Tänzelnd durch den Marathon

Das Konzerthausorchester unter Leitung von Iván Fischer mit Sinfonien von Beethoven

Von Sascha Krieger

Jetzt hat Berlin also einen zweiten Marathon: Dem alljärlich im September stattfindenden Härtetest für Läufer aus aller Welt folgte eineinhalb Monate später einer für Konzertbesucher und Musikliebhaber. „100 Stunden Beethoven“ haben das Konzerthaus und sein neuer musikalischer Leiter Iván Fischer versprochen – und gehalten. Den Höhepunkt besorgte der Ungar, der ebenfalls seit Spielzeitbeginn als Chefdirigent das Konzerthausorchester leitet, selbst: Auf dem Programm standen zwei Sinfonien des gebürtigen Bonners – die weniger populäre und zuweilen als „leichter“ unterschätzte Vierte und die erheblich Bekanntere und zur Zeit ihrer Uraufführung Musiker wie Zuhörer fordernden und zuweilen auch überfordernde Siebte. Gerade einmal drei Monate ist Fischer jetzt im Amt aber schon jetzt ist sein Einfluss unüberhörbar, lässt sich eine Entwicklung „seines“ Orchesters feststellen. Dabei darf man beim Gründer und Leiter des renommierten Budapester Festivalorchesters keine extreme Beethoven-Interpretation oder besonders originelle Lesart erwarten. Fischer nimmt Beethoven ernst, ohne ihm eine dezidierte Interpretation aufdrängen zu wollen. Er lässt die Musik atmen, sie aus sich selbst entwickeln, voller Neugier, was sich darin so alles finden lässt. Das Ergebnis ist vielleicht nicht der „große Wurf“, die spannenden Entdeckungen finden sich eher im Detail.

Konzerthaus Berlin

Für ein Wochenende stand das Konzerthaus Berlin ganz im Zeichen Beethovens. (Foto: Sascha Krieger)

Das gilt besonders für die Siebente, die Fischer durchaus kontrastreich angeht und in der er von Satz zu Satz die eine oder andere Überraschung versteckt. Die A-Dur-Sinfonie ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie er sich jedem Satz unbefangen und aufs Neue nähert, was sich schon in den Tempi zeigt. Wählt er im ersten Satz eher moderate Tempi, gehören sie im Allegretto zum Langsamsten, was man in diesem Satz je hören konnte. Ganz anders das Finale, das Fischer zwar nicht wild, aber überaus stürmisch nehmen lässt. In dem dynamischen Ausbruch des Satzes findet er jede Menge Schwung und eine freudige Energie, die ihm alles Schwere nimmt und die Sinfonie äußerst optimistisch ausklingen lässt.

Überhaupt ist Schwung ein gutes Stichwort: Fischer sucht in beiden Sinfonien das Schwungvolle, Leichte, Tänzerische. Das gilt nirgendwo mehr als im dritten Satz der Siebenten, dem er jede explosive Wildheit nimmt und ihn mitreißend tänzerisch spielen lässt. Der dritte Satz war ursprünglich in der klassischen Sinfonik ein Menuett, ein Tanz also, und Fischer gibt ihm bewusst diese Rolle zurück. Er schaut hier zurück, ihn interessieren gerade die Traditionslinien zu Beethovens Vorgängern, insbesondere Haydn und Mozart, deren luftigen Glanz er auch hier aufspürt. Gerade die Vierte gelingt ihm so heiter, dass man sie danach kaum anders hören will. dabei arbeitet er auch hier bewusst mit Kontrasten, so gleich am Anfang, wo er die lyrische Einleitung besonders fragil und leise erklingen lässt, um dann das Hauptthema mit übersprudelnder Lebensfreude hervorspringen zu lassen – eine Freude, die gut zum lächelnden, von fast kindlicher Neugier gepackten Dirigenten passt.

Es ist ein sehr klassizistischer, ja, auch eleganter Ansatz, welcher der Vierten besser tut als der Siebten. Hier finden sich die Kontraste nicht nur zwischen den Sätzen, sondern sehr pointiert auch innerhalb des Presto, des schon erwähnten dritten Satzes. Lässt er das Hauptthema durchaus zügig spielen, wählt er für das lyrischen Seitenthema sehr langsame Tempi, die den Satz ein wenig zerfallen lassen. Besonders schwierig gerät das im Allegretto, das Fischer, wie so mancher vor ihm, eher als Andante interpretiert. Die extreme Verlangsamung nimmt dem Satz ein wenig den Sog, den er zu entwickeln in der Lage ist, das Zwingende seiner unausweichlich scheinenden Linearität.

Und doch finden sich gerade hier einige Schätze im Detail: Da ist das faszinierende Spiel der hohen Streicher, die mal fanfarenartig scharf und dann wieder samtweich klagend klingen. Da ist das lyrische Nebenthema, aus dem das Orchester einen Klangreichtum herausholt, den man selten gehört hat. Oder der Schluss, in dem das Hauptthema von Instrument zu Instrument wandert, bis es sanft erlischt. Fischer entdeckt hier einen kaum geahnten Lyrismus, der auch den erfahrenen Beethoven-Kenner überrascht.

Zu guter Letzt erscheint ein Wort zum Konzerthausorchester angebracht zu sein: Iván Fischer ist erst seit wenigen Monaten Chefdirigent dieses traditionsreichen Klangkörpers, der einst den Anspruch hatte, Ostberliner Gegenstück zu den (West-)Berliner Philharmonikern zu sein. Doch schon jetzt  lässt sich erkennen, dass Fischers Präsenz dem Orchester gut tut. Natürlich fehlt an so mancher Stelle die Präszision, schleicht sich auch die eine oder andere Unsauberkeít ein und doch offenbart das Orchester bereits jetzt eine Klangkultur, die Großes erhoffen lässt. Vor allem in den Streichern und Holzbläsern hat sich ein voller, kompakter und kraftvoller Klang entwickelt, dem zuweilen noch etwas Klarheit fehlt, aber der schon jetzt das Potenzial dieses aus sehr vielen jungen Musikern bestehenden Orchesters zeigt. Es tut sich etwas im Konzerthaus – Vorfreude auf Kommendes ist mehr als angebracht.

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