Spielzeugsoldaten im Wald

Foreign Affairs 2012: 300el x 50 el x 30 el von FC Bergman

Von Sascha Krieger

Vielleicht liegt hier ja der Schlüssel zur ersten Ausgabe des neuen Berliner Festivals „Foreign Affairs“. Vielleicht ist es ja in erster Linie das Festival der Holzhütte. Vor dem Haus der Berliner Festspiele steht eine, vom japanischen Künstler Koyohei Sakaguchi gebaut, in welcher der italienische Pianist Marino Formenti lebt und täglich zwölf Stunden lang spielt und all jene zu außergewöhnlichen Erlebnissen und Sinneserfahrungen einlädt, die sich auf diesen Zwischenraum zwischen Innen und Außen, zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit, diesen durch Musik geschaffenen Raum mit seiner ganz eigenen musikalischen Zeit einlassen wollen. Und drinnen, im großen Saal des Festivalgebäudes standen zwei Tage lang sechs Holzhütten auf einer laubbedeckten Lichtung vor der Andeutung eines Fichtenwaldes und sorgten für ein vollkommen wortloses und ungemein intensives und betörendes Theatererlebnis. Vielleicht liegt das Geheimnis ja tatsächlich in der Holzhütte.

FC Bergman Foreign Affairs

Foto: Sofie Silbermann

Es ist eine Art Niemandsland, eine abgeschottete Welt, eine Welt des Stillstands, in der jegliche Bewegung nur kreisförmig ist und sein kann. Dafür steht der Kamerawagen, der unermüdlich um die Bühne herumgezogen wird, gegen Ende immer schneller und bis zur Erschöpfung der den Wagen Ziehenden und Schiebenden. Und vielleicht sind auch die hochroten Köpfe und der schwere Atem, mit denen sie den Applaus entgegen nehmen Teil des Konzepts. Vom Zuschauerraum gesehen sind die sechs Hütten verschlossen, Einblicke gewinnen wir durch die Kamera, die auf ihrer Fahrt kurze Momentaufnahmen gewährt, bevor sie eine Hütte wieder verlässt und unseren Schlüssellochblick auf und in die nächste zu lenken. Was wir sehen, sehen Szenen der Erstarrung, wie sie der Mann im Bühnenvordergrund abgibt, der fast den ganzen Abend über regungslos mit Angel vor einem kleinen Wasserloch sitzt. In den Hütten finden sich familiäre und andere Gruppen, die wenn sie überhaupt noch kommunizieren einander quälen. Und gequält wird viel: Da ist die junge Frau, die immer wieder die gleiche Melodie auf dem Klavier spielen muss, der schmächtige junge Mann, der die lebende Zielscheibe für seine Mitbewohner abgibt, die Familie, die alles dem unstillbaren Appetit der Mutter unterordnen muss und deren Sohn in eine allein gelassene Hütte flüchtet, wo er anfängt, die dort gehaltene Taube zu quälen.

Es sind Bilder des Stillstands, der Ausweglosigkeit, die zunehmend ins Surreale gleiten und in denen sich Lächerlichkeit und Lachen immer mit Verstörung und Entsetzen die Waage halten. Denn unter aller Absurdität der immer bizarrer werdenden Bilder, die FC Bergman finden, gähnt immer die kaum fassbare Leere dieses Lebens. FC Bergman finden dabei eine feine Balance aus groteskerÜberzeichnung und kaum erträglicher Trostlosigkeit, die keine Langeweile aufkommen lässt, Lachen erlaubt, aber immer die Gefahr birgt, in Entsetzen und Verzweiflung zu kippen.

Gemeinschaft gibt es keine. Nur wenn etwas Außergewöhnliches passiert, etwa ein totes Schaf aus dem Teich geborgen wird, verlassen sie ihre Häuser, starren reglos auf die Szene, ohne die anderen wahrzunehmen und kehren zurück in ihre Mikrokosmen. So voll die Hütten sind, so einsam sind die Menschen, unfähig, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen. Nur einer versucht das, ein etwas infantil wirkender Mann, der mit Spielzeugsoldaten und Feuerwerkskörpern Krieg spielt und mit der Klavierspielerin, in die er sich verliebt hat, fliehen will, nur um von dieser verraten zu werden. Am Ende wird er dieser Gemeinschaft zum Opfer fallen, die dann doch noch so etwas wie Gemeinsamkeit entwickelt, in immer obsessiver werdenden quasireliösen Gebets- und Selbstkasteiungsritualen, welche die Leere nicht füllen, sondern nur noch sichtbarer machen. Und doch ist er derjenige, der übrigbleibt, der nicht eingepasst wird, der Individuum bleibt – anders als die 80 Statisten, die zunächt still stehen, inmitten der zwanghaften Ritualhandlungen, bevor sie dann doch einstimmen.

300el x 50 el x 30 el ist ein ungewöhnlicher Abend, der ganz ohne Sprache einen kaum entrinnbaren Sog entwickelt, der auf unerhört poetische Weise ein Bild malt von der Conditio Humana, von Menschen, die ihrem Leben nicht entrinnen können und vermeintlich sinnstiftende Gemeinschaftsrituale suchen, die sie ihrer Einsamkeit jedoch nie entheben. Und doch gibt es ihn, den Gegenentwurf, der zwar scheitert, aber gerade in seinem Scheitern triumphiert. Es geht um das Bemühen, so sagen die Macher im Programmheftinterview, dem Bemühen zu leben, das Leben als machbares zu betrachten – im vollen Bewusstsein, dass jedes Leben letztlich scheitern muss, weil es mit dem Tod, der Auslöschung seiner selbst endet. Und doch kann gerade hierin – das deuten die berückenden Bilder des Abends an – so etwas wie Schönheit oder vielleicht gar Sinn liegen. 300el x 50 el x 30 el ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Blick auf das Leben, pessimistisch, vielleicht sogar ein wenig defätistisch und doch so menschlich, dass es zuweilen schmerzt. Neue Perspektiven auf die Welt wollte Frie Leysen, Leiterin von „Foreign Affairs“ ermöglichen – mit diesem Abend ist es ihr gelungen.

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