Pollesch, übernehmen Sie!

Foreign Affairs 2012: Die Zeit schlägt dich tot von Fabian Hinrichs

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist die Idee ja ganz witzig: Machen wir doch mal einen René-Pollesch-Abend ohne René Pollesch! Schließlich hat Fabian Hinrichs jetzt genug dieser Polleschschen Diskurs-Solos gemacht, da geht das jetzt auch allein. Gesagt getan und so doziert Hinrichs fast eineinhalb Stunden lang auf einem Stück Rollrasen über den Zustand der Welt, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Lebens in der Stadt, die fortschreitende Vereinsamung des Menschen und die Sehnsucht, die sich in den Worten Bahn bricht: „Da muss doch noch mehr sein!“ Dabei tänzelt, hüpft und rennt Hinrichs wie von Pollesch bekannt über die Bühne, meist im Kreis, und erscheint dabei wie eine knuffig-seltsame Mischung aus Puck und Laienprediger. Die Energie, die schelmische Fröhlichkeit steckt an und kann doch nur kurzzeitig darüber hinwegtäuschen, dass das Ganze doch auf sehr tönernen Füßen steht. Wo Pollesch die größten und kleinsten Fragen stellt, miteinander verwebt, theoretische Konstrukte aufeinander prallen und sich immer wieder assoziativ befruchten lässt, herrscht bei Hinrichs ein eher platter Kulturpessimismus, ersetzen Satz- und Wortwiederholungen die anarchisch-kreative Kraft der Sprache und versucht Fernsehprediger-Pathos Relevanz vorzugaukeln. Das Pollesch-Theater braucht dann eben doch seinen Namensgeber.

Fabian Hinrichs Foreign Affairs

Fabian Hinrichs (Foto: William Minke)

Aber noch mal von vorn: Hinrichs eröffnet den Abend irgendwo zwischen Faust und Tarzan. Er erscheint im die Muskelpartien des menschlichen Körpers darstellen Kostüm, auf einer Schaukel schwingend, beschwört die Geister des Theaters und spricht mit gewollt hohlem Pathos den Eröffnungsmonolog von Hölderlins  Empedokles, die Geschichte des aus der Stadt Vertriebenen, der den weg zurück zur Natur gefunden hat. Das bereitet etwas plakativ den Grund für den Rest des Abends, wo es vor allem um die Stadt geht, die Entfremdung des modernen Menschen, seine Vereinsamung und Vereinzelung. Einmal zeigt er reihenweise auf einzelne Zuschauer und sagt jeweils in todernstem Ton, als würde er ein schreckliches Urteil verkünden: „Einsam!“

Die Technikgläubigkeit kriegt ihr Fett weg, die Unfähigkeit des sich mit seinem goldenen Käfig arrangierenden Menschen zum Zorn ebenso. In Hinrichs Weltsicht ist der Städter ein immer neuen reizen hinterherjagendes Kleinkind, dessen Lebens- und Unzufriedenheitsmotto sich so zusammenfassen lässt: „Ich will das nicht mehr. Früher wollte ich das, aber jetzt will ich es nicht mehr.“ Eine Gesellschaft im Sandkasten, die erst nach dem tollen neuen Spielzeugbagger schreit, um ihn nach ein paar Minuten achtlos im Sand liegen zu lassen. Das ist witzig, unterhaltsam, auch schlüssig und doch ein bisschen sehr banal. Besser wird es nicht.Da hilft auch nicht die fabelhafte Band um den Element-of-Crime-Gitarristen Jakob Ilja, die hier den Soundtrack gibt, deren Musik aber auch nichts weiter sagen darf, außer ein bisschen zu illustrieren. Die Band wird lauter, aha, wir sind im Empörungsmodus, jetzt wird es ruhiger, okay, umschalten auf Verzweiflung und Sehnsucht. Alles klar.

Man kann Hinrichs auch nicht vorwerfen, den Blick einzuengen. Er stellt durchaus die großen Fragen vom leben und seinem Sinn, von der Möglichkeit letzteren oder der Notwendigkeit, sich die eigene Sinnlosigkeit einzugestehen. Nur bleibt eben bei der ganzen Versuchsanordnung immer Pollesch im Hinterkopf und mit zunehmender Dauer wird das Fehlen seines intellektuellen Furors immer schmerzhafter spürbar. Da werden die kuturkritischen Aussagen nicht durch den Fleischwolf der Theorien gedreht, sondern schlicht ausgestellt. wenn die Zuschauer aufgefordert werden, sich zu ihrem Nachbarn zu drehen und ihm oder ihr zu sagen „Du siehst gut aus!“, lasst sich das natürlich als Kommentar auf den Individualismus unserer Gesellschaft, auf die Anonymität unserer Städte interpretieren, aber es bleibt dann eben doch reichlich oberflächlich.

Dabei hat der Abend durchaus nette Ideen und zählt Hinrichs Mut zur Albernheit zu seinen Stärken. Wenn er minutenlange Stille verordnet, wohl um die zwanghafte Hektik unserer Zeit zu illustrieren, und sich in eine Art Sauna-Umhang zurückzieht, oder wenn er mit einem Hüpfball, auf dem „ICH“ steht, über die Bühne fegt, nur um aus diesem – und damit aus dem aufgeblasenen Ich-Begriff unserer Gesellschaft – die Luft rauszulassen, ist das ein schönes Bild, das aber eben auch allzu leicht zu lesen und zur Seite zu legen ist. Und irgendwie macht es auch gerade deutlich, dass aus diesem Abend schon längst die Luft raus ist. An seinem Ende steht – vermutlich als positive Note gemeint – das Postulat der den Menschen antreibenden Sehnsucht. Bei so manchem Zuschauer wird diese sich auf René Pollesch fokussiert haben. Pollesch, übernehmen Sie!

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Ein Gedanke zu „Pollesch, übernehmen Sie!

  1. Hans Gans sagt:

    Hinrichs hat schon Solo-Abende gemacht, bevor er zu Pollesch gefunden hat (oder wohl eher andersrum) Seine Performances gleich als Pollesch-Theater zu bezeichnen ist extrem bescheuert und zeigt wie Kritiker immer wieder Schauspieler unterschätzen

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