Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung Sir Simon Rattles mit Werken von Rachmaninow und Strawinsky

Von Sascha Krieger

Der erfahrene Konzertbesucher weiß es: Gute Konzertabende beginnen mit einem wohlkonzipierten Programm. Die Kombination der Werke und Komponisten, die Bezüge und Kontraste, die sich daraus ergeben, die Inspiration, die ein Werk auf ein anderes ausüben kann, sind zentrale Elemente von Abenden, die mehr sein wollen als Abfolgen bezugfrei nebeneinander stehender musikalischer Nummern. Die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Sir Simon Rattle sind Meister solch durchdachter Programmplanung, kein anderes Orchester ist auch so in der Lage, Bezüge zwischen unterschiedlichsten Werken und Komponisten herzustellen. Diesmal sind sie sogar auf den ersten Blick klar zu sehen: Werke zweier großer russischer Komponisten, beide im Jahr 1913 uraufgeführt, Werke, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: hier das rückwärtstgewandte spätromantische Pathos von Rachmaninows Symphonischem Poem Kolokola (Die Glocken), dort das Tor in die Zukunft der Musik,  Igor Strawinskys musikalischer Urknall Le Sacre du Printemps. Und es ist genau dieser Unterschied, dieser Kontrast zweier Zeitgenossen mit gemeinsamem kulturellen Hintergrund und doch vollkommen unterschiedlichem künstlerischen Verständnis, der diesen Abend bestimmt und den man stets im Kopf haben sollte, wenn es darum geht, die Interpretationen dieser Werke zu erschließen.

Bei Rachmaninow geht es Rattle dezidiert nicht darum, die Struktur, die Mechanik des Stückes offenzulegen, um vielleicht auch dessen Oberflächlichkeit zu entlarven. Im Gegenteil: Dirigent und Orchester werfen sich mit vollstem Einsatz in die musikalische Schlacht, als wollten sie dem Publikum erfahrbar machen, was Rachmaninow zu der seltsamen Einschätzung verleitet haben könnte, dies sei sein größtes Werk. Basierend auf einer Übersetzung eines Gedichts von Edgar Allen Poe ist Kolokola eine lautmalerische Reise durch die verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens, klingen die Glöckchen des Schlittens zunächst kindlich hell, um später zur fahlen Düsternis der Totenglocken zu werden. Rachmaninow wirft sämtliche Subtilität über Bord, er will überwältigen, und die Philharmoniker folgen ihm. Laut und unverstellt hallt das Pathos durch die Philharmonie, mittendrin die fabelhaften Solisten und der Rundfunkchor Berlin, der zwischen federleichtem Schweben und pathetischer Kraft spielerisch alle Facetten abdeckt. Eine Analyse, eine transparente Ausstellung der musikalischen Welt dieses Werks – wie sie so typisch ist für die Arbeit Rattles mit „seinem“ Orchester – finde diesmal nicht statt. Vielmehr geht es darum, eine These aufzustellen, die dann im zweiten Teil des Konzerts auf ihre Gegenthese trifft.

Spielen die Berliner Philharmoniker Kolokola erstmals überhaupt, ist Le Sacre du Printemps so etwas wie eine Signatur der Rattle-Ära (man denke an Rhythm is It!, die filmische Dokumentation von Rattles erstem Education-Projekt, dessen musikalische Grundlage eben dieses Werk bildete). Auch hier setzt Rattle diesmal auf hohe Lautstärke und maximale Kraftentfasltung. Man hat Le Sacre du Printemps auch bei Rattle schon subtiler, transparenter, analytischer gehört, aber eine solche Lesart passte nicht zur programmatischen Ausrichtung des Abends. Dem wohlklingenden Pathos Rachmaninows wollen Dirigent und Orchester die alles zerberstende Kraft dieses musikalischen Erdbebens entgegenstellen, die Herrschaft des alles verschlingenden Rhythmus, ja, auch die Brutalität dieser Musik. Das tost und wütet und poltert wie ein wütender Orkan, der die Überreste des Alten, Überkommenen aus der Philharmonie fegen will. Da darf es gern ein bisschen mehr sein – mehr Lautstärke, mehr Kraft, mehr Fülle. Natürlich bleiben dabei einiges auf der Strecke – das provozierend Neue an dieser alle zuvor geltenden regeln überschreitenden Musik deutet sich in dieser Lesart nur an, die erschütternde Kraft von Le Sacre du Printemps bleibt jedoch ungebrochen.

Es ist ein erneutes Zeugnis für die Ausnahmestellung dieses Orchesters, das es seine Interpretation sogar an den programmatischen Kontext des Konzerts anzupassen in der Lage ist. Und auch die individuelle Qualität der Philharmoniker darf zuweilen aufscheinen, etwa in den trotzigen Englischhorn-Soli Dominik Wollenwebers in Kolokola und dem sehnsüchtig-verlorenen Gesang von Daniele Damianos Fagott zu Beginn von Le Sacre du Printemps. Wo viel Licht, da ist  zumindest hier aber auch ein bisschen Schatten. Auch wenn man die gewollt plakative Interpretation der beiden Hauptwerke akzeptieren kann, drängt sich ein „Verlierer“ des Abends auf: Strawinskys Sternenkönig (Le Roi des Étoiles), diese rätselhaft magisch dahin irrlichternde Miniatur, die so etwas wie die Brücke zwischen Rachmaninow und Strawinskys ungleich bekannterem Werk bilden soll und, unmittelbar nach der Pause gespielt, doch etwas untergeht. Zu separat treiben Orchester und Chor neben einander her, zuwenig schenkt Rattle der fragilen musikalischen Vielfalt des Stücks Beachtung, zumal es sich für die kraftvoll plakative Spielweise, die den Abend ansonsten bestimmt, nicht eignet. Und so geht das faszinierende Stück ein wenig unter, bleibt Fußnote an diesem Abend, der über weite Strecken ebenso diskussionswürdig wie konsequent ist.

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