Kein Kaffee nirgends

Jan Ole Gersters Debütfilm Oh Boy

Von Sascha Krieger

„A Day in the Life“, natürlich. Dem Beatles-Song ist der Seufzer entnommen, der Titel von Jan Ole Gersters erstaunlichem Spielfilmdebüt ist, ein Seufzer, den der Zuschauer so manches Mal auszustoßen versucht ist in diesen 85 Minuten, und der diesen „Tag im Leben“ recht treffend zusammenfasst. Niko Fischer ist Mitte, Ende Zwanzig, lebt im hippen Prenzlauer Berg inmitten unausgepackter Umzugskartons, ein zielloser Großstadt-Drifter, der sein Jura-Studium längst abgebrochen hat und der allein von dem Geld lebt, das ihm sein ahnungsloser Vater bislang immer brav überwiesen hat. Einer, dem schon die morgendliche Nähe seiner Freundin zu viel wird, der vor ihr flieht in den kalten, fahlen Berliner Morgen auf der Suche nach einem Kaffee. Sie wird ihn durch die Absurditäten der Großstadt treiben, ihm den erhofften Kaffee aber vorenthalten.

Es bleibt nicht die einzige Niederlage des Ruhe- und Ziellosen: Am Ende dieses Tages ist Niko durch einen „Idiotentest“ gefallen, der Vater hat ihm den Geldhahn abgedreht, er musste eine Kopfnuss einstecken, ein grotesker Sex-Versuch ist fehlgeschlagen und zu guter Letzt gibt es noch einen Todesfall. Was schief gehen kann, tut dies auch in Oh Boy. Auf dem Papier ist dies nicht gerade eine originelle Geschichte, eine vom sympathischen Loser, dem alles misslingt, der von Fettnapf zu Fettnapf tapst, ein Ritter von der lächerlichen Gestalt. Der Verlorene in der Großstadt, der rast- und Ziellose, der seinem Leben keinen Sinn geben kann oder will, der in den Tag hineinlebt, der moderne Entwurzelte auch – man kennt die Themen und Motive zur Genüge, längst haben sie sich zu Klischees verformt. Auch die Gestalten, denen Niko begegnet, scheinen der Mottenkiste entnommen: Da ist der erfolglose Schauspieler, dem keine Rolle recht ist, die traumatisierte ehemals übergewichtigte Schulkameradin, die noch immer unter den zahllosen Hänseleien leidet, der alte, einsame Mann, der sein verlorenes Leben sucht, die Karikatur des dominanten Vaters, der comichaft überzeichnete Proll. Alles schon gesehen, alles schon lange durch.

Und doch macht Regiedebütant Jan Ole Gerster aus all diesen Zutaten einen Film, der von der ersten bis zur letzten Minute fesselt, der hochkomisch und tieftraurig ist, ein Film, wie man ihn so noch nicht gesehen zu haben meint. Da ist zunächst diese bewusst distanzierende Ästhetik. Dieses Berlin, das der Film porträtiert, ist wohlbekannt, immer wieder lassen sich populäre Ecken der Stadt identifizieren – und doch ist es fremd, in seinen kalten, fahlen Schwarz-Weiß-Bildern, seinen eine andere Zeit heraufbeschwörenden Jazz-Klängen. Dieses Berlin glänzt und pulsiert nicht, es wirkt seltsam fern, oberflächlich scharf in seinen Konturen, wirkt es doch, als würden wir es durch Milchglas mehr erahnen als sehen.

Dass wir doch zuschauen, dieser seltsamen Stadt ins Auge blicken und ihr vor allem auch zuhören, ist in erster Linie das Verdienst der Hauptfigur – und ihres Darstellers. Dieser Niko ist ein Fremdkörper in der Geschäftigkeit diser Stadt, in der jeder irgend etwas sucht, etwas sein will oder zumindest etwas darstellt. Niko will nichts sein und will nichts werden.Er ist ein Flaneur im Benjaminschen Sinn, ein Beobachter, ein Zuhörer, einer, dessen Fragen auch mal einen sorgsam aufgebauten Phrasenballon zum Platzen bringen, der aber immer ein bisschen neben allem steht, allem voran sich selbst.

Wie Tom Schilling, dieser erwachsen gewordene ewige Junge diesen nicht erwachsen werden Wollenden spielt, wie sich sein Gesicht der immer schon etwas melancholischen Stimme angepasst hat, wie sein Blick immer zugleich wach und abwesend scheint, ist allein schon ein Ereignis. Sein Niko ist Objekt unseres Blicks, aber er ist auch unser Auge. Durch ihn sehen wir die Stadt mit neunen, seinen Augen, aber zugleich sehen wir ihm dabei zu, wie er sich aus dem ihn Umgebenden, ja auch aus sich selbst einen Reim zu machen versucht – oder sich diesem eben auch verweigert.Er ist einer, der andere beobachtet, der zuhört, aber sich nicht selbst zu finden imstande ist, dessen Driften durch die Stadt auch ein weglaufen ist, das ihn immer wieder dorthin zurückbringt, wo er nicht hin will: der Frage, wer er ist, sein will, werden könnte. Und zugleich einer, der uns sehen lässt, was er sieht oder vielleicht sogar nicht sieht.

Und so ist Oh Boy eben auch ein faszinierendes Berlin-Porträt, ein Porträt einer suchenden Stadt und einer Stadt der Suchenden. Traurige Gestalten allesamt, Verlorene auch und doch keine, die sich so leicht aufgeben. Ihre Lebensentwürfe mögen lächerlich und klein sein, doch selbst der Hauptdarsteller einer kitschigen Nazi-Schmonzette, der den Filminhalt mit tränenersticktem Pathos vorträgt, der dilletierende Off-Theater-Choreograf, der seine Arbeit mit empörter Aggressivität verteidigt oder der einsame Nachbar, der sich auf plumpste Weise in das Leben des neuen Mieters zu drängen versucht – sie alle bleiben in all ihrer Lächerlichkeit als Menschen spürbar, selbst wo sie nur für Momente vorbeizudriften scheinen.

Am Ende wird Niko seinen Kaffee bekommen. Am Ende dieses langen Tages, das eigentlich schon der Anfang des nächsten ist. Der Tag ist vorbei, ein neuer Tag angebrochen, der mit einem Kaffee beginnt und vielleicht irgendwo hinführen wird. Vielleicht wird Niko ein Ziel, einen Weg finden, vielleicht wird er sich seiner Sinnfrage stellen, vielleicht sogar eine Antwort finden. Vielleicht ist diese langersehnte Tasse Kaffee ein Neuanfang. Oder auch nur eine Tasse Kaffee.

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