeniert und zumindest in der ersten halben Stunde gelingt ihm ein erfrischend leichtes Balancespiel auf, mit und zwischen den Ebenen, in denen Revolutionsthematik, Meta-Theater und perspektivische Wechsel erfrischend aufeinanderprallen und miteinander spielen. Das hält die Inszenierung leider nicht durch, ist aber im Ansatz ebenso unterhaltsam wie anregend.

Marat Sade Peter Weiss Schaubuehne

These und Antithese in der Badewanne (Foto: Gianmarco Bresadola)

Mit viel Enthusiasmus und noch mehr Körpereinsatz stürzen sich die jungen Darsteller in den Probenprozess, der sowohl Konzentrat als auch satirische Zuspitzung tatsächlicher Probenarbeit sein könnte. Da ist die aasige Selbstverliebtheit des diktatorischen Regisseurs Sebastian alias Marquis de Sade (Sebastian Schwarz), das fast autistische Aufgehen in der Rolle des Marat-Darstellers (Bernardo Arias Porras), der zwischen Begeisterung und schleimiger Anbiederung hin und her springende Regieassistent (Felix Lüke) sowie die immer wieder die Proben unterbrechenden, immer unzufriedener auf das Geprobte reagierenden Akteure. Da wird eine Szene angespielt und kaum hat sich der Zuschauer auf sie eingelassen und beginnt zu vergessen, dass dies nur ein Spiel im Spiel im Spiel ist, da schert auch schon einer aus, verweigert sich dem Diktat des Regisseurs, nur um sich bald wieder zu fügen. Im Dienste der Sache sozusagen.

Gesellschaftskritische Phrasen werden mit großem Ernst im Sprechchor aufs Publikum geschleudert, doch sobald dieses beginnt, sich der Plattheit des Gesagten bewusst zu werden, beklagt dies auch schon einer der Darsteller. Die alten Revolutionsparolen, die überkommenen Feindbilder funktionieren nicht mehr und die aktuelle Kapitalismuskritik kommt über plumpe Banken- und Konsumschelte nicht hinaus. Denn wie sagt es eine Figur so schön: „Schuhe kann man nie genug haben.“ Wenn die Zuschauer aufgefordert werden, mit hinauszugehen, um eine Bank zu attackieren, ist das nicht ernst gemeint. Nein, Revolution ist von gestern.

Auch weil die jugendliche Rebellion längst selbst zur Marke geworden ist. Wie David Schellenberg, der zunächst als vermeintlicher Zuschauer laut protestierend geht, bevor er sich als Teil der Inszenierung zu erkennen gibt und sich vorstellt: er ist der „Jauch-Störer“, der vor einigen Monaten in der sonntäglichen ARD-Talkshow laut gegen die zurückgenommenen Neubaupläne der Hochschule protestierte und sogleich von Medium zu Medium durchgereicht wurde als Vorzeigerevolteur, der natürlich weitgehend harmlos war. An den Grundfesten der Gesellschaft rüttelt hier keiner, die Auflehnung gehört zum Spiel. Und so bleiben die Phrasen und Posen leer, müsste man neue finden, denn zum Auflehnen gibt es in dieser Welt des kriselnden Kapitalismus doch genug Grund. Doch wenn die nächste Generation der Staatstheaterschauspieler die Parolen der Entrechteten skandieren, kann das nur falsch klingen. Und das wissen sie auch. 1789 ist vorbei, Napoleon schon längst tot und wir stehen hier und wissen nicht, ob und wie und wogegen Widerstand noch möglich ist. das Theater, so viel wird hier klar, ist der Ort dafür nicht, zu sehr überlagertder Widerstreit der Befindlichkeiten jede inhaltliche Auseinandersetzung.

leider hält der Abend diesen unsicheren Schwebezustand nicht durch. Bleischwer wird es, wenn Marats gesellschaftlicher Fortschrittsglaube, sein Primat der Masse, des großen Ganzen, argumentativ auf de Sades kompromisslosen Individualismus trifft. da bleibt die Inszenierung plötzlich stehen, erstarrt in bloßem Debattieren. immer häufiger setzt Kleinert auf Bilder, die schön sind, aber nichts bedeuten, verliert sich der Abend im Amüsement des kleinmütigen Zanks von Regisseur, Assistent und Darstellern, verkümmert der revolutionäre Kampf zum kindischen Sandkastenspiel. Da werden Parolen an die Wand gemalt, es wird auf offener Bühne geduscht (man ist ja in einem Bad), treten die Schauspieler in den Streik oder darf das Publikum wohlgelaunt Nationalversammlung spielen. Der Abend zerfasert zusehends, irgendwann ist nicht mehr ersichtlich, worum es ging oder gehen sollte, verliert man sich zwischen den Ebenen, gerät das Ganze aus dem Gleichgewicht. Am Ende, nachdem Arias Porras Davids berühmtes Gemälde vom Tod Marats nachstellen durfte, geht das Licht an, man packt zusammen, verabschiedet sich. Bis morgen. Ob im Sandkasten oder bei der Revolution bleibt unklar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: