Deutschland sucht den Superkanzler

Michael Frayn: Demokratie, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Man kann nicht behaupten, am Deutschen Theater würde man das diesjährige Spielzeitmotto nicht ernst nehmen. Um Gewalt und Macht ging es ausgiebig in den ersten beiden Premieren der Spielzeit, Stephan Kimmigs Antiken-Kondensat Ödipus Stadt und Wajdi Mouawads Verbrennungen in der Regie von Tilmann Köhler. Bislang bildete die Demokratie so etwas wie die Leerstelle in diesem Triumvirat – da kommt Michael Frayns Stück gleichen Namens gerade recht. Diesmal soll sich alles um Demokratie drehen, genauer gesagt die parlamentarische Demokratie. Grundlage von Frayns Stück ist die Kanzlerschaft Will Brandts, geschildert aus der Perspektive Günter Guillaumes, des DDR-Spions, dessen Enttarnung zu Brandts Rücktritt führte. Frayn schildert die Ereignisse chronologisch, trocken, im Stil eines ARD-Dokudramas. Theatermacher Tom Kühnel und Radiomoderator Jürgen Kuttner ist das naturgemäß viel zu trocken und so wird Demokratie in ihren Händen zur unterhaltsamen Politrevue, die wenig Neues bringt, auch ein bisschen lang geraten ist und deren Botschaft, so sie eine hat, von einer bedenklichen Nostalgie geprägt ist, einem recht simpel gestrickten Pessimismus der Marke „Früher war alles besser“. Und doch macht das ungemein Spaß. Nur um Demokratie geht es eigentlich nicht.

Ausgesprochen wird das Wort, wenn die Erinnerung des Rezensenten nicht trügt, genau zweimal, stehts in der Kombination „parlamentarische Demokratie“ und beide Male ist es Guillaume (Daniel Hoevels), der gegenüber seinem Führungsoffizier (Michael Schweighöfer) davon spricht. Im ersten Fall sagt er, parlamentarische Demokratie sei viel spannender als Bundesliga, im zweiten bezeichnet er sie als ewige Party. Das ist auch der Gestus von Kühnels und Kuttners Inszenierung. In Videoeinspielungen bewegen die Darsteller, die allesamt wichtige Persönlichkeiten der Bonner Republuik geben, ihre Lippen zu „Wir machen Musik, da geht euch der Hut hoch“, Ilse Werners berühmtes Lied aus dem gleichnamigen Film von 1942. Es sind seriös wirkende Herren, in Anzug und Krawatte, an Mikrofonen und hinter Rednerpulten, die hier den Parlamentarismus aus spaßige Karaokeshow inszenieren. Ob die Assoziation mit dem Nazi-Durchhaltefilm intendiert ist, bleibt offen.

Überhaupt opfern Kühnel und Kuttner Relevanz und politische Schärfe gern der Unterhaltung. Reichlich bewegliche Bühnenvorhänge, ein ausgiebiger Einsatz von Videos, Mikrofonen und Kamera-Crews machen die Intrigenspiele schnell zur großen Show, in der Brandt (Felix Goeser) vor allem deshalb zum Kanzler wird, weil er das größte Showtalent ist. Wenn er den Udo Jürgens gibt oder zu Hildegard Knef strahlend ins Publikum einzieht und rote Rosen verteilt, schrumpft diese historische Figur zum oberflächlichen Entertainer. Und wenn dann Jürgen Kuttner in einem deplatzierten, wenn auch gewohnt wortgewaltigen, Einschub davon schwadroniert, es gäbe heute – in einer Zeit, in der Durs Grünbein als Dichter und Richard David Precht als Philosoph durchginge – keine Politikverdrossenheit mehr, weil es auch keine Politik mehr gäbe, gibt er nicht nur Sebastian Haffner in dem so anmoderierten Einspieler recht (den er doch eigentlich kritisieren will). Sein Urteil lässt sich auch gegen die eigene Inszenierung wenden. Während sich die Darsteller von Schlager zu Schlager hangeln und gern auch mal Liedfetzen in ihre Dialoge einstreuen, werden sie viel zu oft zu bloßen Witzfiguren, wirkungsvollen Entertainern in einer Art Seniorenausgabe von Deutschland sucht den Superstar. Da wird der Schlussapplaus in seinen Abstufungen zum Juryurteil, das wohl Bernd Stempel als Herbert Wehner gewinnt.

Dass es sich um eine wesentliche Phase der Nachkriegsgeschichte handelte, in der es um Richtungsentscheidungen von kaum zu überschaubarem Ausmaß ging, wird zwar thematisiert, geht aber in der großen Schlagerparade weitgehend unter, wird eine Harmlosigkeit vorgegaukelt, die dem, was hier dargestellt wird, nie angemessen ist. Dabei funktioniert der Versuch der Charakterisierung durch die Musik streckenweise durchaus, etwa wenn der Zauderer Brandt mit Cat Stevens den neuen Morgen feiert, statt Entscheidungen zu treffen, wenn Wehner Brandt zusingt „Du lässt dich gehen“ oder wenn Guillaumes Weinerlichkeit mit Herman van Veen unterlegt wird. Und doch driftet das immer wieder in pure Beliebigkeit ab, geht es zunehmend nur noch darum, möglichst witzige Liedkombinationen zu finden.

Nach der Pause, als Brandt langsam aber schmerzvoll scheitert, findet der Abend einige ernsthaftere Momente, was nicht zuletzt der exzellenten Besetzung, allen voran dem charismatischen Goeser und dem eiskalten Bürokraten Stempel zuzuschreiben ist. Ansonsten gibt es ein paar schöne Persiflagen des politischen Prozesses, hektisch-komische Auf- und Abgänge oder eine nette Fahrt auf der Drehbühne, auf der sich Guillaume virtuos von einer Gruppe in die nächste fallen lässt. Dabei erfährt man über die parlamentarische Demokratie wenig Neues, um das Titelwort, von dem Brandt ja soviel mehr wagen wollte, geht es hier ohnehin nicht.

Was bleibt, ist eine ungemein kurzweilige, sehr unterhaltsame Politrevue ohne viel Tiefgang, aber mit zahlreichen hochkomischen Momenten. Das ist nicht einmal mehr politisches Kabarett, sondern nur“ noch Comedy, aber streckenweise wirklich gut gemachte. Und angesichts der Erfahrung, dass ambitionierte, gerade auch politisch gemeinte, Theaterabende oft dazu tendieren, in Langeweile abzukippen, ist das vielleicht ja gar nicht so wenig.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: