Der ausbleibende Aufstand

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie das Stück der Stunde: Erst im Mai war Ibsens Ein Volksfeind in Lukas Langhoffs Bonner Inszenierung beim Theatertreffen zu sehen und jetzt, zu Beginn der neuen Spielzeit, haben gleich zwei Berliner Theater das Spiel um Macht und Ideale, um Wahrheit und Lüge, um Politik und  Populismus auf dem Premierenplan. Den Anfang macht Thomas Ostermeier an der Schaubühne, ein ausgewiesener Ibsen-Spezialist, einer, der die Mechanismen menschlicher Beziehungsgefläche offenlegen kann wie kaum ein anderer, der durch Oberflächen schaut, indem er gerade diese fein säuberlich vor uns ausbreitet. Das Mit-, Neben- und Durcheinander von Gewissen und Macht,von Privatem und Politischem, das Gegeneinander des Individuellen und des Gesellschaftlichen in Ein Volksfeind, es scheint wie geschaffen für Ostermeiers Ansatz. Und doch scheitert er letztlich genauso an dem Stoff wie Langhoff mit seiner plumpen Vergegenwärtigung, seinen grellen Karikaturen und der holzschnittartigen Typisierung. Vielleicht ist dieser Stoff in einer Zeit gesellschaftlicher wie politischer Krisen, einer Zeit allgemeinen Misstrauens gegen Politik und die demokratischen Prozesse einfach zu nah an der Gegenwart, um sich von dieser Nähe nicht vereinnahmen zu lassen. Es wird spannend sein zu sehen, ob Jorinde Dröse am Gorki in der Lage sein wird, die notwendige Distanz zu finden.

Ein Volksfeind Schaubuehne

Foto: Arno Declair

Doch zurück zu Ostermeier. Der Abend beginnt recht stimmungsvoll. Moritz Gottwald darf sein Talent als gefühlvoller Sänger zeigen, später wird es ein paar Bandproben geben, das schafft eine wohlige Atmosphäre, einen Anschein des Beisammenseins, der sich dann schön zur Explosion bringen lässt. Leider nutzt Ostermeier die Chance nicht und so bleiben die musikalischen Einsprengsel, bei denen die ständige Wiederholung von David Bowies „Changes“ eine etwas sehr plakative Beschreibung der opportunistischen Wendehälse ist, die das Stück bevölkern, nur nette Gimmicks, Til des Stückwerks, das hier über zweienhalb pausenlose Stunden ausgebreitet wird. Zunächst gelingt Ostermeier ein stimmiges und teilweise überaus amüsantes Porträt der „Generation Mitte“, jener umwelt- und verantwortungsbewussten jüngeren Menschen, denen es gelungen ist, gutes Gewissen, Weltoffenheit und kleinbürgerliche Spießigkeit perfekt miteinander zu vermengen. Jan Pappelbaums angedeutet hippes, vor allem aus schwarzen, mit Kreide auszumalenden Wänden bestehendes Bühnenbild passt gut dazu. Später wird es seine Bedeutung jedoch weitgehend verlieren. Wie die Musik bleibt es einfache Illustration.Man spricht betont jugendlich, spinnt gemeinsame Pläne und ist in harmonischem Optimismus vereint. Alles so schön nett hier. Ostermeier präsentiert diese Oberfläche gewohnt souverän und locker und doch vielleicht ein wenig zu sympathisch. Dass die Oberfläche sehr dünn ist, scheint kurz auf, aber interessiert nicht weiter.

Schon bald hat Ostermeier genug davon und wirft sich ins politische Ränkespiel. Viel Raum gibt er vor allem Ingo Hülsmann als Kommunalpolitiker Peter Stockmann, der den von seinem Bruder Thomas (Stefan Stern) aufgedeckten Umweltskandal vertuschen will. Genüsslich und professionell spielt er die Klaviatur politischer Überzeugungsarbeit durch, schmeichelt und brüllt, gibt die ernsthafte Sorge ebenso überzeugend wie er hart und unerbittlich erpresst. Überzeugend auch David Ruland als Immobilienbesitzer und Zeitungsverleger Aslaksen, Typ Beamter, immer vorsichtig und doch nicht unsympathisch. Ein gewissenhafter Opportunist, der immer auch an das große Ganze denkt, kein lächerliches Abziehbild wie bei Langhoff. Die anderen Figuren verblassen ein wenig, vor allem Christoph Gawendas Jungjournalist Hovstad kippt zu sehr ins Karikaturenhafte. Ähnliches gillt für Thomas Bading als Fabrikant und Stockmann-Schwiegervater Kiil, der als abgehalfterter Säufer daher kommt. Eva Meckbach spielt Stockmanns Frau so subtil und zurückgenommen, dass sie über weiter Strecken verschwindet. Das weibliche Element kommt in dieser Inszenierung ohnehin nicht vor.  Doch über weite Strecken ist das eine fein beobachtete und nur sanft überzeichnete Beobachtung der Mechanismen politischer Prozesse. Ostermeier laviert geschickt zwischen Bedrohung und Amüsement und gibt seinem Publikum dann doch genug von Letzterem, um die unangenehmen Gefühle weitgehend ausschalten zu können.

In all dem steht Stefan Stern verloren, verwirrt, zunehmend orientierungslos und irrt herum wie ein störrisches, missverstandenes Kind. Sein Badearzt Dr. Stockmann gewinnt nie Kontur, zu abgehoben seltsam kommt er daher, zu nachvollziehbar sind die Peters und Aslaksens. Und letztlich genau das der Sargnagel des Abends. Wenn Stockmann zur offenen Rebellion einsetzt, wenn sein Idealismus in der Versammlungsszene kippt in offene Demokratiefeindlichkeit und die Forderung nach einer Diktatur der Klugen, verpufft das bei Ostermeier komplett. Er kombiniert Ibsens Text mit Passagen aus dem anonymen Pamphlet „Der kommende Aufstand“, doch statt Gegenwärtigkeit zu produzieren, zieht dies die Rede weitgehend ins Lächerliche, zu krude, vage und pompös sind die formulierten Thesen. Ostermeier lässt das Saallicht anschalten, ein paar im Publikum platzierte Schauspieler sollen zu einer Diskussion animieren, das Ergebnis ist angestrengt-peiniches Mitmachtheater.

Vor allem Ruland tut sein bestes, die Gefährlichkeit der Stockmannschen Thesen zu entlarven, doch geht das in der Aufregung der ach so originellen vermeintlichen Auflösung der „vierten Wand“ unter. Wenn dann Gawenda noch Farbbeutel auf Stern werfen kann, zementiert das dessen Opferstatus und diskreditiert die Vertreter der bestehenden Ordnung endgültig. Eine Debatte wie behauptet kann so nicht entstehen, ein Nachdenken beim Zuschauer erst recht nicht, wenn man beide Seiten der Lächerlichkeit preis gibt und das Publikum mit breitem Grinsen da sitzt, denn unterhaltsam ist das allemal. Man kann sich zurücklehnen und so tun, als hätte man sich mit den großen und wichtigen Fragen auseinandergesetzt, ohne dies jemals wirklich tun zu müssen. Ibsen hat zu dem Zeitpunkt schon längst das Theater verlassen, der Aufstand bleibt aus, stattdessen ist das bester Boulevard mit angenehmem Hipness-Faktor. Und so ist die Brücke geschlagen zur anfänglichen, nie besonders bissigen und bösartigen Gegenwartssatire.

Mit Ein Volksfeind gelingt Thomas Ostermeier ein echtes Kunststück: Er verwandelt Ibsens vielleicht verstörendstes, weil an des Grundfesten des bürgerliches Gesellschafts- und Demokrativerständnisses rüttelndes Stück in harmlosen Hipster-Wohlfühl-Boulevard, der niemandem wehtut und noch weniger zum Nachdenken über die derzeitigen Krisen unser Gesellschaft anregt oder gar zwingt.  Was haben wir gelernt: Wenn im Theater Farbbeutel fliegen, sollte man nicht in der ersten Reihe sitzen. Na gut, das ist womöglich besser als gar nichts.

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Ein Gedanke zu „Der ausbleibende Aufstand

  1. […] in diesem Jahr verantwortlich – nach Lukas Langhoffs Gastspiel beim Theatertreffen und Thomas Ostermeiers Spielzeiteröffnung an der Schaubühne. Und tatsächlich macht sie einiges besser als ihre Vorgänger, wirkt ihre Interpretation in Teilen […]

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