Perfektion und Liebe

Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle spielen Porgy and Bess konzertant beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Manchmal ist alles so einfach: Wenn Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker George Gershwins bis heute überaus beliebte Oper Porgy and Bess spielen, sollte das diesjährige Musikfest Berlin seinen Höhepunkt  erreichen. Ein äußerst populäres Werk mit so manchem „Hit“, den man gern hört („Summertime“ etwa oder „Plenty of nuttin'“), dazu Sir Simon, der schon so manche denkwürdige Aufführung des Werks leitete, auch Sir Willard White, Rattles ewiger Porgy sollte wieder dabei sein, hinzu kam der Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus aus Südafrika.   Was sollte also schiefgehen? Die Antwort ist schon fast ein wenig langweilig: Nichts. Denn das, was Rattle, sein Orchester, der Chor und die durch die Bank ausgezeichneten Sänger in der Philharmonie aufführen, ist so nah an der Perfektion, wie es nur möglich scheint und atmet gleichzeitig so viel Leben, Wärme, Seele, wie in diese „American folk opera“ hineinpassen.

Dabei tun die Philharmoniker an diesem Abend vor allem eines: Sie halten sich merklich zurück. Die Wirkungstreffer, wie man in der Boxersprache sagen würde, überlassen sie anderen. Ihr Job ist es, das Fundament zu legen, den Hintergrund, vor dem die anderen scheinen können. Und das tun sie auf zuweilen atemberaubende Weise. Da ist jede Note vernehmbar, nimmt und akzentuiert das Orchester die häufigen Stimmungs- und Rhythmuswechsel mit unglaublicher Leichtigkeit, wird jede noch so kleine Schattierung in diesem musikalisch sich aus so vielen Richtungen bedienenden Werkes hörbar. Mal legen die Streicher einen hauchzarten Film über die Szene, nur um gleich darauf harte und präzise rhythmische Akzente zu setzen. Das Orchester schmeichelt sanft, nur um kurz vor dem Umschlagen ins Kitschige die harten Brüche herauszukehren, die Porgy and Bess mit seiner Mixtur aus Jazz, Broadway, Gospel, Spirituals und Blues immer wieder bereithält. Glasklar ertönen die Fanfaren der Bläser, schwungvoll rollt der Ragtime des Klaviers, scharf sind die Übergänge und doch bleibt immer der Blick dem Ganzen verhaftet. Vor allem aber dient das Orchester an diesem Abend den Sängern. Präziser, klarer und stimmungsvoller kann eine egleitung nicht sein und das Ensemble dankt es.

White ist ein begnadeter Porgy: sein Bariton verbindet Stärke und Wärme, auch ihm gelingen die Wechsel zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Selbstbewusstsein und Zweifel auf großartige Weise. Trotz und Liebe verschmelzen zu einer Figur, die lebensgroß da steht, nie Opfer, stets bereit, ihr Recht auf Leben einzuklagen. Die anderem stehen ihm in nichts nach: Latonia Moores (Bess) Sopran hat Fülle und Ausdruck und dazu diese Prise Soul, welche die Rolle braucht. Angel Blue als Clara klingt glockenhell, Lester Lynchs Crown vermittelt eine animalische Energie, die seinen Bariton ins Bedrohliche steigert, Tichina Vaughn lädt ihre Marie mit einer gesunden Portion Straßenweisheit und Komik auf. Der heimliche Star des Abends heißt jedoch Howard Haskin: seinem Drogendealer Sporting Life verleiht er so viel Energie, Rhythmusgefühl, Bühnenpräsenz und Ausdruck, dass man meint, die Rolle noch nie wirklich gehört zu haben. Überhaupt gelingt es den Sängern, diese konzertante Aufführung mit so viel Drama und Leben zu füllen, wie sie so manche Inszenierung gebrauchen könnte.

Verschweigen darf man natürlich auch nicht den Chor: Wenn die Philharmoniker das Rückgrat des Konzerts sind, übernehmen die Südafrikaner die Rolle der Seele. Die exzellente Ausbildung lässt sich beobachten, wenn eine Reihe von Chormitgliedern die kleineren Rollen übernehmen und den gestandenen Sängern ebenbürtig sind. Technische Präzision paart sich mit herausragender Flexibilität. Hier zählt nicht nur Lautstärke, der Chor variiert mit einem kaum fassbaren Reichtum an Nuancen. Auch stimmungsvolle Choreografien bringen immer wieder neuen Schwung in die Aufführung. Das zugegeben etwas stilisierte und nicht ohne Klischees auskommende Milieu der Schwarzen aus den Südstaaten erwecken sie zum Leben, die Catfish Row tut sich auf, ohne dass es ein Bühnenbild bräuchte.

Und so erzählen Rattle, sein Orchester, die Sänger und der Chor diese Liebesgeschichte, die kein Happy End hat aber die Hoffnung nie verweigert, mit einer Wärme und Liebe, die ihresgleichen sucht und dem Zuschauer nahe bringt, warum dieses Werk, das Kritiker bei seiner Uraufführung als Mischung aus Oper und Broadway-Musical verwarfen, vielleicht auch deshalb bis heute so populär ist, weil es Schranken einreißt und durch, von und für die Musik lebt, ganz egal, woher diese kommt. Sir Simon Rattle sind stehende Ovationen nicht unbekannt. Selten waren sie so verdient.

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