Verstummtes Schweigen

Wajdi Mouawad: Verbrennungen, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Unschuldig schuldig zu werden in einer Welt, welche die Schuld immer weiter vererbt, von einer Generation zur nächsten, eine Spirale von Schmerz, Leid und Gewalt, die sich immer wieder selbst antreibt. Gerade hat Stephan Kimmig mit seinem Tragödienkonzentrat Ödipus Stadt  die Unentrinnbarkeit dieses vermeintlich ewigen Kreislaufs vorgeführt und gleichzeitig das Türchen der Hoffnung einen Spalt breit offen gelassen, da verortet ihn der gebürtige Libanese Wajdi Mouawad ganz in der Gegenwart. Verbrennungen erzählt die Geschichte einer Familie, die den Fesseln des Bürgerkriegs zu entkommen sucht und dafür zunächst das Schweigen überwinden muss, ein Schweigen, das jegliches Entrinnen unmöglich machen würde. Er erzählt die Geschichte Nawals, die nach ihrem Tod ihren Kindern aufträgt, die gesprengten Brücken dert eigenen Geschichte wiederaufzubauen und tief Verborgenes auszugraben. Ihren totgeglaubten Vater sollen sie finden und einen Bruder, von dem sie nichts wussten. Was sie entdecken, ist weit jenseits dessen, was wir gemeinhin für erträglich halten und doch öffnet es erst die Möglichkeit, den Kreis zu durchbrechen. Mouawads Stück ist bei aller Grausamkeit erfüllt von einem kaum fassbaren Optimismus, es ist im besten Sinne Aufklärungsdrama aber auch Emanzipationsstück, denn es sind allesamt Frauen, die selbstbestimmte Entscheidungen treffen und den Deckel herunterreißen von dem, was da unter der Oberfläche modert.

Es ist ein starkes, komplexes, aufregendes Stück, in dem Regisseur Tilmann Köhler aber viel zu wenig findet, wohl auch, weil er nichts sucht oder vielleicht, weil er nicht weiß, wonach er suchen soll. Aufklärung bedeutet hier dreierlei: Zunächst ist es im kriminalistischen Sinne die Aufdeckung des Geschehenen, die Aufklärung eines Verbrechens, das Finden der Täter, die Kenntlichmachung von Schuld. Zum zweiten heißt Aufklärung auch, den Kreislauf, die Mechanismen der Schuld, die Ursachen des Leidens zu vermitteln und Wissen, Erkenntnis, ja Erkennen zu erschaffen, in der Hoffnung, dass diese zur Änderung des Handeln, zum Ausbrechen aus dem wahrhaft teuflischen Kreis führen. Und drittens ist Aufklärung im Wortsinn gemeint: Was dunkel war, soll erhellt werden, was verborgen war, sichtbar. Denn nur wer sieht, kann verändern. Es ist dieser Schritt vom Schweigen zum Sprechen, der im Mittelpunkt des Stücks steht, einen Schritt, den die verstummte Nawal an die nächste Generation abgeben muss.

Bei Köhler findet sich wenig von alldem, er begnügt sich mit Aufklärung in seiner ersteren Bedeutung, inszeniert die Aufdeckung des Geschehenen als mäßig spannendes Kriminalstück, darauf vertrauend, dass das Entsetzliche, das hier nach und nach hervorgekehrt wird, schon genug Wirkung entfalten wird.  Karoly Risz hat ein silbern glänzendes, durch einen Spalt unterbrochenes Podest zwischen zwei Zuschauertribünen gestellt, von denen die Darsteller auf- und in die sie wieder abtauchen. Das ist reichlich plakativ und entfaltet wenig Wirkung. Ja, es geht um Teilung und Trennung, von Ländern, Gesellschaften, Dorfgemeinschaften, Familien. Und ja, das ist unsere Welt, diese Figuren sind Teil dieser Welt, sie sind unter uns. So weit, so klar, aber da hört es dann eben auch schon auf. Zumal der doppelte Zuschauerraum einen unangenehmen Nebeneffekt hat: Ständig drehen sich die Akteure, mal zur einen, mal zu anderen Seite, eine Ablenkung, die der Konzentration dieses zunehmen zerfasernden Abends nicht zuträglich ist.

Vor allem aber lässt Köhler zu vieles in diesem Stück aus oder lässt es bestenfalls passiv mitlaufen. Die Emanzipationsbewegung der weiblichen Mitglieder der Familie – von der Großmutter, die Nawal zum Lesen- und Schreibenlernen schickt, über ihre Enkelin, die sich dem Schicksal entgegensteht und nicht akzeptieren kann, dass andere über ihr Leben entscheiden, bis hin zu Tochter Jeanne, die im Gegensatz zu ihrem Bruder den Mantel des Schweigens aufschlagen und das Verschwiegene hervorholen will – inszeniert er nicht. Einzig Maren Eggers verzweifelt-trotzige Würde und Kathleen Morgeneyers in kompromisslose Hartnäckigkeit umschlagender hilflos-fragender Blick geben kurzzeitig den Blick frei auf diese Ebene, die Köhlers Regie ansonsten übergeht.

Und auch der steinige Weg vom Schweigen zum Aussprechen dessen, was gesagt werden muss, das Wiederfinden der eigenen Stimme, geht weitgehend unter. Das liegt vor allem daran, dass Köhler das Schweigen nicht inszeniert. Von Beginn an liegt eine anstrengende Geschwätzigkeit über diesem Abend, die den zentralen Kontrast des Dramas übertönt. Bezeichnend die Szene, in welcher der Testamentsvollstrecker den Auftrag der Muter verkündet: Während Christoph Franken als Simon poltert und tobt, wütend und trotzig um das Podest herumtobt, steht Morgeneyer als Jeanne unbewegt da, die Augen fragend weit aufgerissen, unfähig zu sprechen. Köhlers Blick gilt dem rasenden Bruder, das Schweigen wird zu Fußnote. Nur selten wird das Schweigen spür- und sichtbar, vor allem durch Eggers und Barbara Heynen als Freundin Sawda, Momente nur, die gleich wieder im hektischen Gewusel untergehen.

Dazu passt auch, dass Köhler offenbar den aufklärerischen Optimismus des Autors nicht teilt. Er erlaubt keine Befreiung durch den Bruch des Schweigens, hier endet die Aufklärung mit der Aufdeckung dessen, was so lange verborgen war. Wenn die Geschwister den Namen ihrer Mutter symbolisch auf ihr Grab schreiben, als Zeichen, den Auftrag ausgeführt zu haben, markiert das ein Ende, keinen neuen Anfang. Hier wird kein Kreis durchbrochen, hat alle Aufregung etwas Vergebliches. Am Ende bleibt ein Abend, der mit einem der eindrücklichsten Stücke der letzten Jahre enttäuschend wenig anzufangen weiß, aber mit einem Ensemble gesegnet ist, das an der einen oder anderen Stelle andeutet, was in diesem Material eigentlich steckt.

Ein Gedanke zu „Verstummtes Schweigen

  1. […] in den ersten beiden Premieren der Spielzeit, Stephan Kimmigs Antiken-Kondensat Ödipus Stadt und Wajdi Mouawads Verbrennungen in der Regie von Tilmann Köhler. Bislang bildete die Demokratie so etwas wie die Leerstelle in diesem Triumvirat – da kommt […]

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