Der Klang der Moderne – Teil 2

Das London Symphony Orchestra zu Gast beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Laut tönt die unruhige, wimmelnde Moderne auch zwei Tage darauf, in Aaron Colpands Orchestral Variations, mit denen das London Symphony Orchestra sein Gastspiel eröffnet. Ursprünglich 1930 für Klavier entstanden und 1957 orchestriert, erscheint die moderne Welt hier grell und gleißend, ist der schneidende Fanfarenton das Sinnbild einer Moderne, die ihren dunklen Abgrund nie versteckt. Wo bei Varèse staunende Faszination herrscht, irrlichtern bei Copland die Töne umher und sich am Ende zu einer gewaltigen Größe zu steigern, die ebenso Ehrfurcht gebietet, wie sie Bedrohung ausdrückt.

Michael Tilson Thomas, Chef des San Francisco Symphony Orchestra und ehemaliger Chefdirigent des London Symphony Orchestra (dessen erster Gastdirigent er bis heute ist), gilt als Experte für die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts, eine Musik, die ihm besonders am Herzen liegt. Das spürt man auch in Berlin – noch bevor der erste Ton erklingt. Tilson Thomas stellt die ersten beiden Stücke persönlich vor und spricht über Werk und Komponist – auf deutsch. Michael Tilson Thomas, den sie in San Francisco (und nicht nur dort) nur MTT nennen, ist als Vermittler nach Berlin gekommen, als einer, der uns diese Musik näher bringen will. Das zeigt sich auch im Lauf des Konzertes. Der große interpretatorische Impetus fehlt, vielmehr sollen diese Werke, diese musikalischen Welten vorgestellt werden, dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben werden, sich ihnen zu nähern. Und so ist ein London Symphony zu erleben, dem die klangliche Schärfe fehlt, die es unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev so oft auszeichnet. Das so typische Kratzen an der Oberfläche, das Offenlegen dessen, was sich darunter verbirgt, die damit einhergehende Schroffheit – sie weichen einer Zurückhaltung, einer sachlichen Vorsicht, die diesen Werken gut tut.

Das gilt insbesondere für Morton Feldmans Piano und Orchestra, ein Werk, bei dem es nur um den Klang geht, ohne Rücksicht auf musikalische Entwicklung, ein Stück, in dem die Zeit still zu stehen scheint, in der Musik zum Raum wird. Pianist Emanuel Ax stellt sich ganz in den Dienst dieser Klangwelten, sein Klavier schwebt über und im Orchester, ist Teil des Ganzen und reiht sich ein in das zurückhaltende, klare Spiel der Londoner. Die „Schönheit der Traurigkeit“, von der Tilson Thomas in seiner Einleitung sprach, hier wird sie spürbar, weht sie wie ein sanfter Windhauch durch die Philharmonie. Ansonsten legt sich die Musik flächig über ihr Publikum, und wird dabei nie schwer.

Das gilt auch für das letzte Werk, Charles Ives‘ vier zu einer Symphonie zusammengefügten Stücke New England Holidays. Erinnerungsstücke allesamt, welche die Eindrücke, die die Feiertage in der kindlichen Seele hinterlassen haben, heraufbeschwören sollen. Und so schälen sich aus dem Klangnebel Melodien, Märsche, Hymnen, Festtagsmusik heraus, verschwinden wieder, überlagern einander und prallen dissonant aufeinander und auf die neue, moderne Welt, in der diese Erinnerungen keinen Platz mehr haben. Die Vermischung von Neuer Musik mit Überliefertem ist von atemberaubender Spannung geprägt und Tilson Thomas erzeugt diese, indem er das Orchester auf jeden Ton, jede Melodie lauschen lässt und alles gleichberechtigt nebeneinander stellt und zusammenfügt.

Michael Tilson Thomas und dem London Symphony fehlt die Intensität, welche die Amsterdamer auszeichnete, ihnen geht es mehr darum, diese Musik vorzustellen, eine Art besonderer Bildungsauftrag, den sie mit ähnlichem Erfolg erfüllen wie zwei Tage zuvor Mariss Jansons und das Concertgebouw-Orchester den ihren.

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