Bis zum letzten Atemzug

Foreign Affairs 2012: En Atendant von Anne Teresa De Keersmaeker

Von Sascha Krieger

Die Bühne ist leer. Aus dem Hintergrund kommt ein Mann heran, in seiner Hand eine Querflöte. Am Bühnenrand angekommen bleibt er stehen. Ganz langsam hebt er die Flöte zu seinem Mund, es wird Minuten dauern, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Er atmet tief ein und aus. Je mehr sich die Flöte seinem Mund nähert, desto melodiöser wird sein Atmen, reflektiert, verstärkt, gebrochen durch das Instrument. Auch nachdem er die Flöte angesetzt hat, bleibt der Rhythmus des Atmens bestehen, mischen sich immer höhere Töne mit einem tief grummelnden Fundament. Der menschliche Atem wird auch am Ende des Stücks der belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaker das letzte sein, was der Zuschauer vernehmen kann. In fast völlige Dunkelheit ist dann die Bühne getaucht, darauf, fast unsichtbar ein einsamer Tänzer, nackt. Nur sein Atem ist noch zu hören. Das Stück endet mit dem letzten vernehmbaren Atemzug. Man kann in En Atendant einen Lebenszyklus erkennen, vom ersten bis zum letzten Atemzug, vom Licht der Welt, das man bekanntlich bei der Geburt erblicken soll bis zur Rückkehr in die Dunkelheit. Es ist ein Abend der von seinen Enden her zu denken ist und dort auch am besten funktioniert. Dazwischen gibt er sich zuweilen sperrig und erschließt sich streckenweise wohl nur echten Tanzthaterfachleuten, er hat auch ein bisschen viel Leerlauf und ergeht sich in zahlreichen Wiederholungen. So mancher Besucher gibt denn auch auf, ob aus Überforderung oder Langeweile, doch wenn man sich darauf einlässt und vielleicht auch nicht versucht, alles verstehen und ergründen zu wollen, hat En Atendant, der in Avignon in der Abenddämmerung bei natürlichem Licht uraufgeführt wurde und ich der „wahren“ Dunkelheit der Nacht endete, eine Reihe unglaublich intensiver und nahe gehender Momente.

Anne Teresa De Keersmaeker En Atendant

Foto: Anne Van Aerschot

„Mein Gehen ist mein Tanzen“, sagt De Keersmaker, und tatächlich ist das Gehen die Grundbewegung, die Basis ihres Tanztheaters und insbesondere dieses Abends. Gegangen wird schnell und langsam, entspannt, suchend oder agressiv, einzeln oder als Gruppe, gegen- und miteinander. Wie das atmen ist das Gehen ein grundlegendes Lebenselement – wo Atmen die Basis für das Leben selbst ist, bildet das Gehen jene jeglicher Bewegung. De Keersmaker beginnt auch hier beim Grundlegenden und lässt daraus immer komplexere Bewegungsformen entstehen. Zumeist wird allein getanzt doch mit zunehmender Dauer bilden sich Grüppchen, werden Paare gebildet, zunächst in einiger Entfernung, später immer enger an einander. Zuweilen bilden sich Körperknäuel, nur um gleich wieder auseinander zu fallen.Auch hier lässt sich der Lebenszyklus herauslesen, die Beziehungen, die wir eingehen, die Notwendigkeit, Teil einer Gemeinschaft zu werden und doch immer wieder der Rückfall aufs Individuum. Der Abend beginnt mit einer einzelnen Gestalt und er endet auch so.

Das musikalische Rückgrat von En Atendant bildet die Musik der Ars subtilior, eine weltliche oder geistliche Musik des 14. Jahrhunderts, vor der Entstehung der klassischen Harmonik. Heute wirkt sie archaisch, sperrig, mystisch und entfaltet doch gerade deshalb eine besondere Magie. De Keersmaker lässt sie von einer Sängerin und zwei Musikern aufführen, doch sie bleibt an diesem Abend auf Distanz. Das liegt auch daran, dass sie erst später dazu kommt, die Tänzer dann aber schon ihren Rhythmus, ihre Sprache gefunden haben, so dass die Musik Fremdkörper bleibt. Am intensivsten ist der Tanz denn auch immer dann, wenn die Musik schweigt, wenn die Körper den Rhythmus geben, wenn der Klang der Füße auf dem Bühnenboden seine eigene Musik schreibt. Es ist die Stille, die hier den Ton angibt, die am intensivsten klingt, die den Lebenskampf dieser einsamen Körper am stärksten spürbar macht.

So überzeugend der Rahmen, so intensiv er zuweilen ist, so sehr wirkt der Abend über längere Strecken ein wenig zu hermetisch, scheint sich der Tanz vor allem auf sich selbst zu beziehen. Und so wird das alles auf die Dauer ein wenig anstrengend und ermüdend, auch weil sich Musik und tänzerische Sprache etwas zu oft wiederholen, die durchaus vorhandene Entwicklung lange Pausen nimmt. Und doch lohnt es sich dabeizubleiben, den Einbruch von Dunkelheit und Stille in all seiner verstörenden Intensität mitzuerleben und selbst zu spüren. En Atendant ist kein Abend, der es dem Zuschauer leicht macht, aber es ist auch keiner, den man so leicht wieder vergisst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: