Wirklichkeitsraum Mehrzweckhalle

Yasmina Reza: Ihre Version des Spiels, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Da hat das Deutsche Theater einen wahren Coup gelandet. Völlig egal, dass Ihre Version des Spiels so gar nicht unter das Spielzeitmotto „Macht Gewalt Demokratie“ passen will, dem das Haus mit seinen ersten Premieren der Saison penibel gefolgt war. Eine Uraufführung der derzeit weltweit meistgespielten Dramatikerin überhaupt bekommt man nicht alle Tage. Und das obwohl Yasmina Rezas deutscher Stammregisseur Jürgen Gosch vor einigen Jahren verstarb und sie, wie sie es im Programmheft-Interview ausdrückt, „ein wenig verwaist“ gewesen sei. Und doch kommt Ihre Version des Spiels ganau hier auf die Bühne, zum einen, weil mehrere Versuche, es von Luc Bondy uraufführen zu lassen, zunächst in Wien, später in Paris, gescheitert waren, zum anderen, weil Reza hier mit Corinna Harfouch ihre Wunschbesetzung für die Hauptrolle der Schriftstellerin Nathalie Oppenheim zur Verfügung hatte. Da ist es fast zweitrangig, dass Stephan Kimmig Regie führt – der Abend funktioniert genau solange, wie es Harfouchs Abend ist. Erst als Kimmig merklich die Regiezügel in die Hand nimmt, verliert er an Schwung und offenbart auch so manche Schwäche des Stücks, das dann eben doch nicht Kunst oder Der Gott des Gemetzels ist, Rezas meistgespielte Stücke.

Zunächst setzt Kimmig auf maximalen Realismus. Schauplatz des Stücks ist eine Mehrzweckhalle in der französischen Provinz, in der die scheue Starautorin Oppenheim bei einer vom örtlichen Bibliothekar veranstalteten Literaturreihe zu Gast ist. Dritte im Bunde ist die (über)ambitionierte Kulturjournalistin Rosanna, die als Moderatorin des Abends fungiert. Und so haben Kimmig und Bühnenbildnerin Katja Haß ein Lesungsauditorium aufgebaut, mit Zuschauerreihen auf der Bühne und Leinwand hinter den drei Tischen. Das Publikum muss warten, wärend Oppenheim eintrifft und den Saal inspiziert und darf sich erst setzen, wenn diese sich in die eigentlichen Stuhlreihen der Kammerspiele zurückgezogen hat. Derweil prüft Bibliothekar Roland (ebenso rührend linkisch und doch ernsthaft wie lächerlich schleimerisch: Alexander Khuon) die Beleuchtung und fährt die Leinwand herunter. Schon im Foyer hatten Plakate auf die Lesung hingewiesen das Publikum soll sich ganz in der dargestellten Situation wiederfinden.

Das passt durchaus zum Stoff, geht es hier doch in mehrfacher Verschränkung um die Rolle des Schriftstellers und insbesondere das Verhältnis von Wirklichkeit und Sprache, Wirklichkeit, die, wie Harfouch einmal sagt, erst im Schreiben, erst durch die Sprache entstünde. Wer spricht da? Oppenheim, ihre Romanfigur Gabrielle, auch sie Romanautorin, die im Buch wie Nathalie im Stück, gerade einen Romanveröffentlicht hat? Oder ist es gar Reza selbst, die so manches mit der die Öffentlichkeit scheuenden Nathalie gemein hat, weshalb auch das Interview im Programmheft streckenweise fatal an jenes auf der Bühne erinnert, in das Rosanna die widerwillige Autorin hineinzuziehen versucht. Und natürlich ist es dieses sich ständig dem Blick des Betrachters entziehende Spiel zwischen „wahrem Leben“ und Literatur, um das es hier geht. So wie Rosanna (Katrin Wichmann), diese selbstgerecht dauerlächelnde, arrogant-agressive Furie des Kulturjournalismus, Nathalie immer wieder nach dem autobiografischen Charakter ihres Romans befragt, befragt auch der Zuschauer das Stück nach einer möglichen Identität von Nathalie und ihrer Schöpferin. Während wir uns über Rosannas Penetranz empören, spielen wir insgeheim ihr Spiel mit, nur eben eine Ebene weiter.

Leider vernachlässigt Kimmig dieses Spiel mit den (Meta-)Ebenen, zeichnet die Figuren etwas zu eindimensional und karikaturesk – was vor allem dem im letzten Drittel auftauchenden von Reza durchaus differenziert angelegten Bürgermeister, den hier Sven Lehmann sehr unterhaltsam als hohlen Dampfplauderer gibt, nicht gut tut. Auch Wichmann und Khuon tun ihr bestes und doch verfällt der Abend mit zunehmender Dauer immer öfter in den Tonfall einer Parodie des Kunstbetriebs, die im Text natürlich angelegt ist, hier aber die spannende Kreis- und Zickzackbewegungen der Wirklichkeitskonzepte, auch des Gegen- und Nebeneinanders von öffentlicher Figur und privater Person, der scheinbaren Ununterscheidbarkeit von Fiktion und sogenannter Realität über weite Strecken überdeckt. Ihre Version des Spiels ist nicht die schonungslose Sektion bürgerlicher Fassaden, die Der Gott des Gemetzels so faszinierend macht, es bleibt näher an der Oberfläche, behält immer die Außensicht bei, ist von seiner Natur etwas boulevardesker. Um so wichtiger ist es, ein Gegengewicht zu haben, das es nicht in die plumpe abziehbildartige Kunstkarikatur abdriften lässt.

Dieses Gegengewicht hat der Abend und es heißt Corinna Harfouch. Wie sie zu Beginn wie ein scheues gehetztes Reh durch die Stuhlreihen irrt, ihr Gesicht immer wieder Fluchtbewegungen antritt, wie sie Angewidertsein in stolze Selbstbehauptung, Hilflosigkeit in Wut überführt, die Nuancen, mit denen sie in der Lage ist, alle Facetten der Scheu, alle Strategien der Behauptung des eigenen Schutzschildes zu spielen – das alles ist atemberaubend. Die Verletzlichkeit dieser Frau, die bemüht ist, sich selbst gegen die auf sie einstürmenden Fremdbilder zu verteidigen, die ihre Idee der Wirklichkeit, die Oberhoheit über ihr Leben einfordert, ist so direkt und intim, wie man es dem Theater kaum zutraut, und überträgt sich unmittelbar auf das Publikum. Hier ist ein Mensch, der seine Wirklichkeit gegen die Fiktion verteidigt, eine Fiktion, die sie selbst geschaffen hat und die jetzt gegen sie verwendet wird. All die Ebenen, die Kimmig vernachlässigt hat – in diesem Gesicht, der Verkrampftheit dies Körpers, seinem Eigenleben außerhalb vermeintlicher Kontrolle sind sie allesamt präsent.

Umso ärgerlicher ist es, wie der Abend nach Ende der Lesung kippt. Von einem Moment auf den nächsten verwandeln sich die Figuren in betrunkene Clowns, stürzt sich Roland ungehemmt auf die am Boden liegende Nathalie, feiert man eine enthemmte Orgie, die ein bisschen an eine außer Kontrolle geratene Party unter Jugendlichen erinnert. Weggefegt ist der ganze Realismus, der den Abend in der Balance gehalten und Harfouch die Grundlage für ihr Spiel gegeben hatte. Jetzt torkelt auch sie ziellos über die Bühne, ohne Sinn und Verstand und dekonstruiert mal schnell ihre Figure, so wie Kimmig Rezas Stück umkrempelt und dem Theateraffen noch einmal ordentlich Zucker gibt. Zum Rest des Abends passt das nicht, nötig gehabt hätte er das ohnehin nicht.

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Ein Gedanke zu „Wirklichkeitsraum Mehrzweckhalle

  1. […] haus als Uraufführungstheater profiliert. Und dabei wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Mit Yasmina Reza war zunächst die derzeit wohl weltweit gefragteste Theaterautorin überhaupt an der Reihe, jetzt […]

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