Abgeschliffene Ecken

Musikfest Berlin 2012: Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Ingo Metzmacher

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie eine doppelte Heimkehr: Zwischen 2007 und 2010 war die Berliner Philharmonie Ingo Metzmachers musikalische Heimat als Chef des Deutschen Symphonieorchesters (DSO). Noch länger zurück liegt sein letztes Konzert mit den Philharmonikern: 2001 stand er hier zuletzt am Pult. Eine ungewöhnlich lange Pause, die ausgerechnet bei Berlins wichtigstem Musikfestival, dem Musikfest Berlin 2012 endet. Und so überrascht es auch nicht, dass Metzmacher bei seiner Rückkehr darauf bedacht scheint, vor allem für eines zu sorgen: gute Stimmung. Das zeigt sich schon beim Programm: George Grshwins Cuban Ouverture und die zu symphonischen Tänzen verarbeiteten Melodien aud Leonard Bernsteins West Side Story sind das, was man in Amerika „Crowd-Pleaser“ nennt, populäre Stücke, die beim Publikum immer „ziehen“, und auch George Antheils A Jazz Symphony kommt mit seiner Mischung aus Jazz- und Broadway-Melodien äußerst beschwingt daher.

Die Interpretationen verstärken den Eindruck. Vor allem Antheils und Bernsteins Stücke bieten eine Reihe von Ecken und Kanten: Antheil kippt sein Stück immer wieder ins Dissonante und auch Bernstein arbeitet mit harten Brüchen, grellen Dissonanzen und drastischen Tonart- und Tempowechseln. Bei Metzmacher und den Philharmonikern ist davon wenig zu spüren. Metzmacher lässt die Ecken und Kanten konsequent abschleifen, betont wie auch bei Gerschwin das Angenehm-Schwungvolle, betont das Rhythmische und setzt vor allem auf einem schönen Gesamtklang. Stimmungen sind ihm wichtiger als Strukturen, die Werke dienen ihm mehr als Illustrationen der unterschiedlichen Facetten sowie der manigfaltigen Einflüsse amerikanischer Musik. Und so lässt er das Orchester ins Schwingen und Swingen kommen, um den Preis, dass die gespielten Werke viel von ihrer Komplexität und Schärfe verlieren. Bei Metzmacher erscheint der amerikanische Schmelztiegel als Erfolgsgeschichte – die wie soft äußerst spielfreudigen Philharmoniker geben den Soundtrack dazu.

Es wäre ein Abend, bei dem der eine oder andere Zuschauer aus dem Fußwippen nicht mehr herausgekommen wäre, steckte da nicht Charles Ives‘ 4. Symphonie wie ein Stachel im Fleisch des Angenehmen. Dieses Mammutwerk mit weit über 100 Musikern, einem Chor, zwei Fernorchestern und insgesamt drei Dirigenten ist das vielleicht extremste Beispiel Ivesscher Kompositionskunst, die sich im Nebeneinander und der Gleichzeitigkeit des Disparaten zeigt. Zeitweise agieren unterschiedliche Orchesterteile völlig unabhängig voneinander, im ersten Satz spielt ein Fernorchester von Anfang bis Ende sein eigenes Stück. Ives kombiniert alte Kirchenhymnen mit modernsten Kompositionstechniken. Das Ergebnis ist ein ständig auseinander strebender Vielklang, der im Fall seiner Vierten zwischen lautstark-bedrohlichen Weltenlärm (zweiter Satz) und bekenntnishafter Innerlichkeit (dritter Satz) changiert und im Finale sich in mystische Sphären erhebt.

Metzmacher und den Philharmonikern gelingt es, allen Einzelementen ihr Recht zukommen zu lassen und den Gesamteindruck sich aus den Einzelteilen zusammenfügen zu lassen. Pierre-Laurent Aimards Solo-Klavier schwebt über dem Gewimmel und ist zugleich ein Teil von ihm. Nur selten erreichen Orchester und Dirigent die Leichtigkeit, mit der das London Symphony Orchestra vor einigen Tagen Ives‘ New England Holidays zum Strahlen brachte und doch gelingt es dem Orchester zuweilen, der Musik ein Leuchten zu entlocken, sie in all ihren Schattierungen hörbar zu machen und dem Zuhörer einen Eindruck zu vermittel´n von dem, was Ives‘ Musik so einzigartig und faszinierend macht. Ein Leuchten, dass sie auch dem letzten von Bernsteins symphonischen Tänzen schenken, diesem zerbrechlich-schmerzlich-hoffnungsvollen Abschiedsgesang, der dem Abend dann doch noch einen wahrhaft bewegenden Abschluss gibt.

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