Raus aus der Dorfdisco

Foreign Affairs 2012: Mobile House von Kyohei Sakaguchi und Nowhere von Marino Formenti sowie Las Multitudes von Federico León

Von Sascha Krieger

Vor dem Haus der Berliner Festspiele steht derzeit ein Holzhaus. Hingestellt hat es der japanische Künstler Kyohei Sakaguchi. Drinnen lebt und spielt der italienische Pianist Marino Formenti – vier Wochen lang. Eine spannende Begegnung zweier Künstler und Künste – ganz so wie es Frie Leysen, Leiterin des neuen Festivals „Foreign Affairs“ vorschwebt, die dieses als genreübergreifendes Festival, als Begegnung von und mit Kunst verstanden wissen will. Ganz anders Las Multitudes, der Eröffnungsabend des argentinischen Regisseurs Federico León: ein verkitschtes, völlig banales Theatermärchen mit simpelster Botschaft. „Foreign Affairs“ ist gestartet – mit Licht und mit Schatten.

Mobile House

Das Mobile House von Kyohei Sakaguchi (Foto: Sascha Krieger)

Es ist ein faszinierendes Projekt, das Sakaguchi mit Mobile House und Formenti mit Nowhere realisieren. Der hier entstehende Raum aus Holz und Musik ist ein Dazwischen, er ist innen und außen gleichermaßen. Weit weg scheint die Welt da draußen, ganz musikerfüllt das Innere und doch findet das, was da ausgeschlossen scheint, immer wieder den Weg hinein – durch Geräusche wie aus der Ferne, das gelegentliche Öffnen der Türen, die Gesichter an der Scheibe, die wissen wollen, was da drin geschieht. Spannend zu beobachten auch die selbstauferlegten Schwellen, die so manchen Neugierigen dann doch davon abhalten einzutreten. Die Grenze ist äußerst fragil, immer durchlässig und doch ständig präsent. Und sie verlagert sich auch in die Besucher des Hauses, die kurzzeitig die Welt da draußen vergessen, nur um sie im nächsten Moment wieder voll und ganz wahrzunehmen. Haus und Musik sind noch bis Ende Oktober zugänglich, ein Besuch dringend zu empfehlen.

Nebenan, im Festivalgebäude, bietet der Eröffnungsabend leider ein ganz anderes Bild. Las Multitudes des Argentiniers Federico León ist ein Stück für 121 Mitwirkende, die meisten davon Laien, die León für dieses Projekt in Berlin gecastet hat. Sie bilden Gruppen, sortiert nach Alter und Geschlecht und verbringen einen Großteil des Abends damit, auf und von der Bühne zu rennen, vor einander weglaufend oder einander suchend. Es ist ein simpler Geschlechterkrieg, bei dem sich Männer mit Jungs und Frauen mit Mädchen verbünden und sich natürlich doch nach einem Miteinander sehnen. Und natürlich geht es immer um Liebe, die so schwer zu erreichen ist, letztlich aber, wie könnte es anders sein, gelingt.

Da läuft man mit Taschenlampen herum, tanzt Ringelreihen, schmiedet Pläne, versucht die Gruppen aufzubrechen oder besser noch zu vereinen, was am Ende natürlich auch gelingt, schließlich hat man gelernt, dass es besser ist, an einem Strang zu ziehen. Ja, der Satz fällt tatsächlich und er wird sogar mit einem Tauziehen illustriert.

Leóns Abend ist umwerfend banal, spielerisch wie grafisch unerträglich hölzern, die Texte triefend vor Kitsch inhaltlich und in seiner „Botschaft“ so simpel (León versteht ihn gar als Gesellschaftsutopie), dass der Zuschauer aus dem Staunen darüber gar nicht mehr herauskommt, wie es ein solches Projekt in dieses so ambitionierte Festival geschafft hat – und das auch noch als Eröffnungsabend. Am Ende mutiert der fröhliche Kindergeburtstag gar zur Dorfdisco, sodass man geneigt scheint, das Ganze als Scherz anzusehen, den man schlicht nicht verstanden hat. Dann lieber gleich zurück ins Holzhaus.

2 Gedanken zu „Raus aus der Dorfdisco

  1. […] man die erste mit “Zwischenmenschliche Beziehungen” überschreiben. Und so folgt auf Federico Leóns ärgerlich-banalen Liebesreigen jetzt Daisuke Miuras bereits sechs Jahre altes Stück, das zwar Liebe im Titel trägt, sich aber […]

  2. […] letzte Nacht geleitet, bis zum Licht des Morgens, in dem es bereits Geschichte sein wird. Was vor vier Jahren in Kyohei Sakaguchis “Mobile House” begann, endet hier, in einer dunklen, langen, langsamen kollektiven Geisteraustreibung von Forced […]

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