Unter Hochspannung

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Andris Nelsons mit Werken von Britten,Widmann, Debussy und Ravel

Von Sascha Krieger

Vielleicht hätte sich Andris Nelsons für sein Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern statt des klassischen Schwarz einen Blaumann überziehen sollen. So wie er fast zwei Stunden lang das Orchester unter Starkstrom setzt, wie er aus den vier so unterschiedlichen Werken des Abends, zwischen denen mehr als 100 Jahre liegen, jedes noch so kleine Stückchen musikalischer Spannung herausholt, ist so atemberaubend, dass man zuweilen um die Gesundheit von Orchester und Dirigent fürchten zu müssen glaubt. Gerade zwei Jahre ist es her, dass Andris Nelsons sein Debüt bei den Philharmonikern gab (damals mit einer messerscharfen Achten von Schostakowitsch) und doch ist er aus den jährlichen Spielplänen nicht mehr wegzudenken, im Sommer durfte er sogar das Waldbühnenkonzert des Orchesters bestreiten. Wie sehr die Chemie stimmt zwischen dem Orchester (in dem an diesem Abend eine rekordverdächtige Zahl seiner Solisten und Stimmführer spielen – bei Bässen und Celli sind sie sogar vollständig), zeigt dieses Konzert, das von der ersten bis zur letzten Note unter Hochspannung steht – und nicht zuletzt deshalb hoch spannend ist.

Das beginnt beim Eröffnungsstück, der Passacaglia aus Benjamin Brittens Oper Peter Grimes. Kaum hörbar, wie aus einem nicht sichtbaren Untergrund heraus schälen die tiefen Streicher zunächst jenes Bassmotiv hervor, das für die Titelfigur steht. Sachte und verletzlich, mit fast naiver Leichtigkeit legt sich die Solo-Bratsche darüber, die „Stimme“ von Grimes‘ Lehrjungen, der die Handlung ebensowenig überlebt wie die Titelfigur. Unentrinnbar gerät bei Nelsons der Spannungsaufbau, die Katastrophe ist vorbestimmt, sie klingt schon in der präzisen Monotonie der Eröffnung an und wird spätestens in den grellen Höhen der Streicher spürbar, die den Philharmonikern so erschütternd schrill geraten, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Der Spannungsaufbau ist nicht überhastet, aber von unerbittlicher Konsequenz, zuweilen befürchtet man, das ganze Klanggebilde würde gleich zerbersten. Die angekündigte Katastrophe entlädt sich mit solch präziser Schärfe, mit solch ungefilterter Brutalität, dass der Zuhörer die Erschütterungen der Musik physisch zu spüren vermeint. Wobei es das geisterhaft schwebende Spiel der Celesta am Schluss ist, das vielleicht noch tiefer ins Mark des Zuhörers dringt.  Was die Symbiose von Dirigent und ihm minutiös folgendem Orchester aus diesem Zwischenspiel herausholt, lässt für den Rest des Abends Großes erhoffen. Und sie enttäuschen nicht.

Als Nächstes ist Jörg Widmanns Violinkonzert dran, ein einsätziger 30-minütiger Perforceritt, bei dem der Solist durchgängig spielt. Die Aufgabe erledigt Christian Tetzlaff, für den das Stück geschrieben wurde, bravourös. Die kantablen Passagen gelingen ihm ebenso selbstverständlich wie die abrupten Brüche, er lässt sein Instrument singen, nur um ihm gleich darauf, gequälte, schreiende, gleißende Töne abzufordern. Das Stück gewinnt seine Spannung zum einen aus diesen ständigen Umbrüchen, aber auch den zum Teil schmerzhaft langen Pausen, die alles gerade Entstandene sogleich wieder umstürzen. Nelsons‘ Dirigat und Tetzlaffs Spiel gelingt es gleichermaßen, die Spannung über 30 Minuten ohne Unterbrechnung aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig ist auch das Verhältnis von Solist und Orchester von einer subtilen Spannungsdramaturgie geprägt, die keinerlei Verschnaufen zulässt und beide zwischen Partnerschaft und Widerstreit hin und her wechseln lässt.

Auch nach der Pause lässt die Intensität nicht nach. Dabei lässt Nelsons bei Debussys impressionistischem Meisterwerk La Mer die Zügel etwas lockerer, gibt dem Orchester viel Raum, den Reichtum der Klangfarben und rhythmischen Ideen voll auszuloten, durchzuspielen und die Farbenpracht auf der klanglichen Leinwand der Philharmonie auszubreiten. Nelsons nimmt genau diesen Reichtum, der vor allem im zweiten Satz zuweilen ins Fragmentarische gleitet, als Material für den Spannungsaufbau, führt gerade dieses gleichberechtigte Nebeneinander des Disparaten zum Dialog, zur Auseinandersetzung, zur Verweigerung nur faszinierender Klanglichkeit. Das Speil des Meers, das Debussy hier darstellen will, ist auch eine Geschichte ständigen Werdens und Vergehens, dauernder Zerstörung, des Flüchtigen, eine Geschichte, die Nelsons und das Orchester nuancenreich und immer mit einem Bein über dem Abgrund erzählen. Das funkelt und flimmert und hat doch immer die eigene Auslöschung schon mit im Gepäck.

Ravels La Valse ist dann die konsequente Fortsetzung. Was ursprünglich als Hommage an den Wiener Walzer geplant war, wurde unter dem Eindruck des ersten Weltkriegs zum Totentanz. Nelsons macht daraus ein Geisterspiel, in dem die Gespenster des Gewesenen verstörend ihre Runden drehen und anklagend die sinnlose Zerstörung ihrer Welt vor sich hertragen. Fragmente sind es zunächst nur, Bruchstücke, aus denen sich langsam und geisterhaft der Walzer erhebt, fahl und totenbleich, fernab jeglicher Schwelgerei. Das Gespenstische dieser Beschwörung einer zerstörten Welt, einer unwiederbringlich verloren gegangenen Harmonie füllt den Saal und entwickelt einen Sog, der das Frösteln der Passacaglia wiederbringt und noch intensiviert. Es ist ein fulminanter Abschluss eines Konzertes, das in seiner Intensität selbst mit diesem Orchester nicht alle Tage zu erleben ist.

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