Der Illustriertenwieger

Rainald Grebe: Dada Berlin, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Rainald Grebe)

Von Sascha Krieger

Georg Schramm liest ihm die Leviten, Armin Petras wünscht alles Gute, Anke Engelke fühlt sich überrumpelt und Kurt Krömer will lieber unerkannt bleiben. Rainald Grebes neuer Abend, sein mittlerweile dritter am Maxim Gorki Theater, beginnt mit Videoeinspielern prominenter Kollegen und des Hausherrn und schnell ist der Rahmen abgesteckt. Endlich soll auch Rainald Grebe seine eigene Show bekommen, dieser Großmeister des Absurden, Seismograph des Bio-Bürgertums, Archäologe der Sushi-Selbstversorger und Holzspieleug-Verfechter, Chronist der Generation Prenzlauer Berg. Und doch, so einfach ist das nicht, die meisten Ideen hat der RBB gleich abgelehnt und so dreht man erst einmal einen Piloten, in der Hoffnung – oder ist es Angst? – jemand könnte interessiert sein. Ein Kind soll ein Thema auswählen und die Wahl fällt auf Dadaismus. Nun gut, also befassen wir uns mit jener Kunst, die nicht Kunst sein wollte, die aus der Kunst heraus die Kunst bekämpfen und ihr überkommenenes Wertesystem über den Haufen werden wollte. Und warum auch nicht? Wer wäre dafür besser geeignet als der radikale Sinn-Entzieher Grebe?

Dada Berlin Rainald Grebe

Rainald Grebe und die „Golden Gorkis“ (Foto: Thomas Aurin)

Zunächst aber wird es ernst. Cristin König doziert schneidend-herablassend über die Geschichte des Dadaismus und fragt die in den Zuschauerreihen verteilten Mitglieder der Senioren-Schauspielgruppe „Golden Gorkis“ auf herrische Weise ab. Wir sind nicht zum Spaß hier, dieser Dadaismus ist eine ernste Angelegenheit. Natürlich wären wir nicht bei Grebe, wenn es so bliebe. Und doch schwebt über dem Titel des Abends ein großes Fragezeichen. Denn je öfter Grebe fragt, was denn von Dada geblieben sei, was uns diese längst vergangene Rebellion noch zu sagen habe, desto mehr versteht man, dass sich die Frage nur mit einem Schlüsselbegriff der Dadaisten beantworten lässt: Nichts. Und vielleicht hat ja Heinz-Rudolf Kunze (ebenfalls per Videoeinspieler) Recht, wenn er sagt, dass die Wirklichkeit Dada längst überholt habe, denn was sei schließlich absurder als die Tagesschau?

Gleich über Bord werfen will Grebe das Thema dann aber doch nicht, und so schickt er Holger Stockhaus im Dada-Kostüm Hugo Balls auf die Bühne, stellt einen Verkaufsstand auf den Alexanderplatz (Dada – 1 Euro), lässt Valeri Scherstjanoi über Lautpoesie referieren und führt das jahrhundertealte und doch fast vergessene Handwerk des Illustriertenwiegens vor. Doch all das sind wenig mehr als Pflichtübungen, so zufällig, wie das Thema der „Sendung“ auswählen lässt, so zufällig wirkt es auch und ist letztlich wenig mehr als ein schöner Ausgangspunkt für eine weitere seiner Reisen in das Innere der Absurdität, die wir so gern „Wirklichkeit“ nennen.

Denn, so fragt er uns, was ist ein adastisches Lautgedicht gegen eine Folge von „Landlust TV“? Vor einem Video der Originalsendung wird die Episode nachgespielt, in welcher der Zuschauer erführ, wie man Lavendelsäckchen bastelt. Die Verstärkung des Nachspielens wäre gar nicht nötig gewesen, die Vorspiegelung hohler Authentizität spricht für sich selbst. Diese Sehnsucht des modernen Großstädtern nach dem vermeintlich echten hatte Grebe schon in seinem ersten Gorki-Abend Zurück zur Natur thematisiert und sie bleibt auch hier ein Lieblingsthema, das er genüsslich durchspielt.

So bekommt auch die neue deutsche Liedermachergeneration der Marke Tim Bendzko mit ihrer zur Schau getragenen gefühlig-verletzlichen Ehrlichkeit mehr als ihr Fett weg. Am schlimmsten trifft es Philip Poisel, dessen meterdicke Melancholie genüsslich vorgeführt und wiedergekäut wird – am Ende wird wohl so mancher Zuschauer die tränennasse mehrfach variierte Zwischenansage Poisels nachsprechen können – wenn auch sicher nicht so virtuos wie der grandios wandelbare Holger Stockhaus. Dabei sind weniger die Poisels und Bendzkos Zielscheibe des Grebeschen Spotts als die an seinen Lippen hängenden Anhänger, eine jüngere Version der Millionen Landlust-Leser, Authentizitätsflüchtlinge, Exilanten im „wahren Leben“ auch sie.

Höhepunkt des abends ist sicherlich Stockhaus‘ grandiose Persiflage des Fernsehmallehrers Bob Ross, der mit seiner die Lust am Ursprünglichen bedienenden Maltechnik für alle heute mehr denn je durch die BR-Alphas der deutschen Medienlandschaft geistert. Schnell steigert sich Stockhaus-Ross in einen Rausch, der ihn von den“happy little clouds“ auf geradem Wege zu Pollock-artigen Farbverteil-Exzessen führt. Die suche nach dem Echten als Manie, als Obsession, als Selbstbetrug – unterhaltsamer und zugleich prägnanter lässt sich das kaum illustrieren.

Und so funktioniert der Abend vor allem als Abfolge solcher Bruchstücke, als Sketchparade und Nummernrevue des alltäglich Absurden. Dada interessiert nicht weiter und das TV-Format ist auch vor allem illustrativ zu werten – einen passenderen Rahmen für die Hitparade des Absurden gibt es wohl nicht. Ein Theatermacher im herkömmlichen Sinn ist Grebe nicht, aber das stört auch nicht besonders. Problematischer ist ein gewisser Stillstand, eine vor allem im Vergleich zu früheren Arbeiten nicht zu übersehende Ideenarmut – oder ist es Faulheit? Letztendlich reitet Grebe immer das gleiche Pferd, von dem am Ende nicht ganz klar ist, ob es nicht vielleicht schon tot ist. Natürlich ist vieles an dem, was uns in der modernen Großstadt begegnet, absurd, aber das wussten wir vorher schon. Nicht zuletzt von Rainald Grebe.

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