Raum der Erinnerungen

Foreign Affairs 2012: Pueden dejar lo que quieran von Fernando Rubio

Von Sascha Krieger

Ein Raum aus Kleidung: die Wände aus Kleidungsstücken, die Vorhänge, welche den Raum unterteilen, aus Kleidungstücken, der Boden von Kleidungsstücken bedeckt. An ihnen Zettel, die Geschichten erzählen, ihre Geschichten, Erinnerungen, die mit ihnen verknüpft sind. Es ist ein magischer Raum, den der argentinische Theatermacher Fernando Rubio geschaffen hat, ein Raum Objekt gewordener Erinnerungen, aber auch einer des Verlustes. All die Hemden und Blusen und Jacken und Kleider,  sie gehörten einst Menschen, waren Teil ihrer Identität, Menschen, die nicht hier, die vielleicht gar nicht mehr da sind. Ein Raum auch der Leere, obwohl er so voll ist von Kleidung, Geschichten, Erinnerungen. Ein Raum, in dem das Abwesende, die Abwesenden, präsent sind und bleiben.

Foreign Affairs Fernando rubio

Foto: Santiago Pianca

Sechs Darsteller erzählen eine Geschichte. es ist die eines Mannes, der seine Familie verlor und ihre Kleidungsstücke in der Wohnung ausbreitet, versehen mit den zugehörigen Geschichten auf angehefteten Zetteln. Wie die Kleidungsstücke die Wohnung füllen, füllen die Geschichten, die Erinnerungen ihn, bringen ihn zurück ins Leben, befreien ihn auch aus der Isolation. Und so wird die Geschichten erzählende Kleidung für ihn zum Kommunikationsmittel, das Menschen zusammenbringt, einsame Menschen, Menschen voller Narben, voller Sehnsucht nach Nähe.

Die Darsteller wechseln einander ab im erzählen dieser Geschichte, die zunächst aus kaum Sinn ergebenden Fragmenten der Fremden besteht, die sich nur langsam zu einer Geschichte, der Geschichte des abwesenden Kleider sammelnden Mannes zusammenfügt und die auch die ihre ist, weil es unser aller Geschichte ist. Mal sprechen sie wie öffentlich in ein Mikrofon, um sich darauf in kleine Räume zurückzuziehen, in denen die Grenzen zwischen Darstellern und Zuschauern verschwimmen, auch weil sie einander so nahe kommen. es sind Momente großer Intimität, in denen tatsächlich so etwas wie Nähe, wie eine flüchtige, aber deutlich spürbare Verbindung entsteht.

Überhaupt entfaltet der Abend seine Wirkung nicht über das Erzählte. Die leisen, kaum hörbaren Stimmen, die erzählen, erinnern, hervorholen, lebendig machen, zählen mehr als das was sie sagen. Es sind Stimmen von Menschen, die diesen Räumen einen Sinn zu geben versuchen, die sich fremd fühlen in diesem Raum und in ihrem Leben. Dieses Gefühl der Entfremdung thematisiert auch der Text und doch ist es vor allem in diesen leisen, tastenden, andere Stimmen suchenden Stimmen präsent. Es ist ein Fremdsein in einer Welt des Verlusts, der aber eben nicht nur die anderen betrifft. Es ist der Verlust des Selbst, das sich so schwer wiederfinden lässt.

Am lautesten sprechen jedoch die Kleider. Ihre Geschichten erfüllen den Raum, sie sind überall, an ihnen lehnen wir, auf ihnen ruhen unsere Füße. Sie sind Stoff gewordene Erinnerungen, das, was wir hinterlassen (im Sinne des Titels), sie stehen für das, was war, aber auch für das, was ist. Und sie eröffnen einen Raum, der weit über die Geschichte des einsamen Mannes und die der zusammenfindenden Fremden hinausreicht. Natürlich stehen hier auch die „Verschwundenen“ im Raum, jene Opfer der argentinischen Militärdiktatur, die ihren Familien, ihrem Leben, ihrer Welt entrissen wurden und von denen oft nur Erinnerungen blieben – und eben das, was sie zurückließen. Uns schlussendlich sind das auch unsere Kleider, das, was wir einmal hinterlassen werden, die Geschichten, an die sich vielleicht jemand erinnern wird, spielen wir auch in diesem Stück, eben weil es das unsere ist, stehen wir in diesem Raum, der so fremd ist und doch alles, was wir haben.

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