Erhellender Theaterdonner

Friedrich Schiller: Die Räuber, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Die Räuber? Welche Räuber? Viel ist nicht übrig geblieben von Schillers über alle Strenge schlagenden, alle Grenzen außer Acht lassenden Frühwerk, das allein die Epochenbezeichnung „Sturm und Drang“ rechtfertigen würde. An die Stelle des bei seiner Uraufführung im Jahr 1782 wie eine Bombe eingeschlagenen und in der deutschen (Theater)Literatur entsprechende Verwüstung hinterlassenden Rebellionsdramas setzt Antú Romero Nunes drei Monologe, reduziert das Personal, so sich davon überhaupt noch sprechen lässt, auf die feindlichen Brüder Franz und Karl sowie die von beiden begehrte Amalia. Hier ist kein Drama mehr, werden Szenen nur noch nachgespielt, die anderen Figuren erscheinen bestenfalls noch in der Nachahmung – meist karikaturesk überzeichnet – der drei Übriggebliebenen. Jeder erzählt, spielt die Geschichte aus seiner Sicht, probiert die Möglichkeiten aus, testet Gesten und Tonfälle. Die Räuber sind hier reines Theaterspielen und -hinterfragen und lenken gerade dadurch den Blick auf das, was in diesem unerhörten Stück steckt, auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Utopien, von Rebellion, von Leben.

Die Raeuber Maxim Gorki Theater

Michael Klammer als Karl Moor (Foto: Bettina Stöß)

Den Anfang macht Paul Schröder als Franz. Genüsslich spielt er die Motive seiner Figur, aber auch des Dramas in seiner Gesamtheit durch, probiert klassische Theaterposen ebenso wie groteske Überzeichnung, zieht die Figur des Vaters ins Greisenhaft-Lächerlicher und gefällt sich als ebenso eitler wie tyrannischer Selbstdarsteller. Selbst sein aus Desillusionierung gespeister radikal-materialistischer Egoismus ist wenig mehr als Pose. Schröder erweist sich als begnadeter Komödiant, der alle Register zieht, unter dessen Fassade sich jedoch die Leere nicht ganz verbergen lässt. Dieser Franz kann so chamäleonhaft alles sein, was er will, weil ihm die Mitte fehlt, er keinen Kern besitzt. Seine materialistische Ideologie ist nichts als Behauptung, Antú Romero Nunes und sein Darsteller finden in diesem Franz Moor einen durch und durch modernen Charakter vor, einen Orientierungslosen, Entwurzelten, der nur noch spielen kann, aber nicht mehr sein.

Aenne Schwarz als Amalia gehört wenig mehr als ein Zwischenspiel, das sie jedoch zu nutzen weiß. Virtuos changiert sie zwischen verzeifelter Sehnsucht und bewusstem Spiel mit der eigenen Begehrlichkeit. Auch sie ist eine Darstellerin, die eine Rolle spielt, von der sie glaubt, dass die Gesellschaft (wir?) sie erwartet. Auch sie spielt, erfüllt Erwartungen und manipuliert diese nach eigenem Interesse. Wie Franz ist sie eine Getrieben und doch ist sie auch Akteurin, schreibt sie ihre Version des Geschehens mit gehörigem Selbstbewusstsein, kein Opfer oder zumindest kein passives.

Dann ist Pause, so scheint es zumindest. Doch als sich die ersten Zuschauer, zögernd noch, entschlossen haben aufzustehen, bricht plötzlich gewaltiger Theaterdonner los, fallen Bühnenelemente herunter, erscheint Michael Klammer als Karl, Star des Stücks, Star des Abends. Ganz klar, das ist Theater, das will und kann nichts anderes sein. Neues gibt es hier ohnehin nicht mehr, was könnte auch gesagt werden, was nicht schon längst gesagt worden ist? Und so klaut Klammer nicht nur bei Schiller, sondern auch – in aller Transparenz – bei René Pollesch und Fabian Hinrichs sowie bei Josef Hader. Er wendet die Schwarz-Weiß-Thematik, die bei Schiller für böse und gut stand, in die Hautfarben- und Rassismusproblematik von heute, streift die kürzliche Blackfacing-Debatte und thematisiert so ganz neben bei seine eigene Identität als einer der wenigen schwarzen Schauspieler an deutschen Theatern. Ganz unaufgeregt und unangestrengt sind wir im Hier und Jetzt. Der große Rebell Karl Moor ist müde geworden, er ist in eine Zeit gefallen, in der Rebellion nicht mehr so einfach ist, weil sich das, wogegen rebelliert werden könnte, immer schwerer fassen lässt.

Immer wieder, fast obsessiv, wiederholt er Moors Verurteilung des „schwachen Kastratenjahrhunderts“ und lässt offen, welches er meint – Schiller, unseres oder beide? Klammer wirft sich in Schillers Text, skeptisch, zuweilen ratlos. Mal findet er etwas, das sich genauer anzuschauen lohnt, nur um bald wieder im heute zu landen. Nichts ist wirklich fassbar und doch scheint alles zusammenzugehören, Schillers Utopie und unsere Wirklichkeit. Michael Klammer spielt das mit enormer Dringlichkeit, mit verzweifelnder Ernsthaftigkeit, er unterhält und verstört im gleichen Augenblick, das Konstrukt, das er aufbaut, ist so fragil, dass man zuweilen an seiner Existenz zweifelt.

Antú Romero Nunes inszeniert Die Räuber konsequent aus heutiger Sicht, hinterfragt es aus unserer  Perspektive, analysiert und testet, was uns das noch zu sagen hat. Gut zweihundert Jahre Theatergeschichte schwingen da mit und werden ausgestellt, das Theater befragt, ob es die Wirkung, die es bei der Uraufführung des Stücks und in Schillers Theorien hatte und haben solle, heute noch entfalten kann. Und wenn nicht, was kann es dann? Und was ist mit der Rebellion, dem Umstürzenwollen des Überkommenen? Kann es mehr sein als blasse Erinnerung, als mühsam aus der Vergangenheit gekramte vergilbende Bilder, als längst Vergangenes,von dem sich nicht mehr mit Sicherheit sagen lässt, ob es jemals wahr war? Der Abend stellt diese Fragen, aber er gibt keine Antworten. Und doch beweist er durch das Stellen dieser Fragen, dass Theater auch heute noch Relevanz zu haben im Stande ist. Vielleicht nicht mehr als moralische Anstalt, aber als Anstoßgeber, als Zum-Nachdenken-Animierer, als Hinterfrager des vermeintlich Selbstverständlichen.

Leider scheint Romero Nunes seinem Konzept nicht so ganz zu trauen, weshalb am Ende plötzlich doch noch gespielt wird, ein Chor erscheint , zunächst im Publikum, später auf der Bühne, sich zuletzt die leere Bühne gar in einen Kitschwald verwandelt. Das ist eben so laut wie überflüssig und bleibt doch ein verzeihlicher Fehler an diesem Abend, an dem sich so viel lernen lässt – über das Theater und noch so einiges mehr.

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